Reingefallen Dutzende News-Seiten übernehmen Hacker-Ente

Am Rande der Hacker-Konferenz "What the Hack" freute sich die niederländische Polizei über positive Publicity. Zu unrecht, wie sich herausstellte. Die Nachrichtenagentur AP war auf eine Spaßmeldung der Konferenz-Website hereingefallen.

Von Susanne Schulz


Camp "What the Hack": "Bei uns kann jeder was machen"
Susanne Schulz

Camp "What the Hack": "Bei uns kann jeder was machen"

"Hacking is not a Crime" steht in grossen freundlichen Buchstaben auf dem Transparent, das über dem Hinterhof eines Bauernhauses in der Nähe des niederländischen Örtchens Liempde hängt. Auf dem Hof stehen zwei geräumige Mannschaftstransporter der holländischen Polizei, Abteilung Cybercrime. 16 Polizisten tun hier seit Donnerstag bis Sonntag Dienst auf der alle vier Jahre stattfindenden Hacker-Konferenz "What the Hack".

"Donnerstag früh um zehn Uhr ging es los", erzählt Polizist Ruud Elderhorst. Es waren etwa 50 Hacker, die im Laufe des Tages bei den Polizeicontainern vorbeischauten, um Tickets zu kaufen. "Sie wollten gerne an dem Workshop von uns teilnehmen." Elderhorst und sein Kollege Ruud Tijs freuten sich über den interessierten Andrang - nur: es gab keinen Workshop.

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Hackercamp in Holland: "Hacken ist kein Verbrechen"

Die Hacker waren einer Ente auf den Leim gegangen. Einer von ihnen hatte in der Nacht zuvor im offiziellen Wiki der Seite www. Whatthehack.org eine Meldung eingegeben: Die Polizei biete einen Workshop zum legalen Datenabhören an.

Das stieß natürlich auf großes Hallo in der Hacker-Gemeinde. Obwohl kurz darauf der Eintrag ergänzt wurde, dass es sich nur um einen Scherz handle, brach der Strom der Interessierten nicht ab. "Vielleicht sollten wir so etwas tatsächlich das nächste Mal anbieten", überlegt Elderhorst.

Erst am Abend des Donnerstags stellte sich dann heraus, welche Wirkung diese Wiki-Meldung tatsächlich hatte: Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) hatte die Meldung über die fortschrittliche und freundliche Polizei, die sich mit eigenen Vorträgen am Hackerkongress beteiligt, in ihren Ticker ungeprüft aufgenommen. Die Folge: Dutzende Nachrichtenseiten, etwa die der "Washington Post", von "USA Today", "CNN" und "ABC-News", ja sogar von der indischen "Hindustan Times", berichteten darüber.

Das überraschte selbst den Verursacher der Meldung. Er ist ebenfalls Teilnehmer der Konferenz und wollte eigentlich nur sehen, ob social hacking tatsächlich funktioniert.

"What the Hack" ist ein Open-Air-Festival, umgeben von einer Zeltstadt, in der an die 3000 Hacker aus fast allen europäischen Ländern und Übersee vier Tage zusammen kommen, Vorträge hören, Workshops veranstalten und feiern. "Sinn ist, dass sich die Hacker unter einander austauschen und mal persönlich kennen lernen", sagt Veranstalter Rop Gonggrijp.

Zum ersten Mal fand die Konferenz 1989 in einer ehemaligen Kirche in Amsterdam, als Veranstaltung der Hackerzeitschrift "Hack-Tic" statt. Das Heft gibt es zwar seit 1993 nicht mehr, aber die Konferenz hat überdauert. Alle vier Jahre unter jeweils anderem Motto findet sie als Open-Air-Festival statt. "Bei uns kann jeder was machen. Es bilden sich Villages, wo die Leute sich zusammentun und zeigen, was sie können." Das sei auch das Besondere an der Veranstaltung, das sie von anderen Hacker-Konferenzen, wie der DefCon, unterscheidet, die derzeit in Las Vegas stattfindet.

Obwohl Gonggrijp kein Spannungsverhältnis mit der Polizei feststellen kann, wird sie unter den Teilnehmern mit gewissem Argwohn beobachtet. "Die laufen hier durch die Zelte und fotografieren, welche Clubs miteinander die Netzanschlüsse teilen", erzählt einer der Hacker. Polizist Elderhorst erklärt, permanente Überwachung der Hacker sei nicht seine Aufgabe. Erst wenn Meldung der Polizeizentrale käme, dass Hackerangriffe von hier ausgingen, würden sie tätig.

Elderhorst sieht etwaige Spannungen nicht so eng: "Unsere Truppe besteht aus lauter Freiwilligen", erzählt er. "Wir besuchen die Vorträge und reden mit den Leuten hier." Elderhorst erträgt die Scherze der Community mit Fassung: Polizisten sind zum Beispiel an ihren pinkfarbene Armbändern erkennbar. Das brachte einige der Hacker auf die Idee an einem viel besuchten Zelt ein Schild anzubringen, es handele sich um Homosexuelle, die damit ihr Coming-Out kundtun wollten. "Da haben wir wenigstens auch was zu lachen", sagt Elderhorst.



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