Nacktfotos im Netz Sexy? Aber sicher!

Datenschutz interessiert nur wenige Internetnutzer. Das ändert sich, wenn es um intime Fotos geht. Zwei Brasilianerinnen wollen helfen: mit dem "Sexy Guide für digitale Sicherheit".

Joana Varon und Natasha Felici
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Joana Varon und Natasha Felici

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"Vor Dummheit kann man die Menschen nur eingeschränkt bewahren", hat Günther Oettinger 2014 gesagt, anlässlich eines Falls, als sich Hacker Zugriff zu den Bildern einiger prominenter Frauen verschafft hatten. "Wenn jemand so blöd ist und als Promi ein Nacktfoto von sich selbst macht und ins Netz stellt, hat er doch nicht von uns zu erwarten, dass wir ihn schützen."

Man darf annehmen, dass der EU-Digitalkommissar auch kein Verständnis für weniger prominente Nutzer hat, die den eigenen, nackten Körper auch fotografisch festhalten wollen - und die Fotos vielleicht sogar mit anderen teilen.

Wäre Oettinger auf seinem Besuch bei der Berliner Netzkonferenz re:publica zufällig Natasha Felici über den Weg gelaufen, dann hätten seine Ansichten vermutlich für Diskussionsstoff zwischen den beiden gesorgt: Die Menschenrechtsaktivistin Felici von Coding Rights war auf der Konferenz, um über Nacktfotos als Mittel der Selbstentfaltung zu sprechen. Außerdem gab sie - statt Nacktfoto-Abstinenz zu predigen - Tipps, wie Nutzer, die sich gerne mal ohne Kleidung ablichten, am besten mit solchen digitalen Dateien umgehen.

"Sexy Guide für digitale Sicherheit"

Auch Felici rät Nutzern, vorsichtig mit Nacktfotos zu sein. Die Oettinger-Sätze passen aber nicht zu ihrem Verständnis des Themas - mal ganz abgesehen davon, dass es so wirkt, als habe der Digitalkommissar das Hack-Problem nicht verstanden.

Es gebe eine Menge Checklisten zum Thema, erzählt die 29-Jährige bei ihrem Vortrag: "Aber die meisten enden mit dem Fazit 'Der einzige sichere Weg Nacktfotos zu verschicken, ist der, gar keine Nacktfotos zu verschicken'. Was zur Hölle?"

Um solchen Ratschlägen etwas entgegenzusetzen, hat Felici mit ihrer Coding-Rights-Kollegin Joana Varon einen Flyer entworfen, einen "sexy Guide für digitale Sicherheit". Auf dem Faltblatt, das man kostenlos herunterladen kann, geben die beiden Tipps für Nacktfotos, von der Motivgestaltung bis zum Speichern der Bilder auf dem Smartphone.

Grundlagen der IT-Sicherheit

Was Felici und Varon machen, ist dabei im Kern eine geschickt verpackte Fortbildung: Sie vermitteln Grundwissen über IT-Sicherheit. Wenn es um die eigenen Nacktfotos geht, interessiert sich plötzlich jeder für Fragen nach Datenhoheit und -sicherheit.

Unter der Überschrift "Können die meine Vagina sehen?" raten die Brasilianerinnen zum Beispiel, das eigene Telefon zu verschlüsseln oder mindestens dessen Fotoordner. Dateien könnten per PGP-Verschlüsselung vor fremden Blicken geschützt werden, schreiben Felici und Varon, bei öffentlichen WLAN-Netzwerken raten sie zur Vorsicht.

"Vergiss niemals, dass jede Datei, die per App versandt wird, auf einem Server landet, der zu einer Firma gehört," heißt es zum Beispiel auf dem von beiden Frauen entworfenen Flyer. Immer wieder gäbe es schließlich Leaks, etwa im Umfeld von Snapchat-Drittanbieter-Apps.

Vorsicht, Metadaten

"Wenn du Bilder mit jemandem teilst, dem du nicht vertraust, empfehlen wir es dir, zu vermeiden, dein Gesicht, deine Tattoos, Muttermale, Narben, Möbel etc. zu zeigen", steht außerdem auf dem Infoblatt. "Apps wie Obscuracam erlauben es dir, Gesicht oder andere Körperteile zu pixeln, die du verstecken willst, ebenso Details im Hintergrund."

In Fotos sind meistens außerdem auch versteckt Informationen zu Zeit und Ort der Aufnahme gespeichert: "Die kann man mit Metadaten-Editoren wie dem Photo Exif Editor loswerden."

Von SMS, iMessage, Facebook, WhatsApp und Tinder als Versandkanal rät Felici ab. Besser seien Apps, die nicht mit der Telefonnummer verbunden sind und die es nicht erlauben, die Bilder herunterzuladen: "Apps wie Wickr und Confide nutzen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und lassen deine Fotos nach dem Abruf verschwinden". Anders als bei Snapchat würden die Bilder auch nicht 24 Stunden online gespeichert.

Völlig ausschließen könne man aber nie, dass ein verschicktes Foto doch in die falschen Hände gerät, egal bei welcher App. Für solche Fälle empfehlen die beiden Hilfe-Websites wie WithoutMyConsent.org.

Nacktfotos als Aufmerksamkeitsgarant

Felici und Varon sagen, sie hätten schlicht Spaß daran, Nacktbilder zu verschicken oder geschickt zu bekommen. Bei ihrem Projekt gehe es auch darum, Freiheitsrechte zu verteidigen: "Jeder sollte sich in dem Umfang entblößen können, den er für richtig hält", sagt Felici. "Man sollte nicht dafür bestraft werden, wenn man sich entschieden hat, jemandem Bilder zu schicken." Es sei auch gut, wenn Menschen ohne Modelmaße Bilder von sich machen, denn vielen Menschen würden in den Medien die Entsprechungen zu sich selbst fehlen.

Mit ihrem Projekt stehen Felici und Varon in prominenter Tradition: Auch der US-Comedian John Oliver setzte schon auf Nacktfotos, um Interesse für größere Themen zu gewinnen. Von Whistleblower Edward Snowden ließ er sich im April 2015 anhand eines angeblichen Fotos seines Penis erklären, wie Geheimdienste an solche Bilder kommen können.

Die Zuspitzung funktionierte: Nach der Ausstrahlung der Sendung wurde das Thema NSA-Überwachung online wieder viel diskutiert, aller gefühlten Abstumpfung zum Trotz. "John Oliver hat uns inspiriert", sagt daher auch Joana Varon.



insgesamt 10 Beiträge
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r_dawkins 04.05.2016
1. Super Sache
So kann vieleicht mal ein wenig Bewusstsein für Datensicherheit bei jungen Usern erzeugt werden. Leider befürchte ich jedoch, dass die zwei Mädels (siehe Artikel gestern im SPON) wohl wieder übelst gemobbt werden als "Feministinnen
Oettinger 04.05.2016
2. Missverständnis
Vorsichtig - Oettinger hat o.g. Satz seinerzeit im Kontext der gehackten Apple iCloud Accounts einiger Prominenter gesagt. Und damit völlig am Thema vorbeiargumentiert, da es sich ja eben nicht ums freiwillige Posten der entsprechenden Bilder in sozialen Netzwerken handelte.
hubergeorg.jun 04.05.2016
3.
Ob Herr Oettinger die Problematik verstanden hat oder nicht weis nur er selbst. (oder auch nicht) Fakt ist nun mal, das alles gehackt werden kann. Und der beste Schutz nun mal wirklich ist, keine Nacktbilder von sich zu machen. Die Aktion finde ich trotz allem gut da es vielleicht das Bewusstsein für den Umgang damit schärft.
smokey55 04.05.2016
4. Oettinger hat Recht
Mag sein dass Oettinger in anderem Zusammenhang gesagt hat. Mag auch sein, dass er als Person nicht der ausgewiesene Fachman in dem Thema ist. Trotzdem hat er Recht. Wer sensible Daten irgendwo hin postet oder in einer Cloud speichert muss dumm sein. Selbst wenn die Daten verschlüsselt sind kann jeder Hacker da dran. Wirkliches Interesse haben aber wohl eher Geheimdiesnste .. und denen stehen alle techn. Möglichkeiten offen.
felisconcolor 04.05.2016
5. Alles was ich sehe
kann ich speichern. Da nutzt es nichts wenn die Bilder nicht übertragen werden sondern nur auf einem Server liegen. Die Information ist ja trotzdem auf meinem Endgerät. Verpixeln? Na ja ist wohl noch eine Möglichkeit wenn ich sicher sein will den anderen los zu werden ;-) letztendlich läuft es leider wieder darauf hinaus, schicke nichts weg wenn du nicht sicher bist das am anderen Ende doch ein Hund sitzt. Die meisten rumgereichten Bilder stammen halt von Individuen denen es vollkommen egal ist was du von Datensicherung hältst. Ob der Server die Daten gleich löscht oder nach 24h oder auf immer behält. Die wenigstens kompromittierenden Bildern stammen von Servern.
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