Soziale Netzwerke Die Polizei, dein #FreundUndHelfer

Tierfotos, coole Sprüche und Hashtags: Social-Media-Profis versuchen, online das Image der Polizei aufzupolieren. Doch nur Klamauk geht auch nicht.

André Karsten, Social-Media-Profi der Polizei Frankfurt am Main

André Karsten, Social-Media-Profi der Polizei Frankfurt am Main

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Ein ausgebüchstes Schaf, das gerade Nachwuchs bekommen hat. Ein Kleinbus, in dem als Rücksitz ein Klappstuhl steht - und ein Motorrad, das von vorne aussieht wie ein Maschinenwesen aus den "Transformers"-Filmen. Man kann über die Social-Media-Accounts der Polizei Frankfurt am Main vieles sagen, aber nicht, dass sie zu wenig interessantes Material zum Posten haben.

Unter Stichworten wie #aufstreife und #FreundUndHelfer bespielt die Polizei die sozialen Netzwerke Twitter, Facebook und Instagram. Auf letzterem Fotoportal landet zum Beispiel ein Schnappschuss zweier Ziegen auf einer Motorhaube, Hashtag #bestjobintheworld. Und auf Twitter reagiert man auf die Nutzerfrage "Was für eine Strafe droht einem als Jugendlicher, wenn man mit 1 - 5 g Grass entdeckt wird?" knapp - mit der Gegenfrage "Welches Buch?".

Das pseudohippe "wo givt €$ das b€$t€ crin@ck in FFM ?" wird derweil beantwortet mit: "Was für 1 Question!!!!! Können & wollen wir not h3lf3n!"

Drei Accounts, vier Personen in Vollzeit

"Angefangen hat das alles sehr nüchtern, etwa mit Informationen zur Parkplatzsituation bei Eintracht-Spielen", erzählt Polizeioberkommissar André Karsten, einer von vier Beamten, die sich in Frankfurt um die Onlineaccounts kümmern.

Karsten nutzt ein Zitat von Horaz, um zu erklären, warum die Polizei online auch mal lustig ist: "Mische ein bisschen Torheit in dein ernsthaftes Tun und Trachten. Albernheiten im rechten Moment sind etwas Köstliches."

Karsten hat Germanistik studiert und Werbetexte geschrieben, bevor er 2007 zur Polizei kam. "Sobald sich das eine Behörde leisten kann, würde ich ihr empfehlen, jemanden komplett für Social Media abzustellen", sagt er.

"Engländer will seinen Dildo zurück"

Nicht nur in Frankfurt, wo Karsten seit Sommer 2014 Social-Media-Dienste macht, hat sich der Onlineauftritt der Polizei zuletzt merklich professionalisiert. Das merkte man etwa bei Ereignissen wie dem Amoklauf in München oder dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt: Den Beamten gelang es dabei oft gut, per Twitter und Facebook zumindest einen Hauch von Durchblick im Informationschaos der Netzwerke zu bieten, in dem sich Augenzeugen-Tweets schnell mit gefälschten Fotos oder wilden Spekulationen mischten.

Zehn weitere Polizei-Tweets
Polizei Frankfurt: Achtung, Marty
Ein typischer Spaß-Tweet der Polizei Frankfurt: Die Straßenverkehrsordnung gilt auch für Zeitreisende aus Filmen.
Polizei Frankfurt: Laugenstange mit Nudelsalat
Immer wieder geben die Beamten Einblick in ihren Alltag. Luxuriös wirkt der nicht unbedingt.
Polizei Frankfurt: "Star Wars" und die Spoiler
Kinostarts, Jahrestage oder Twitter-Trends bieten immer wieder Anlässe für passende eigene Tweets. Die Frankfurter Polizisten versuchen, politisch so neutral wie möglich zu bleiben.
Polizei München: 20 mg Tatsachen
In München erfindet die Polizei im Kampf gegen Falschmeldungen auch mal selbst ein Medikament.
Polizei Berlin: "Bitte nicht weiter teilen"
Krisenkommunikation: Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt versuchte die dortige Polizei per Twitter, Gerüchten entgegenzutreten.
Polizei München: Lage noch unklar
Manchmal, wie hier anfangs beim Amoklauf von München, kann aber auch die Polizei nicht mehr schreiben als "Die Lage ist noch unklar!"
Polizei Mannheim: OHNE!
Auf Twitter ist es mitunter nötig, bestimmte Dinge besonders zu betonen.
Polizei Berlin: Ohne Hose durch Mitte
Viele Schlagzeilen machte 2014 die Aktion #24hBerlin, als die Berlin Polizei live zu ihren Einsätzen twitterte.
Polizei München: Was für eine Ansprache
In München gab es die Aktion #wiesnwache, bei der 12 Stunden lang getwittert wurde.
Polizei Hamburg: Lala Land
Auch in Hamburg zeigte eine Live-Aktion, welche zum Teil skurrilen Fälle die Polizei beschäftigen.

Doch auch in Sachen Eigenwerbung hat die Polizei vielerorts dazugelernt. Die Polizei Berlin etwa hat sogar einen Snapchat-Account, und sowohl in der Hauptstadt als auch in München und Hamburg gab es schon 12- oder 24-stündige Einsatz-Liveticker auf Twitter, die auf großes Interesse stießen: Sicher auch, weil Dinge gepostet wurden wie "Betrunkener Engländer kommt auf #Wiesnwache und will seinen Dildo zurück."

Manchmal reicht schon ein flotter Spruch für einen kleinen Viralhit. "19-jähriger jetzt punktgleich mit dem #HSV", kommentiert die Polizei Emsland eine eigentlich staubtrockene Pressemitteilung dazu, dass einem Autofahrer zwei Punkte in Flensburg drohen.

Das eine oder andere Social-Media-Desaster gibt es aber immer noch. Die Polizei Schwerin etwa stand Anfang 2016 in der Kritik, weil sie auf Twitter geschrieben hatte, sie würde nach "2 türkischen Tätern" suchen, von denen einer "wie ein Indianer" aussehe. Verantwortlich für den Tweet war jemand, der sich sonst offenbar wenig mit Twitter beschäftigt hatte.

André Karsten berichtet, dass es regelmäßige, teils mehrtägige Treffen mit den Social-Media-Verantwortlichen anderer Städte gibt - so könne man aus Erfolgen, aber auch aus den Pannen anderer lernen.

Wie viel Humor ist gut?

Die größte Herausforderung für eine Polizei, die online auch mal lustig ist, besteht darin, den richtigen Mix aus Klamauk und Ernst zu finden. Denn einerseits sollen Polizeiseiten keine Comedyportale sein, anderseits wird eine Seite eher geliked, wenn sie auch mal für einen Lacher gut ist. Und ein Like wiederum führt auf Facebook dazu, dass ein Nutzer vom Algorithmus auch mal ernstere Polizeiposts zugespielt bekommt, die er sonst verpasst hätte.

"Besonders, was die Unterschiede zwischen Online- und Offlinewelt angeht, ist das Ganze ein interessanter Spagat", sagt die Social-Media-Managerin Alexa Brandt, die auf der Berliner Netzkonferenz re:publica ein Podium zum Thema Polizei im Netz organisiert hat. "So wird man ja zum Beispiel von der Polizei Frankfurt auf Facebook geduzt. Danach steigt man dann aber ins Auto, fährt ums Eck und dann heißt es 'Guten Tag, bitte einmal Ihre Papiere'."

André Karsten findet, als Polizist dürfe man nicht vergessen, dass man in erster Linie einen Informationskanal betreibt. Mit Humor gehe vieles besser, aber nicht alles. "Man stelle sich vor, am Wochenende steht eine Großdemo an, wo Dinge vielleicht auch nicht so laufen, wie sie laufen sollten", sagt Karsten. "Da wäre es sehr schwierig, die nötige Ernsthaftigkeit zu vermitteln, wenn man die gesamte Woche zuvor nur Witze gemacht hat. Das ist schon ein krasser Drahtseilakt, der einem viel Fingerspitzengefühl abverlangt."

Im Internet auf Streife gehen

Geht es nach Social-Media-Managerin Brandt, sollte die Polizei darüber nachdenken, ob sie online künftig noch präsenter sein könnte - zum Beispiel in Form virtueller Streifengänge, auch jenseits der eigenen Timelines. Die Frage stelle sich "angesichts der Tatsache, dass im Netz sonst zunehmend das Gefühl vorherrscht, Straftatbestände wie Volksverhetzung und Verleumdung hätten keinerlei Konsequenzen", sagt Brandt.

Sie meint, eine verstärkte Präsenz könnte der Onlinewelt guttun, wenn die Polizei als "eine Art Korrektiv" auftritt, "ohne damit aber gleich reaktionär zu sein". Überzeugungsarbeit, in den Dialog treten, das fände Brandt sinnvoll: "So wie #Ichbinhier das gerade wunderbar vormacht."

Wie gut so ein Ansatz funktionieren würde, kann aber auch Brandt schwer einschätzen. "Sicherlich wird es auch die Polizei nicht schaffen, Menschen abzuholen, die etwa einfach nur ihren Hass ins Netz streuen, weil sie sich in ihrer Opferrolle ergeben haben", meint sie. "Aber bei denen, die recht gedankenlos agieren und sich ihrer Handlungsweise gar nicht bewusst sind, könnte es funktionieren."


Veranstaltungstipp: Der Umgang der Polizei mit sozialen Medien ist am Dienstag, 9. Mai 2017, Thema auf der Berliner Netzkonferenz re:publica. Auf der Bühne 2 sind um 11.15 Uhr unter anderem Alexa Brandt und André Karsten auf dem Podium.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 09.05.2017
1. ...
""Sicherlich wird es auch die Polizei nicht schaffen, Menschen abzuholen, die etwa einfach nur ihren Hass ins Netz streuen, weil sie sich in ihrer Opferrolle ergeben haben", meint sie." Schoen, wenn einem die Polizei gleich die Welt erklaert. Schrecklich, dass es heute vor allem um Selbstdarstellung geht. Eine Polizei, die im Stillen erfolgreich Verbrechen bekaempft, waere mir lieber als eine, die um Anerkennung twittert.
Lexington67 09.05.2017
2.
Zitat von Newspeak""Sicherlich wird es auch die Polizei nicht schaffen, Menschen abzuholen, die etwa einfach nur ihren Hass ins Netz streuen, weil sie sich in ihrer Opferrolle ergeben haben", meint sie." Schoen, wenn einem die Polizei gleich die Welt erklaert. Schrecklich, dass es heute vor allem um Selbstdarstellung geht. Eine Polizei, die im Stillen erfolgreich Verbrechen bekaempft, waere mir lieber als eine, die um Anerkennung twittert.
Klappern gehört zum Handwerk, "Tue Gutes und rede drüber" lautet die Devise.
Andro 09.05.2017
3. So weit, keiner kommentiert den Versuch
Und jetzt ist es offensichtlich - KEINER WILL DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN. Die Polizei hat einiges verpasst. Sie werden nicht akzeptiert. Verahtung von Menschen geht nun nicht mehr. Wir wollen die Behörde andes sehen, die brauchen wir ja dringend. Aber nicht wie sie jetzt ist. Mit genug viel Rassisten, vielen korrupten, wenn auch auf speziefische unsere Art. Das dabei ist auch so, dass viele Polizisten ganz gut sind und genau diese sollen auch diese Behörde nach außen manifestieren, sodass die Menschen die Polizei akzeptieren würden. Und wenn es gerade um Twitter-Spezialisten der Polizei geht, dann kann er auf Twitter jetzt gerne lesen, was einige Polizisten sich zum Beispiel in dem Kreis Biberach Riss erlauben. das ist ein spezielles Bezirk, wofür es auch viele spezielle Polizisten hat. Da sieht man wie ernst das Problem des kriminellen Führens der Polizei ist. Diese scheissen gern auf Menschen bei uns, um ihren ernsten Selbstgefüll zu nähren. Wir müssen diese dringend los werden.
hughw 09.05.2017
4. Bildung gefragt
"Ein ausgebüchstes Lamm, das gerade Nachwuchs bekommen hat." Seit wann bekommen Lämmer Nachwuchs? Lämmer -sind- Nachwuchs. Polizei ;-)
meisteryupa 09.05.2017
5. Humor hilft immer
Besonders Satire und Ironie eignen sich, um Fakten besser rueber zu bringen (s.a.Postillon). Abgesehen davon merkt man sich vielleicht, dass einem bei einer Kontrolle nicht nur boese Uniformen mit Inhalt gegenueberstehen.
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