Rena Tangens


Wer sind Sie, was macht Ihr Profil, Ihre Qualifikation aus?

Rena Tangens:

Ich bin Künstlerin, lebe in Bielefeld und habe das erste Modem auf die documenta (d8!) und die Häcksen in den Chaos Computer Club gebracht. 1984 habe ich gemeinsam mit padeluun das Kunstprojekt Art d'Ameublement gegründet und 1987 den FoeBuD e.V. (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs).

Dieser Verein mit dem unaussprechlichen Namen zeichnet unter anderem verantwortlich für die BIONIC MailBox, aktive Teilhabe in den Bürgernetzen Zerberus, /CL, Solinet und APC, die Einrichtung des Zamir Transnational Network in Ex-Jugoslawien 1992 und die Veröffentlichung des ersten deutschsprachigen Handbuchs zu dem Verschlüsselungsprogramm PGP (Pretty Good Privacy). Seit 1987 bin ich Kuratorin unserer monatlichen Veranstaltungsreihe PUBLIC DOMAIN, die sich Themen aus Zukunft und Technik, Politik und Wissenschaft, Gesellschaft, Kunst und Kultur widmet. Weitere Infos: http://www.foebud.org

Im übrigen erforsche ich das Leben im Netz auch aus wissenschaftlichem Interesse (Doktorarbeit), schreibe Artikel und halte oft Vorträge für Organisationen, Firmen und Institutionen bis hin zur Enquete- Kommission des Deutschen Bundestages.

Was bedeutet die Icann-Kandidatur für Sie? Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Tangens: Ich habe mich zunächst gar nicht um eine Kandidatur bemüht, da ich Icann für ein problematisches Gremium halte und diese Abstimmung für ein digitales Feigenblatt einer zutiefst undemokratischen Organisation.

Andere aus dem Netz fanden es nicht in Ordnung, Icann so einfach den Konzernen und Technikfetischisten zu überlassen. Dieses Anliegen war ihnen immerhin so wichtig, daß sie geschafft haben, mich unterwegs auf dem Bahnhof von Roc (Kroatien) zu erreichen, um meine Zustimmung zu einer Nominierung zu bekommen...

Warum glauben Sie, daß Sie im Icann-Direktorium sitzen sollten?

Rena Tangens
Foto: privat

Rena Tangens

Tangens: Im Unterschied zu den meisten Leuten im Direktorium glaube ich nicht an den neoliberalen Kitsch von wegen es sollte möglichst wenig Regulierungen für die Firmen geben, die Konsumenten werden schon entscheiden und der Markt hat immer Recht.

Dieser Lobby-Klüngel braucht dringend Leute, die wissen: Technik ist nicht neutral, sie transportiert immer auch eine Art, die Welt zu sehen. Ganz konkret wird durch Netzstandards unsere Kommunikation wirkungsvoll kanalisiert: "Defaultwerte sind Politik."
Nur wem das bewusst ist und wer die Menschen und die Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt seiner/ihrer Überlegungen stellt, kann hier andere Fragen stellen, unter anderem auch die nach Icanns Legitimation.

Was können Sie beitragen zu einer konstruktiven Weiterentwicklung von Icann?

Tangens: Meine langjährigen praktischen Erfahrungen

  • mit Bürgernetzen in verschiedenen Ländern, die nicht-kommerziell, dezentral und demokratisch organisiert sind.
  • in der intensiven Zusammenarbeit mit Programmierern/Technikern bei der Entwicklung einer Netzsoftware, die Kriterien wie Schutz der Privatsphäre und Achtung des Netzes als sozialem Raum berücksichtigt.
  • in Kontakt, Beratung und Schulung von verschiedensten Teilnehmer/innengruppen im Rahmen meiner Arbeit als Systembetreuerin eines Netzknotens in Bielefeld (seit 1989).

Meine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wechselbeziehungen zwischen Netz, Demokratietheorie und Architekturpsychologie.

Wen vertreten Sie?

Tangens: Ich trete als Person zu dieser Wahl an, nicht als Vertreterin einer Organisation, Firma oder Lobbygruppe. Ich möchte all den Menschen eine Stimme geben, die sich nicht primär als Anbieter oder Konsumenten verstehen, sondern als Bürger/innen einer Gesellschaft im Aufbruch. Wenn diese Gesellschaft lebenswert sein soll, muß sie von allen mitgestaltet werden. Das heißt, ich will nicht nur die derzeitigen Netizens vertreten, sondern auch alle zukünftigen und auch die, die es nie sein werden, weil auch sie von den Folgen der Vernetzung betroffen sind.

Werden Sie von irgendjemandem "gestützt", ideell oder finanziell?

Tangens: Ich erhalte keinerlei finanzielle Unterstützung. Das ist zugleich eine Forderung an Icann: Volksvertreter/innen müssen selbstverständlich für ihre Arbeit als solche bezahlt werden - und zwar regelmäßig und transparent. Zuwendungen von anderer Seite stellen ihre Unabhängigkeit in Frage - oder Politik beziehungsweise Mitarbeit in Gremien wie der Icann wird ein Job exclusiv für Reiche.

Die internationale APC (Association for Progressive Communication) hat gerade zu meiner Wahl aufgerufen.



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