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Relaunch: Warum Twitter ein neues Gesicht bekommt

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Der Kurznachrichtendienst Twitter gibt sich ein neues Gesicht. Er nimmt sich ein Beispiel an extern entwickelten Anwendungen, die längst mehr Information auf engem Raum liefern als der Mutter-Dienst selbst. Der Umbau ist nötig, weil diese externen Programme zu erfolgreich sind.

Twitter: Relaunch soll Nutzer nach Hause locken Zur Großansicht
AFP

Twitter: Relaunch soll Nutzer nach Hause locken

Twitter hat ein Problem. Der Dienst erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, doch die Website Twitter.com bekommt zu wenig von all der Aufmerksamkeit ab. Indem das Unternehmen sehr frühzeitig Programmierwerkzeuge, die sogenannte API, für externe Entwickler zugänglich gemacht hat, schuf es große Vielfalt - und damit gleichzeitig große Konkurrenz. Twitter wird von überallher genutzt, aber nicht sehr häufig aus dem Web-Angebot von Twitter selbst heraus.

Für das Unternehmen, das immer noch auf der Suche nach Refinanzierungsmöglichkeiten ist, stellt diese Entwicklung eine echte Hürde dar. Wie schön wäre es, Twitter-Nutzer zumindest im Umfeld ihrer Kurznachrichten mit Werbung zu beschicken, diskret vielleicht, wie Google das mit seinen Suchanzeigen macht. Dazu aber müsste man Twitter-Nutzer auch an Twitter.com oder die eigene Mobilseite m.twitter.com binden. Genau das versucht das Unternehmen nun, mit einem Neustart des eigenen Angebotes, der sehr viele Ideen übernimmt, die externe Entwickler in anderen Twitter-Clients bereits umgesetzt haben.

Vorbereitet wurde der Relaunch schon am 2. September mit einem Blog-Eintrag, der ein etwas schiefes Bild zeichnete von der tatsächlichen Nutzung des Dienstes. 78 Prozent aller Unique User der vergangenen 30 Tage, hieß es da, hätten Twitter.com genutzt, weitere 14 Prozent die hauseigene Mobilseite. In dieser Statistik erschienen andere Twitter-Clients wie die Anwendungen für iPhone und Blackberry, oder die von externen Entwicklern verantworteten Anwendungen wie Tweetdeck, Echofon und andere weit abgeschlagen mit einstelligen Prozentzahlen. Die zugehörige Grafik suggerierte: Twitter-Nutzer nutzen vor allem die Website. Doch das Gegenteil ist richtig. Zwar loggen sich die meisten vermutlich ab und zu mal im Mutterschiff ein, um nach dem rechten zu sehen oder Profileinstellungen anzupassen. Doch der Löwenanteil der Nutzung findet anderswo statt.

75 Prozent des Traffics von außerhalb

Noch im April verrieten die Unternehmensgründer Biz Stone und Evan Williams bei einer selbstorganisierten Konferenz, dass 75 Prozent des Twitter-Traffics von außerhalb von Twitter.com stammt. Die Intensivnutzer des Dienstes greifen eben eher vom Handy, von einem Browser-Plug-in oder einem eigenen Desktop-Client darauf zu. Auch im Blog-Eintrag vom 2. September wurde das erwähnt - aber am Rande, ohne konkrete Zahlen zu nennen: "Die Nutzer von Programmen wie TweetDeck gehören zu den aktivsten und häufigsten". Ein "überproportionaler Anteil des Traffics" laufe deshalb über derartige Werkzeuge. Wie groß dieser Anteil ist, wurde diesmal aber nicht mehr verraten.

Ob der Relaunch, den Twitter in den kommenden Wochen schrittweise vollziehen will (am Mittwochmittag war in Deutschland noch die alte Benutzeroberfläche zu sehen), daran etwas ändern kann, ist fraglich. Er macht Twitter zunächst vor allem komplexer: Fotos und Videos, auf die in Tweets verwiesen wird, können nun in einer Seitenspalte direkt angezeigt werden. Ahnliche Funktionalität bietet beispielsweise das Firefox-Plug-in PowerTwitter schon lang, ebenso wie der beliebte externe Client TweetDeck.

Zum Tweet passende Information - Raum für Werbung?

Schlechte Nachrichten sind das für externe Anbieter wie Twitpic und Yfrog, die bislang davon leben, dass sie neben von Twitternutzern hochgeladenen Bildern Werbung platzieren. Wenn kein Nutzer mehr auf einen Link klicken muss, um ins Originalangebot zu kommen, dann werden diesen Anbietern die Besucherzahlen wegbrechen.

Andere Neuerungen sollen Twitter noch sozialer machen: Neben den teils kryptischen Nutzernamen wird nun stets der volle Name angezeigt, den der jeweilige Nutzer in seinem Profil angegeben hat. Persönliche Direktnachrichten und namentliche Erwähnungen sind nun über eigene Karteireiter auf der Seite leichter zu erreichen. Für jeden Nutzer lassen sich nun aus der eigenen Timeline, der Liste der jüngsten Kurznachrichten heraus, sogenannte Miniprofile anzeigen, denen man beispielsweise entnehmen kann, wie viele Follower jemand hat.

Vor allem aber soll ein Klick auf einen Tweet in der Seitenspalte "dazu passende Inhalte" anzeigen, beispielsweise direkte Erwiderungen, die den entsprechenden Nutzer betreffen, eine Karte, die den Aufenthaltsort des Nutzers anzeigt, "und mehr", wie es bei Twitter heißt. Hier also ließe sich künftig auch Werbung platzieren. Wer auf einen Tweet über das aktuelle U2-Konzert klickt, könnte beispielsweise Werbung für Tickethändler oder Platten zu sehen bekommen. Angekündigt wurde das allerdings noch nicht.

Die Suchfunktion wurde um Einschränkungsmöglichkeiten ergänzt: Es lassen sich nun Tweets nur aus der unmittelbaren räumlichen Umgebung anzeigen, von Nutzern, die dem Dienst erlauben, etwa über die GPS-Lokalisierung ihres Telefons ihren Aufenthaltsort festzuhalten. Außerdem lässt sich die Suche auf Tweets einschränken, die Links enthalten - die wichtigste Währung, wenn Twitter als aktuelles Nachrichtenmedium genutzt werden soll. Die Echtzeit-Suche von Microsofts Suchmaschine Bing etwa bietet diese Funktionalität schon seit einiger Zeit.

Ob der Relaunch tatsächlich dafür sorgen kann, dass wieder mehr Nutzer Twitter.com nutzen, wird sich im Lauf der Zeit erst zeigen. Ablesen können wird man es nicht zuletzt an der Freigebigkeit, mit der das Unternehmen künftig tatsächlich aussagekräftige Nutzungsdaten preisgibt.

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