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24. Dezember 2012, 07:06 Uhr

Internetratgeber

Zweimal Netzkunde für Eltern

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Was treibt mein Sohn im Internet? Mit wem ist meine Tochter bei Facebook befreundet? Wenn es ums Web geht, wächst der Beratungsbedarf bei Eltern. Zwei Ratgeber - "Netzgemüse" und "Das Facebook-Buch für Eltern" - bieten Hilfe. Hier der Vergleich der sehr verschiedenen Bücher.

Wer in Amazons virtuellen Bücherregalen nach dem Begriff "Facebook" sucht, erhält mehr als 11.000 Vorschläge. Viel Marketing ist darunter, einiges an juristischer Literatur, über 200 medienwissenschaftliche Abhandlungen und sogar Nennungen im Bereich Medizin ("Social Media für Ärzte, Praxen und Kliniken").

Wo ein großer Markt ist, lässt eben auch das Angebot nicht lange auf sich warten. Und in kaum einem Bereich ist der Informationsbedarf seit fast 20 Jahren so groß wie in Sachen digitale Medien und Erziehung. Die meisten deutschen Teenager sind heute online, rund 90 Prozent davon auch bei Facebook. Das behaupten zumindest Tobias Albers-Heinemann und Björn Friedrich in ihrem jetzt bei O'Reilly erschienenen Ratgeber "Das Facebook-Buch für Eltern".

O'Reilly ist ein IT-Verlag und der sachliche Titel natürlich Programm: Das Buch ist eine Art Gebrauchsanweisung. Thematisch überschneidet sich vieles mit Tanja und Johnny Haeuslers "Netzgemüse", stilistisch könnte der Ansatz aber kaum unterschiedlicher sein. Die Haeuslers, Betreiber des Spreeblick-Blogs und Organisatoren der re:publica-Konferenzen, gehören zu Deutschlands digitaler Prominenz. Was sie anbieten, ist ein Einblick in ihren persönlichen Umgang mit dem Thema Erziehung in digitalen Zeiten.

Es geht hier also um zwei Vermittlungsweisen: "So macht man das!" versus "So machen wir das!". Anleitung versus Beispiel. Ein Vergleich soll zeigen, was solche Ratgeber bringen und für wen sie geeignet sind.

Die Gebrauchsanweisung: Nachschlagen in der Not?

"Das Facebook-Buch für Eltern" hat einen fast lexikalischen Ansatz. Alle Themen werden auf exakt einer Seite kurz und knackig erklärt, daneben steht je eine passende Illustration. 321 Seiten lang, Glossar nicht mitgerechnet.

Für Menschen, für die soziale Netzwerke tatsächlich Neuland sind, ist das nicht schlecht. Man muss ja nicht Seite für Seite lesen. Wer braucht schon noch die historische Einführung ins Aufkommen digitaler Medien, vom Handy bis zu Facebook? Das sind 47 weitgehend überflüssige Seiten.

Was man als Erziehender hingegen sicher öfter braucht, sind Antworten auf konkrete Problemstellungen: Wie funktioniert das? Wie kann man etwas löschen? Was macht man bei Mobbing? Wie ist das mit Computersucht? Sollte man Filter einsetzen? Sollte man begleiten oder kontrollieren? Wie sieht die Rechtslage aus? Was tun bei Viren, was bei Abmahnungen?

Zwar findet man heute kaum noch junge Eltern, für die das Internet immer noch ein völlig fremder Raum ist. Das heißt allerdings nicht, dass wir alle inzwischen den Durchblick hätten. Was unsere Kinder angeht, bleiben genügend Fragen offen. Viele davon beantwortet der Ratgeber, zum Glück ohne dabei allzu apodiktisch daherzukommen. Wo es klare Antworten gibt, bekommt man die - etwa zu Rechtsfragen oder Funktionalitäten. Wo das nicht der Fall ist, machen die Autoren das hinreichend klar - zum Beispiel bei erzieherischen Entscheidungen oder dem Thema Computersucht.

So dient der Ratgeber gleichzeitig als Gebrauchsanweisung und als Nachschlagewerk im konkreten Notfall. Langweilig, aber nützlich.

Immer locker bleiben: Eine Impfung gegen die Verunsicherung

Im direkten Vergleich kommt "Netzgemüse" erzählerisch, locker und anekdotenreich daher. Es ist kein Nachschlagewerk, und es offeriert keine verbindlichen Lösungen "für andere": Was die Haeuslers anbieten, ist ein Einblick in ihr digital geprägtes Familienleben mit zwei heranwachsenden Söhnen. "Aufzucht und Pflege der Generation Internet" heißt der Untertitel. Das setzt den Ton.

Die Haeuslers machen sich und ihren Umgang mit diesen Themen zum Beispiel, das sie dann zum Aufhänger für analysierende oder erklärende Passagen nehmen. Natürlich ist das erheblich lesbarer. Es ist unterhaltsam, macht quasi Vorschläge für den erzieherischen Umgang mit Digitalmedien. Aber hilft das weiter?

Das kommt wohl auf das Publikum und seine Erwartungshaltung an. Den Lesern der Haeuslers sind Digitalmedien nicht fremd. Sie zweifeln nur, was die bei ihrem Nachwuchs so verursachen könnten. Und vielleicht wollen sie auch nur sehen, dass sie nicht allein sind bei der Beobachtung "digitalen" pubertären Verhaltens, das Fragen aufwirft.

Dabei steht in "Netzgemüse" die Vertrauensfrage klar im Mittelpunkt. Sie lautet: Was kann ich meinem Kind zumuten und zutrauen?

Die Haeuslers beobachten ihre Söhne bei verschiedenen medialen Tätigkeiten. Manche davon könnten Eltern riskant erscheinen, wenn etwa einer damit beginnt, selbst produzierte Videos bei YouTube zu veröffentlichen. In der konkreten Situation setzen sie eher auf konstruktive Kritik und gemeinsame Analyse als auf Verbote. Und siehe da: Der Umgang der Jungs mit den Digitalmedien erweist sich letztendlich als überraschend souverän und trittsicher.

Hier liegt die Hilfestellung des Buchs: Alles halb so schlimm, immer locker bleiben, so lautet der Subtext. Und sei da, wenn dich der Nachwuchs braucht! Es ist eine Übung in Selbstvergewisserung. Man muss gar nicht immer alles besser wissen, und man muss auch nicht alles reglementieren - weder auf familiärer, noch auf gesetzlicher Basis.

Das ist richtig und gut, nützt aber nicht jedem. "Netzgemüse" hilft seinen Lesern eher bei der Einordnung und gibt ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Als Einführung oder zur ganz grundsätzlichen Orientierung taugt es nicht.

Fazit: Keine Geschmacksfrage

Zwei Bücher, zwei Konzepte: Das eine ist sozusagen "Volkshochschule für Einsteiger", das andere "Lernen am Beispiel der digitalen Elite". Wie man das bewertet, ist keine Frage von gut oder schlecht, sondern allein eine der Zielgruppe. Sie bedienen unterschiedliche Informationsbedürfnisse ganz verschiedener Leser.

Wer wirklich hilf- und ratlos ist gegenüber einem als fremd empfundenen Medium, ist mit dem "Facebook-Buch" sicher besser bedient. Wer Selbstversicherung sucht, den Vergleich mit anderen Eltern und Trittsicherheit im eigenen Umgang mit dem Thema, wird "Netzgemüse" mit Gewinn lesen.

Den richtigen Anstoß geben beide. Denn der wichtigste Schritt, den Eltern machen können, wird von beiden Büchern vorexerziert: Man sollte sich vertraut machen mit der Medienwelt seiner Kinder und sie erzieherisch begleiten. Alle Entscheidungen muss man letztendlich so oder so selbst treffen - am besten echt, passend und mit gesundem Menschenverstand.

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