Restaurantführer: Wozu Google Zagat braucht

Von Christian Stöcker

Wird Google jetzt Verlag? Mit dem Restaurantführer-Unternehmen Zagat hat der Konzern erstmals eine Firma gekauft, deren primäres Produkt auf Papier gedruckt wird. Doch die tatsächliche Logik hinter dem Zagat-Deal ist eine andere.

Zagat-Restaurantführer: Nutzergenerierte Inhalte auf PapierZur Großansicht
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Zagat-Restaurantführer: Nutzergenerierte Inhalte auf Papier

Googles Strategie fürs mobile Internet ist klar: Der Konzern möchte, über das Handy-Betriebssystem Android, das Social Network Google Plus und natürlich lokale Suchdienste, auch zur Offline-Suchmaschine werden. Wer sich mit seinem Smartphone irgendwo in der Welt herumbewegt, soll künftig nur noch Googles Echtweltsuche als Informationsquelle brauchen. Als Navigationsgerät - ob zu Fuß oder im Auto -, als Shopping-Hilfe, und eben auch als Restaurantführer. Deshalb hat der Konzern jetzt Zagat gekauft, ein in Europa kaum bekanntes, in den USA aber traditionsreiches Unternehmen, das schon seit vielen Jahren für Restaurankritiken mit Leserbeteiligung bekannt ist. Einmal mehr kauft sich Google einen Datenschatz, vermutlich um ihn anschließend an seine Nutzer zu verschenken.

Wird Google jetzt also Verlag? Nein. Der Konzern verleibt sich nur eine weitere Dienstleistung ein, die man lange Zeit mit einer anderen Branche assoziierte. Für die Suchmaschinisten unterscheiden sich Restaurantbewertungen da nicht fundamental von Landkarten, Büchern oder beliebigen anderen Inhalten: Information ist Information, je hochwertiger, desto besser.

Im hauseigenen Blog schrieb Google-Managerin Marissa Mayer denn auch, die mit Hilfe des eigenen Publikums erstellten Restaurantbewertungen, die Zagat in schmale, rote Bändchen für die Jackentasche druckt, seien "eine der frühesten Formen von nutzergeneriertem Inhalt", etabliert "lange bevor das Internet, wie wir es kennen, überhaupt existierte". Der "New York Times" zufolge hat Mayer sich diverse Male mit dem Ehepaar Zagat getroffen, den Deal also vermutlich höchstpersönlich eingefädelt.

Im Vergleich zu Yelp war Zagat ein Schnäppchen

Im Internet, wie wir es kennen, existieren solche auf Crowdsourcing basierenden Restaurantplattformen natürlich längst: In den USA ist Yelp der Marktführer, in Deutschland hat sich das Hamburger StartUp Qype mit einem vergleichbaren Dienst etabliert. Google ist vor einiger Zeit bei dem Versuch gescheitert, Yelp zu erwerben - mancher US-Blogger höhnt deshalb nun, Zagat sei eine Art Trostpreis. Bei "TechCrunch" wird spekuliert, mehr als 66 Millionen Dollar könnten das Ehepaar Zagat, das das Unternehmen einst gründete, und die anderen Kapitalgeber nicht bekommen haben. Alles, was drüber hinausgehe, hätte der zuständigen Regulierungsbehörde gemeldet werden müssen. Im Vergleich zu Yelp war Zagat also ein Schnäppchen - damals waren Summen in der Region einer halben Milliarde Dollar im Gespräch.

Zagat hat gegenüber Yelp für Google einen weiteren Vorteil: Die Marke steht für Seriosität und Qualität. Zwar ist die Zahl der Beitragenden deutlich geringer als bei Yelp - die Rede ist von 350.000, während es bei Yelp viele Millionen sind - doch die Bewertungen werden redaktionell bearbeitet und geordnet. Die Zagat-App für 8 Euro bietet nicht nur Bewertungen, sondern auch Fotos von Restaurant-Interieurs und teilweise sogar die Speisekarten der besprochenen Etablissements. Die redaktionell bearbeiteten Einträge helfen auch, juristische Fallstricke zu vermeiden, die andere, weniger scharf kontrollierte Plattformen gelegentlich plagen: gefälschte Bewertungen von bezahlten Claqueuren etwa ("Astroturfing"), oder Prozesse wegen Beleidigung, übler Nachrede, geschäftsschädigender Schmähkritik. Ein Trostpreis ist Zagat also keineswegs.

Datenschatz wird an Nutzer verschenkt

Der Zagat-Schatz dürfte, dafür muss man kein Prophet sein, bald Eingang in die lokalen Suchergebnisse des Konzerns finden. Diese Art von Anwendung wird mit der Allgegenwart des Smartphones, das Entscheidungen auf die letzte Minute verlagern hilft, immer wichtiger. Wo gehe ich jetzt, wo ich gerade Hunger habe, hier in dieser Stadt im Umkreis von hundert Metern etwas essen? Google gibt auf diese Frage schon jetzt Antworten, mit Bewertungen, die Nutzer bei Google Maps selbst hinterlassen haben, und mit Verweisen auf die Bewertungen anderer Plattformen: in Deutschland etwa Qype und Prinz, in den USA auch jetzt schon, unter anderem, Zagat. Die dortige Website ist bislang allerdings kostenpflichtig, nur Teile des Angebots sind ohne Anmeldung und Abonnement zu nutzen.

Das dürfte sich demnächst wohl ändern. Denn dass Google ein Unternehmen mit einem Datenschatz aufkauft, ist nichts Neues. Die Hauspolitik war bislang stets: Dieser Datenschatz wird anschließend an die Nutzer verschenkt - im Austausch für ihre Aufmerksamkeit für Googles Verdienstquelle Nummer eins: Werbung.

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  • Freitag, 09.09.2011 – 12:06 Uhr
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Google
Reuters
Google wurde 1998 von den Studenten Sergey Brin und Larry Page gegründet und ging ein Jahr später online. 2010 machte die Firma mit ihren rund 20.000 Angestellten einen Umsatz von mehr als 29 Milliarden Dollar. Unterm Strich blieben davon 8,5 Milliarden Dollar als Gewinn übrig. Die dominierende Stellung im Markt für Online-Werbung sorgt für ein attraktives Geschäftsmodell, birgt aber auch die Gefahr der extremen Abhängigkeit von nur einer Ertragsquelle. Immerhin 96 Prozent der Einnahmen erzielte Google im vergangenen Jahr mit Werbung.

Marktanteile der Tech-Riesen
Google 75,68%
Baidu 11,95%
Yahoo 5,92%
Bing 4,24%
Stand: Februar 2012, Quelle: Net Applications






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