Fünf Videohighlights der re:publica "Der rülpsende Burger, der ist genial"

Die re:publica ist vorbei, doch im Netz geht es jetzt erst los: Über 120 Vortragsvideos stehen online, es geht um Emojis, Hoaxes und die Dummheit großer Gruppen. Fünf Empfehlungen - von lehrreich bis lustig.

Von und

Bye bye re:publica: Bis zur nächsten Konferenz kann man sich zumindest allerlei Videoaufzeichnungen ansehen
SPIEGEL ONLINE

Bye bye re:publica: Bis zur nächsten Konferenz kann man sich zumindest allerlei Videoaufzeichnungen ansehen


1) "Komm, ich erklär dir mal das Internet" (Diskussion vom 6. Mai)

Wie kommunizieren junge Leute, die eine Welt ohne Internet gar nicht mehr kennen? Welche Apps sind angesagt, welche längst wieder out? Bei dieser Veranstaltung der Media Convention befragt die Politologin Geraldine de Bastion zwei Zehntklässlerinnen und einen Neuntklässler zu ihrem Medienkonsum. Es geht um Emojis, um Fotodienste wie Instagram und Snapchat und die Frage, ob mancher Jugendliche Facebook wirklich nur noch nutzt, um mit seinen Eltern und Lehrern zu reden. Spoiler: Das scheint so zu sein.

Sehenswert ist der Vortrag aus allerlei Gründen: Etwa, weil alle drei Schüler extrem souverän auftreten und weil die Moderatorin glaubhaft an ihren Antworten interessiert wirkt. Und vielleicht hilft das Video Ihnen ja sogar dabei, junge Leute oder die eigenen Kinder besser zu verstehen. Es fallen jedenfalls viele schöne Sätze wie "Wenn man schreibt 'Ich bin sauer auf dich' und dann kommt ein böser Smiley, dann ist das irgendwie weniger schlimm als nur ein 'Ich bin sauer auf dich, Punkt'." Auch gut zu wissen, dass die Facebook-Smileys angeblich cooler sind als die von WhatsApp: "Vor allem der rülpsende Burger, der ist genial - der passt zu allem."

Hier geht's zum Diskussionsvideo.

2) "Watching the Watchers: Building a Sousveillance State" (Vortrag vom 6. Mai)

Dass die NSA weite Teile des Internets überwacht, ist dank Edward Snowden bekannt. Auch von den technischen Abläufen hat man mittlerweile eine gewisse Vorstellung. Weitgehend unklar ist dagegen, welche Menschen die Überwachung vornehmen: Wer sitzt vor Programmen wie XKeyscore und Prism?

M. C. McGrath kann die Frage zumindest ein Stück weit beantworten - auf denkbar simple Weise. Er hat im Kontaktnetzwerk LinkedIn nach Personen gesucht, die bei ihren Fähigkeiten nicht nur Word oder PowerPoint erwähnen, sondern auch Geheimdienst-Werkzeuge. Mit seinen Onlinesuchen fand McGrath 27.000 Profile, die er der Geheimdienstbranche zuordnet.

McGraths Vortrag macht Mut, weil hier ein junger Programmierer der Überwachung ein Gesicht gibt. Es ist eben nicht das riesige NSA-Gebäude, das sich für unsere Kommunikation interessiert, es sind die Menschen darin. Unter dem Namen "ICWatch" hat McGrath eine Datenbank zu mutmaßlichen Geheimdienstmitarbeitern ins Netz gestellt.

Hier geht's zum Videomitschnitt.

3) "Schwarmdummheit" (Vortrag vom 6. Mai)

Gunter Dueck gilt schon seit einigen Jahren als ein heimlicher Star der re:publica. Mit seinem spitzbübischen Charme zerlegt der Mathematiker auch in diesem Jahr wieder die vermeintlichen Gewissheiten der Arbeitswelt. Und hat auch für die re:publica-Besucher einige unbequeme Wahrheiten im Gepäck. Gleich zu Beginn seines Vortrags muss er dem Publikum schonend beibringen, dass er von intelligenten Gästen auf der Konferenz ausgeht. Doch seiner Erfahrung nach fördert die Masse auch bei vielen klugen Menschen die Dummheit.

Wer den Humor von Helge Schneider mag, der wird viel Spaß haben mit dem "Schwarmdummheit"-Vortrag von Gunter Dueck. Schonungslos zieht Dueck über die ermüdende Meeting-Mentalität in Konzernen her, zerpflückt die klassischen Regeln der BWL und macht sich lustig über Chefs, die ihren Mitarbeitern utopische Ziele vorgeben.

Das ist lehrreich für alle, die sich Inspiration holen wollen, um den verkrusteten Arbeitsalltag mit frischen Ideen zu beleben. Auch sehr unterhaltsam: Duecks Beispiele aus dem Supermarkt und der Notaufnahme.

Hier können Sie den Vortrag anschauen.

4) "Hoax-Kampagnen: Opium fürs Empörungsvolk" (Vortrag vom 5. Mai)

Vom sinnlosen Foto-Widerspruch gegen die Facebook-AGB bis zu angeblichen Insektenlarven im Brustgewebe: In ihrem Vortrag geben die BR-Journalisten Deef Pirmasens und Christian Schiffer auf unterhaltsame Art Einblicke in die Welt der Internet-Hoaxes - also der erfundenen, missverstandenen oder falsch weitergetragenen Netzgeschichten.

Interessant macht den Vortag die Chance, darin auf Geschichten zu stoßen, die man selbst für wahr oder zumindest realistisch gehalten hat. Außerdem überzeugt die inhaltliche Bandbreite, sie reicht vom Zufallshoax bis zum PR-Stunt. Eine gefälschte Feministinnen-Kampagne findet ebenso ihren Platz wie ein Anti-Vergewaltigungs-Nagellack, der zum Medienhype wurde, obwohl sein potenzieller Nutzen beschränkt scheint und noch nicht mal ein Prototyp existiert. Am Ende ihrer Präsentationen geben Pirmasens und Schiffer kurz Tipps, wie man Hoaxes entlarven kann.

Hier finden Sie die Videoaufzeichnung.

5) "Beyond the Camera Panopticon" (Vortrag vom 5. Mai)

Knuffige Icons und kostenlose Software: Wer so nett zu den Nutzern ist und ihnen gratis tolle Programme und soziale Netzwerke zur Verfügung stellt, der kann doch nicht böse sein. Oder? Vielleicht doch. In seinem Vortrag teilt der Designer Aral Balkan ordentlich gegen Google, Facebook und Co. aus. Seine These: Den Unternehmen ist die Privatsphäre der Nutzer völlig egal, solange sie genügend Geld mit den Informationen über ihre Mitglieder verdienen.

Mit hohem Tempo und liebevoll gestalteten Folien reißt Balkan die bunten Fassaden der Internetkonzerne ein und thematisiert das Geschäft mit den Nutzerdaten. Dabei geht er hart mit den Menschen ins Gericht, die sich seiner Ansicht nach zu Google-Sklaven machten, wenn sie ihre Stadt mit dem Geodatenspiel Ingress vermessen, Wohnzimmer mit 3D-Scannern kartieren und Kameras auf Kamelrücken schnallen.

Ob man Facebook und Google einfach vertrauen sollte? Dazu zitiert Aral Balkan einen Chat-Beitrag von Mark Zuckerberg: "Sie vertrauen mir. Vollidioten."

Hier geht's zum Videomitschnitt.


Alle fünf Empfehlungen finden Sie hier gesammelt in einer YouTube-Playlist. Alle re:publica-Videos finden Sie hier.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
townsville 08.05.2015
1. Tja
Während auf re:publica Videos über rülpsende Burger gehypt werden, spricht auf den Nordiske Mediedager in Bergen Edward Snowden live aus Moskau zum Thema Datensicherheit.
WinstonHChrist 08.05.2015
2. Insg. ein bisschen banal
Angesichts der sich heute anbahnenden massiven Probleme in der digitalen Welt werden wir uns, fürchte ich, eines Tages voller Nostalgie an das goldene Zeitalter erinnern, in dem das Netz noch relativ frei, relativ neutral und relativ politisch war. Die ausgewählten Beiträge sind vor diesem Hintergrund etwas banal, bis auf vielleicht den letzten, der einen wichtigen Punkt berührt: Wir leben weniger in einem 1984, als in einer schönen neuen Welt, in der wir uns und unsere Freiheit ohne Not selbst den großen Industrieoligopolen überantworten. A propos banal: Nettes Foto zum Titel - wer sich eine winkende Grumpy Cat basteln möchte, findet hier eine Vorlage: http://digitprop.com/2014/09/grumpy-unlucky-cat/
Humpol 09.05.2015
3. Traurig,
dass die Generation Internet, die Grundlagen von WWW nicht versteht und zu passiven Usern verkommt. Die IT-Fortbildung besuchen 3 Schüler. Gymnasiasten der 10. Klasse können keine Tabelle in Word erstellen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.