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25. Juli 2008, 12:45 Uhr

Reklamepanne

Branche verspottet Tölpel-Werber

Von Jan-Philipp Hein

1200 neue Freunde mit einer E-Mail: Eine Software-Firma warb in einer E-Mail für ein neues Produkt, und die Empfänger standen für alle anderen sichtbar im CC-Feld. Das Missgeschick amüsiert die Branche seit Tagen - Web-Shops verkaufen T-Shirts und Kaffeetassen, eine Fangruppe johlt bei Xing.

Unter Werbern gilt virales Marketing als große Herausforderung. Es geht darum, Werbebotschaften über soziale Netzwerke zu verbreiten – am besten getarnt, so dass die Mundpropagandisten den werblichen Gehalt ihrer Aussagen gar nicht wahrnehmen.

So gesehen hätte die Softwareschmiede "Quo Tec" einen enormen Erfolg gelandet. Deren Mitarbeiter Markus Thöne schickte vor einer Woche eine Werbemail an einen mehr als 1200 Empfänger großen Verteiler. Betreff: "Mehr freie Zeit".

Spam: Mehr als hundert Milliarden unerwünschte Werbe-Mails verschicken Spammer nach Experten-Schätzungen täglich an Unbekannte
AFP

Spam: Mehr als hundert Milliarden unerwünschte Werbe-Mails verschicken Spammer nach Experten-Schätzungen täglich an Unbekannte

Darin preist Thöne die Vorzüge der Agentursoftware des Hauses an, die den Empfängern, kreativen Agenturmenschen, so viel Zeit spare, dass viel mehr fürs Kreativsein bliebe. Aus dem Werbe-Mailing ist ein veritabler Aufreger in der Agenturszene geworden, der zeigt, dass "Quo Tec" ein Zeitproblem bekämpfen will, das unter den Kreativen längst nicht alle haben.

Auch Behörden verschicken Massenmails

Thöne hat alle Adressaten der Mail ins CC-Feld seines Mailprogramms kopiert, sodass jeder Empfänger mit der Allen-Antworten-Funktion jedem Mitempfänger auf die Nerven gehen konnte. Davon macht die Kreativszene in Deutschland nun reichlich gebrauch.

Mittlerweile hat jeder vom Verteiler mehr als hundert Mails bekommen, in denen man sich mehr oder weniger gehässig über Thönes Missgeschick lustig macht. Die einen drohen "echten Ärger" an, wenn sie nicht aus dem "ominösen Verteiler" genommen würden, woraufhin der nächste diese Bittstellerin dann aus den Grüßen an die Kommune ausklammert – aber nicht vom Verteiler nimmt. Wieder andere berichten, dass Kollegen sie anflehten, auch auf die Liste genommen zu werden.

Bemerkenswert an der Geschichte ist neben der Aufregung in der Szene, dass vielen Absendern dieser grobe Schnitzer unterläuft. Auch Pressestellen von Behörden, die unzählige Redaktionen, Presseverteiler und einzelne Journalisten erreichen wollen, scheren sich nicht immer um den Datenschutz und setzen für alle sichtbar unzählige Empfänger ihrer Mails in die Adresszeile.

So etwa die Braunschweiger Staatsanwaltschaft, die laufend Pressemitteilungen wegen der diversen Verfahren rund um die VW-Affäre absendet. Doch eine hin- und herwogende Spamflut wie im Fall Thöne wird daraus nicht. Kreative haben nicht nur Zeit, sondern auch ein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis.

Kaffeetassen und T-Shirts im Thöne-Fan-Shop

"Zwangscommunity" hat einer der Nutzer des Allen-Antworten-Buttons an seine 1200 neuen Freunde geschrieben. Besonders rührige Mitglieder des Thöne-Netzwerks haben dem Initiator eine Website gewidmet, samt Fanshop mit T-Shirts und Kaffeetassen.

Auf denen stehen so naheliegende Kalauer wie "Hast Du Thöne". Freie Zeit ist dafür da, Kreativität in Maßen. Daneben verlinken Werbebanner Agenturen und auch Anbieter von Agentursoftware, die womöglich aus dem Malheur des Mitbewerbers Kapital schlagen wollen. Auf dem Online-Kontaktmarktplatz Xing, wo sich viele Freiberufler und Selbständige versammeln, gibt es nun auch eine Gruppe, die sich mit Thönes Missgeschick befasst.

Arbeitgeber nimmt Kündigung nicht an

Und während sich die Kreativen zwischen Isar und dänischer Grenze auf die Schenkel klopfen und nur hie und da Frust über das Massengemaile aufkommt, ist man in den Niederlanden schon schwer entnervt: "Bitte hört auf, mir Mails zu schicken. Die machen mich verrückt und mein Mailprogramm ist auch unglücklich", schreibt eine Kreative aus Amsterdam, die offenbar wirklich keine Zeit hat.

Des einen Freud ist des anderen Leid. Markus Thöne hat in dieser Woche bei seinem Arbeitgeber im rheinländischen Ratingen gekündigt, was der nicht akzeptiert hat: "Jeder hat schon mal so einen Bock geschossen", sagt Thönes Chef Klaus Fuhrmann SPIEGEL ONLINE. Ja, der Mitarbeiter sei schwer geknickt. "Aber er ist ein intelligenter Mann", so Fuhrmann über den 44-Jährigen, der selbst nicht zu sprechen ist.

Ansonsten nimmt Fuhrmann die Sache mit Humor. Angeblich habe die Massenmail sogar neue Interessantenanfragen nach der Software gebracht. "Aber eins kann ich ihnen versichern", so Fuhrmann: "Das war keine kalkulierte Aktion."

Also doch kein virales Marketing.

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