Produktionsbedingungen von Pornos Fair kommen

Was geil macht, ist nicht immer geil gemacht: Auf der Netzkonferenz re:publica fordern Pornofans, mehr auf die Entstehung der Filme und das Wohlergehen der Darsteller zu achten. Aber wie soll das gehen?

Mann beim Pornogucken: Muss man angesichts der Produktionsbedingungen ein schlechtes Gewissen haben?
Corbis

Mann beim Pornogucken: Muss man angesichts der Produktionsbedingungen ein schlechtes Gewissen haben?

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Djure Meinen und Jenny-Louise Becker machen etwas, was Millionen Deutsche tun, aber nur wenige zugeben. "Wir schauen beide gern Porn", sagt Meinen auf der re:publica. Das öffentlich einzugestehen, sei "so etwas wie ein Tabubruch", findet der Kommunikationsberater. Das O am Wortende lässt er bewusst weg. Porn klinge einfach weniger schmuddelig, dafür cooler.

"Fair Porn: Von Lust und Gewissen" heißt die Präsentation, die Meinen und Becker am Dienstag auf einer kleineren re:publica-Bühne halten. Der Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt, hundert Zuschauer sind mindestens da. Nackte Haut gibt es kaum zu sehen - stattdessen erscheinen auf der Leinwand Text-Stichpunkte wie: "öffentliche Diskussion ist nur sehr eingeschränkt möglich".

Jenny-Louise Becker und Djure Meinen: "So etwas wie ein Tabubruch"
SPIEGEL ONLINE

Jenny-Louise Becker und Djure Meinen: "So etwas wie ein Tabubruch"

Djure Meinen erzählt, er habe oft ein "komisches Gefühl" beim Pornoschauen - und das weniger, weil die Kirchen oder manche Feministinnen solche Videos verdammen. Meinen stört eher, wie wenig er über die Entstehung der Filme weiß: "Die Produktionsbedingungen sind die Geschichte, über die wir am meisten nachdenken müssen." Am Ende des Vortrags überlegt er, ob es vielleicht ein Qualitätssiegel für faire Pornos braucht.

Wer spielt freiwillig - und wer aus Geldnot?

Das Thema faire Pornos, alternativ Fair-Trade-Pornos, passt zum Zeitgeist. Neben angeblich fair gehandeltem Kaffee kann man heutzutage schließlich auch als fair beworbene Erdnusscremes, Rosen und Fußbälle kaufen.

Bekannte Medien wie der "Guardian" haben sich in den vergangenen Monaten mit der Frage beschäftigt, ob man unbeschwert Sexfilme genießen darf, bei denen man nicht weiß, ob die Darsteller freiwillig mitwirken - oder ob sie vielleicht zum Mitmachen gezwungen wurden, direkt oder indirekt, etwa aus Geldnot oder weil sie nie einen anderen Beruf gelernt haben.

Die Idee des Fair Porn hat einen etwas anderen Fokus als Initiativen, die sich seit Jahren teils sehr erfolgreich für Pornos stark machen, die weniger sexistisch, stereotyp und nicht ausschließlich auf die männliche Lust fixiert sind. Der Inhalt der Filme ist auch den Fair-Porn-Befürwortern wichtig, zunächst aber geht es um die Entstehung.

Fragen aus der Pornoforschung

Djure Meinen und Jenny-Louise Becker lassen weitgehend offen, was sie persönlich mit dem Wörtchen fair verbinden. Dafür geben sie Einblicke in aktuelle Fragestellungen der Pornografieforschung:

  • Wird bei der Porno-Produktion sichergestellt, dass alle Beteiligten mit allem einverstanden sind, was am Set geschieht?
  • Kann garantiert werden, dass niemand bei seiner Arbeit zu Schaden kommt und dass alle Darsteller volljährig sind?
  • Wird das Thema Safer Sex ernst genommen? Gibt es beispielsweise Gesundheitschecks bei den Darstellern?
  • Sind diejenigen, die frei verfügbare Pornofilme schauen können, in der Lage, richtig damit umzugehen?
  • Und wäre es nicht angebracht, Pornofilme grundsätzlich und explizit als einvernehmliches Rollenspiel zu inszenieren, also zum Beispiel Absprachen mit in die Videos aufzunehmen?

Am Ende aber bleibt offen, wie Pornokonsumenten ihr "komisches Gefühl" loswerden sollen. Reflexion allein macht ja noch kein gutes Gewissen.

Die Idee vom Qualitätssiegel jedenfalls wirkt noch nicht zu Ende gedacht, das zeigt schon die Frage, wer ein solches Siegel ausstellen könnte. Die Produzenten selbst oder eine spezielle Pornoprüfstelle? Verlieren Filme durch ein Siegel womöglich den Reiz des Verruchten? Und wie soll die Umsetzung bei Amateurvideos aussehen, die dank Webcams und Smartphones längst einen großen Teil des Porno-Angebots ausmachen?

Kostenlose Streams, faire Bedingungen?

Der vermutlich wichtigste Satz des Nachmittag ist dieser: Es würde wohl helfen, "schlicht und ergreifend Geld für Porn auszugeben", sagt Djure Meinen.

Denn einerseits fordern jetzt auch leidenschaftliche Pornofans bessere, transparentere Produktionsbedingungen - anderseits nutzen auch sie einschlägige Streaming-Portale, wo im Wesentlichen Werbeeinblendungen für Umsätze sorgen und die Herkunft der meisten Clips völlig unklar ist. Allein unter den 50 in Deutschland beliebtesten Internetangeboten finden sich laut SimilarWeb-Schätzungen vier solcher Pornoportale, bei denen der Großteil der Besucher niemals Geld ausgibt.

Man kennt diese Debatte aus der Musikbranche: Dort klagen die Künstler ständig und zumindest sehr öffentlichkeitswirksam darüber, wie wenig sie verdienen, wenn ihre Stücke gestreamt statt gekauft werden. Die Fans nehmen diese Beschwerden wahr - am Ende nutzen viele aber trotzdem kostenlose Angebote wie YouTube oder Spotifys Gratis-Variante, um an neue Veröffentlichungen zu kommen.

Bei der Pornoauswahl gilt am Ende vermutlich das gleiche wie beim Kaffeekauf: Das günstigste Produkt ist wohl kaum das mit den vorbildlichen Produktionsbedingungen. In beiden Fällen gilt aber auch: Der Umkehrschluss - teuer ist gleich fair - ist definitiv unzulässig.



insgesamt 8 Beiträge
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eldoloroso 06.05.2015
1. Waren eigentlich Pornodarsteller anwesend?
Tach, Arbeiten Djure Meinen und Jenny-Louise Becker in der Branche? Falls nicht hat ihr Statement etwa soviel Aussagekraft wie Alice S.' Ruf nach mehr Recht für Prostituierte wobei diese draussen vor der Tür skandierten:"Haben wir doch schon lange..."
99luftballons 06.05.2015
2. Zu einfach!
"oder ob sie vielleicht zum Mitmachen gezwungen wurden, direkt oder indirekt, etwa aus Geldnot oder weil sie nie einen anderen Beruf gelernt haben" Da taucht ganz spontan die Frage auf, was unterscheidet Pornomitarbeit von Fliessbandarbeit, Aldi-Kasse, 1-Euro (Zwangs) Jobber? Ausser, das ein Pornodreh zumeist mehr Geld am Tag bedeutet, als die ganzen anderen "Fair" Jobber im Monat bekommen? Die meisten Menschen gehen zur Arbeit, wegen dem Geld. Und wuerden was anderes machen, so sie koennten. Nebenbei: Es gibt ne ganze Menge Porno-Darsteller(innen), um die geht es wohl, wenn die Not ins Gespraech geworfen wird, hauptsaechlich (oder?), die machen den Jov recht gerne, natuerlich auch wegen dem Geld.
felisconcolor 06.05.2015
3. ich dachte immer
es ginge bei der Veranstaltung re:publica um die zukünftige Ausrichtung der IT/Netzwerk und nicht um die Einrichtung eines Dritte Welt laden. Sicher laufen im Internet Pornos, aber halt auch tausend andere Dinge. Sollte man sich nciht fragen ob der Strassenmusiker der seine Videos hochläd dieses freiwillig macht oder halt auch aus purer Geldnot. Wird ein Webshop betrieben aus Spass an der Freude oder herrscht halt auch pure Geldnot im Portemonnaie des Betreibers. Ich übe meinen Beruf auch nur aus purer Geldnot aus, wie ich jeden anderen Beruf auch aus purer Geldnot ausüben würde. ich hoffe das dieser Artikel nur eine ironische Betrachtung einer Randerscheinung dieser Veranstaltung ist.
Kamatipura 06.05.2015
4. ich bin um 06.00 Uhr aufgestanden
und habe ein paar Paletten Ware abgeladen. Weil ich mit Geld dazu gezwungen wurde. Oder weil es zu meinem Job gehört. Oder weil am 01.ten die nächste Miete fällig wird? Was für ein Irrer Ansatz ist denn die Geldverdienen Überlegung?
bonngoldbaer 06.05.2015
5.
"Und wäre es nicht angebracht, Pornofilme grundsätzlich und explizit als einvernehmliches Rollenspiel zu inszenieren, also zum Beispiel Absprachen mit in die Videos aufzunehmen?" Eine tolle Idee! Das sollte man nicht nur bei Pornos sondern auch bei Krimis so machen.
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