Regiowikis Bürgerjournalismus durch die Hintertür

In die Zeitung von gestern wird der Fisch von heute eingewickelt, die Rathaus-Chroniken vergilben im Archiv und Opas alte Fotos in Kisten. Heute versuchen Webseiten diese Informationen zu versammeln: Regiowikis machen Lokalinfos für jeden verfügbar - und werden zur Konkurrenz für Lokalzeitungen.

Von Mathias Hamann

StadtWiki: Die Oberfläche ist betont nüchtern und funktional. Wikis bieten Möglichkeiten, Themen lexikalisch aufzubereiten - aber eben auch die, aktuelle Informationen prominent zu platzieren

StadtWiki: Die Oberfläche ist betont nüchtern und funktional. Wikis bieten Möglichkeiten, Themen lexikalisch aufzubereiten - aber eben auch die, aktuelle Informationen prominent zu platzieren


"Nix hebt ewich, hot selli Fraa g'saat, - nix bleibt für immer, sagte seine Frau." So beginnt ein Gedicht des Badener Mundartdichters Hermann Dischinger. Er und seine Bedeutung für die Region Karlsruhe würden bald die meisten vergessen, denn "Nix hebt ewich"; doch es gibt Leute, die das verhindern.

Die Lokalzeitung? Nein, die schrieb zwar einen Artikel zum 65. Geburtstag, doch der vergilbt inzwischen in der Bibliothek. Ein Lexikon? Dafür ist er zu irrelevant. Nein. Seine Biografie findet sich im weltgrößten Regiowiki, dem Stadtwiki Karlsruhe.

Regiowikis sind eine Mischung aus Regionalportal, lokaler Chronik und Geschichtensammlung. Alles funktioniert nach dem Wikiprinzip, jeder kann mitmachen, vom Hobbyhistoriker bis zum Freizeitfotografen, vom Schüler bis zum Rentner.

"Ich hole meine Ideen aus der Zeitung", erklärt Beate Paland. Die Programmiererin liest täglich die "Badischen Neuesten Nachrichten", in der Zeitung fischt sie nach Informationen wie Nachrufen oder Jubiläen. Die Daten aus dem Lokalblatt überprüft und ergänzt sie mit recherchiertem Material. Daraus baut sie für das Stadtwiki Karlsruhe Artikel, wie den über den Mundartdichter Hermann Dischinger. Die Karlsruher betreiben nach eigenen Angaben das größte der Welt mit fast 20.000 Artikeln und über 12.000 Bildern.

In Frankreich betreuen Behörden die Portale

Das Ganze erinnert an die Ideen der Siebziger, als alternative Zeitungen, freie Radios oder später offene TV-Kanäle jeden einluden, sich selber medial zu verbreiten. Die Berliner Tageszeitung "Taz" entstand aus diesen Ideen. Sind auch die Regionalwikis auf diesem Weg?

"Wir sind weniger Journalisten als Chronisten, wir sind nicht tagesaktuell, sondern zeitlos," sagt Friedel Völker. Der gemütliche Informatiker werkelt in seiner Freizeit am Regiowiki Pforzheim. Wie in der Wikipedia, bemühten sich auch Regiowikis um einen neutralen Standpunkt, Glossen oder Kommentare gäbe es nicht. Der Pforzheimer erklärt auch den Unterschied zum Onlinelexikon: Dort fliegen Beiträge raus, die irrelevant sind, beispielsweise jene über regionale Mundartdichter. Regiowikis befassen sich nur mit lokalen Themen und da ist Platz dafür.

Das Prinzip breitet sich aus, von Trier bis Dresden, von Passau bis Kiel - für rund 50 deutsche Regionen existieren bereits solche Webseiten. Friedel Völker hat kürzlich den ersten Kongress zum Thema veranstaltet, in die Hochschule Furtwangen lud er Regiowikipedianer aus ganz Europa, es kamen knapp 50 aus Deutschland, Russland und Frankreich.

An der französischen Atlantikküste arbeitet Gaëlle Fily. Die Stadtverwaltung Brest engagierte die IT-Beraterin als "Animatrice du projet" für das Wiki der Region. Sie organisiert Treffen der Aktiven und knüpft Kontakte. Mit Erfolg: Neben Hobbyschreibern steuern auch Lokaljournalisten Artikel bei, Professoren liefern Animationen alter Gebäude und es finden sich sogar gesprochene Texte zu Sehenswürdigkeiten der Stadt. In Frankreich wollen ein Dutzend Lokalverwaltungen Informationen über ihre Region so ins Netz bringen und stellen dafür Betreuer ein. Von soviel Enthusiasmus auf Behördenseite ist Deutschland weit entfernt: In deutschen Rathäusern nutzt man lieber die Lokalpresse als Sprachrohr - die druckt die Pressemitteilungen allzu oft unverändert. Die Pforzheimer und Karlsruher erhalten immerhin die Pressemitteilungen ihrer Verwaltungen.

Konkurrenten für Regionalblätter

"Viele Zeitungsverlage verschlafen hier eine Entwicklung - mal wieder." Anton Simons arbeitet selbst als Lokaljournalist. Auch er hat einem Verlag bereits 2004 ein Regionalwiki vorgeschlagen - der aber lehnte ab. Nun betreibt er mit einigen Mitstreitern in seiner Freizeit das Wiki für den Landkreis Ahrweiler. Das gedeiht prächtig: Inzwischen sei es die Nummer Zwölf auf der Weltrangliste der Stadt- und Regionalwikis und zähle monatlich rund 30.000 Besucher.

Regiowikis könnten für Lokalblätter zu Konkurrenten werden, denn auch sie schicken Vertreter zu Pressekonferenzen, berichten über die Geschichte einer Kirche, listen Veranstaltungstipps auf und liefern Infos für neue Stadtbürger. Ein Potential eigentlich auch für die Zeitung vor Ort, die das mit Werbung verknüpfen könnte. Doch die lokalen "Badischen Neuesten Nachrichten" in Karlsruhe verschließen ihre Informationen und lassen sie lieber in der Bibliothek vergilben, als sie online via Archiv zugänglich zu machen. So finden Leute Informationen über die Region eben im Karlsruher Stadtwiki - und wissen wer Hermann Dischinger ist.

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