Restaurantführer: Wozu Google Zagat braucht

Von

Wird Google jetzt Verlag? Mit dem Restaurantführer-Unternehmen Zagat hat der Konzern erstmals eine Firma gekauft, deren primäres Produkt auf Papier gedruckt wird. Doch die tatsächliche Logik hinter dem Zagat-Deal ist eine andere.

Zagat-Restaurantführer: Nutzergenerierte Inhalte auf Papier Zur Großansicht
AFP

Zagat-Restaurantführer: Nutzergenerierte Inhalte auf Papier

Googles Strategie fürs mobile Internet ist klar: Der Konzern möchte, über das Handy-Betriebssystem Android, das Social Network Google Plus und natürlich lokale Suchdienste, auch zur Offline-Suchmaschine werden. Wer sich mit seinem Smartphone irgendwo in der Welt herumbewegt, soll künftig nur noch Googles Echtweltsuche als Informationsquelle brauchen. Als Navigationsgerät - ob zu Fuß oder im Auto -, als Shopping-Hilfe, und eben auch als Restaurantführer. Deshalb hat der Konzern jetzt Zagat gekauft, ein in Europa kaum bekanntes, in den USA aber traditionsreiches Unternehmen, das schon seit vielen Jahren für Restaurankritiken mit Leserbeteiligung bekannt ist. Einmal mehr kauft sich Google einen Datenschatz, vermutlich um ihn anschließend an seine Nutzer zu verschenken.

Wird Google jetzt also Verlag? Nein. Der Konzern verleibt sich nur eine weitere Dienstleistung ein, die man lange Zeit mit einer anderen Branche assoziierte. Für die Suchmaschinisten unterscheiden sich Restaurantbewertungen da nicht fundamental von Landkarten, Büchern oder beliebigen anderen Inhalten: Information ist Information, je hochwertiger, desto besser.

Im hauseigenen Blog schrieb Google-Managerin Marissa Mayer denn auch, die mit Hilfe des eigenen Publikums erstellten Restaurantbewertungen, die Zagat in schmale, rote Bändchen für die Jackentasche druckt, seien "eine der frühesten Formen von nutzergeneriertem Inhalt", etabliert "lange bevor das Internet, wie wir es kennen, überhaupt existierte". Der "New York Times" zufolge hat Mayer sich diverse Male mit dem Ehepaar Zagat getroffen, den Deal also vermutlich höchstpersönlich eingefädelt.

Im Vergleich zu Yelp war Zagat ein Schnäppchen

Im Internet, wie wir es kennen, existieren solche auf Crowdsourcing basierenden Restaurantplattformen natürlich längst: In den USA ist Yelp der Marktführer, in Deutschland hat sich das Hamburger StartUp Qype mit einem vergleichbaren Dienst etabliert. Google ist vor einiger Zeit bei dem Versuch gescheitert, Yelp zu erwerben - mancher US-Blogger höhnt deshalb nun, Zagat sei eine Art Trostpreis. Bei "TechCrunch" wird spekuliert, mehr als 66 Millionen Dollar könnten das Ehepaar Zagat, das das Unternehmen einst gründete, und die anderen Kapitalgeber nicht bekommen haben. Alles, was drüber hinausgehe, hätte der zuständigen Regulierungsbehörde gemeldet werden müssen. Im Vergleich zu Yelp war Zagat also ein Schnäppchen - damals waren Summen in der Region einer halben Milliarde Dollar im Gespräch.

Zagat hat gegenüber Yelp für Google einen weiteren Vorteil: Die Marke steht für Seriosität und Qualität. Zwar ist die Zahl der Beitragenden deutlich geringer als bei Yelp - die Rede ist von 350.000, während es bei Yelp viele Millionen sind - doch die Bewertungen werden redaktionell bearbeitet und geordnet. Die Zagat-App für 8 Euro bietet nicht nur Bewertungen, sondern auch Fotos von Restaurant-Interieurs und teilweise sogar die Speisekarten der besprochenen Etablissements. Die redaktionell bearbeiteten Einträge helfen auch, juristische Fallstricke zu vermeiden, die andere, weniger scharf kontrollierte Plattformen gelegentlich plagen: gefälschte Bewertungen von bezahlten Claqueuren etwa ("Astroturfing"), oder Prozesse wegen Beleidigung, übler Nachrede, geschäftsschädigender Schmähkritik. Ein Trostpreis ist Zagat also keineswegs.

Datenschatz wird an Nutzer verschenkt

Der Zagat-Schatz dürfte, dafür muss man kein Prophet sein, bald Eingang in die lokalen Suchergebnisse des Konzerns finden. Diese Art von Anwendung wird mit der Allgegenwart des Smartphones, das Entscheidungen auf die letzte Minute verlagern hilft, immer wichtiger. Wo gehe ich jetzt, wo ich gerade Hunger habe, hier in dieser Stadt im Umkreis von hundert Metern etwas essen? Google gibt auf diese Frage schon jetzt Antworten, mit Bewertungen, die Nutzer bei Google Maps selbst hinterlassen haben, und mit Verweisen auf die Bewertungen anderer Plattformen: in Deutschland etwa Qype und Prinz, in den USA auch jetzt schon, unter anderem, Zagat. Die dortige Website ist bislang allerdings kostenpflichtig, nur Teile des Angebots sind ohne Anmeldung und Abonnement zu nutzen.

Das dürfte sich demnächst wohl ändern. Denn dass Google ein Unternehmen mit einem Datenschatz aufkauft, ist nichts Neues. Die Hauspolitik war bislang stets: Dieser Datenschatz wird anschließend an die Nutzer verschenkt - im Austausch für ihre Aufmerksamkeit für Googles Verdienstquelle Nummer eins: Werbung.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Google
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
Google
Der Konzern
Reuters
Google wurde 1998 von den Studenten Sergey Brin und Larry Page gegründet und ging ein Jahr später online. 2010 machte die Firma mit ihren rund 20.000 Angestellten einen Umsatz von mehr als 29 Milliarden Dollar. Unterm Strich blieben davon 8,5 Milliarden Dollar als Gewinn übrig. Die dominierende Stellung im Markt für Online-Werbung sorgt für ein attraktives Geschäftsmodell, birgt aber auch die Gefahr der extremen Abhängigkeit von nur einer Ertragsquelle. Immerhin 96 Prozent der Einnahmen erzielte Google im vergangenen Jahr mit Werbung.
Die Geschäftsfelder
Google hat im Laufe der Jahre zahlreiche Unternehmen übernommen - so etwa 2006 die Videoplattform YouTube und 2007 den Online-Vermarkter Doubleclick. Gleichzeitig hat die Firma ihre Geschäftstätigkeit auch selbst ausgebaut, zum Beispiel mit dem Dienst Google Street View oder dem E-Mail-Anbieter Google Mail.

Marktanteile der Tech-Riesen
Suchmaschinen (Desktop)
Google 75,68%
Baidu 11,95%
Yahoo 5,92%
Bing 4,24%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Suchmaschinen (Mobil)
Google 88,35%
Yahoo 6,63%
Baidu 3,34%
Bing 1,08%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Desktop)
Microsoft Internet Explorer 58,35%
Firefox 23,72%
Chrome (Google) 11,50%
Safari (Apple) 4,15%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Browser (Mobil)
Safari (Apple) 54,03%
Opera Mini 21,42%
Android Browser 12,74%
Symbian 6,89%
*weltweiter Marktanteil, erhoben auf der Webbrowser-Angabe, Stand: Januar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Desktop)
Windows 91,92%
Mac 6,92%
Linux 1,16%
*weltweit, erhoben auf der Webbrowser-Angabe zum user-agent Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications
Betriebssysteme (Mobil)
Android (Google) 49,7
iOS (Apple) 30,1
Symbian 6,9
RIM 2,1
Nokia 1,8
andere 9,4
Marktanteil an Smartphone-Betriebsystemen im März 2011 in Deutschland (%). Quelle: InMob Mobile Insights, Basis der Auswertung sind 518,7 Millionen inMobi-Werbeeinblendungen auf Mobilgeräten in Deutschland im März 2011 und 470,3 Millionen Werbeeinblendungen im Januar
Werbung
Umsatz gesamt* Umsatz Google* Anteil Google (in %)
Internet 72,842 36,531 50,15
Magazine 43,122 0
TV 184,29 0
Zeitungen 91,495 0
gesamt 458,385 36,531 7,97
*Werbeumsätze 2011, weltweit in Mrd. Dollar, veröffentlicht von ZenithOptimedia 15. März 2012, Googles Werbeumsatz im Jahr 2011
Webnutzer
Angebot Unique Visitors (Mio.) Ø-Stunden
Webnutzer gesamt 366,8 26,75
Google 333,4 3.,14
Microsoft 270,8 3,22
Facebook 240,0 5,43
Wikimedia 161,3 0,22
Yahoo 141,0 1,23
eBay 107,6 0,99
Amazon 91,4 0,27
Top 30 Online Portale in Europa nach Gesamtzahl der Unique Visitors. Mai 2011, Internetnutzer in Europa, Alter 15+, Zuhause und am Arbeitsplatz; Quelle: comScore Media Metrix


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.