"The Internet Police" von Nate Anderson Wie die Polizei im Netz nach Straftätern fahndet

Internet-Polizei, bitte surfen Sie rechts ran: US-Journalist Nate Anderson berichtet in seinem Buch von spektakulären Online-Ermittlungen - und warnt: Wir brauchen die Cybercops, dürfen ihnen aber nicht die totale Kontrolle geben.

Cover von "The Internet Police": Ermittler arbeiten mit Hackermethoden
W. W. Norton & Company

Cover von "The Internet Police": Ermittler arbeiten mit Hackermethoden


Der russische Spam-König kann es nicht lassen: Mit seinem Botnet, das unerwünschten Werbemüll verschickt, verdient er viel Geld. Von Behörden bleibt er weitgehend unbehelligt. Doch dann bringt ihn sein Hobby - edle Autos - nach Las Vegas. Dort erwartet ihn allerdings schon die Polizei. Nach der Festnahme in den USA sinkt das weltweite Spam-Aufkommen, zumindest kurzfristig, deutlich.

Die Spam-Geschichte ist eine von mehreren spektakulären Ermittlungen, von denen der US-Journalist Nate Anderson in seinem Buch "The Internet Police" berichtet, das jetzt auf Englisch erschienen ist. Anderson schreibt von den Anstrengungen der Polizei, mit den global operierenden Verbrechern Schritt zu halten. Nicht immer liefern sich die Verdächtigen selbst aus - doch mit immer mehr Ländern funktioniert die Zusammenarbeit, werden mutmaßliche Kriminelle festgesetzt und ausgeliefert.

Anderson schreibt, wie Strafverfolger in den vergangenen Jahren ausgetestet haben, was ihnen Richter technisch durchgehen lassen: E-Mail-Überwachung ohne Durchsuchungsbeschluss? Geht nicht, aber vielleicht der rückwirkende Zugriff auf beim Provider gespeicherte Daten? Auch das gab rückwirkend juristischen Ärger, aber probieren kann man es ja mal. So wird rekonstruiert, wie die Polizei das Internet für sich entdeckt hat.

Polizei folgt Verbrechern ins Netz

Ob bei den Ermittlungen zu einem Hunderte Teilnehmer zählenden Forum für Kindesmissbrauch oder einer dreisten Abofalle für Sexpillen: Anderson hat sich spektakuläre Fälle herausgesucht, in denen die Polizei eben nicht machtlos ist. Es ist hier mehr eine Frage von Entschlossenheit, ob Online-Ermittlungen letztlich zum Erfolg führen - in mühsamer Arbeit, ganz ohne Überschreitung von Gesetzen. Verbrecher machen Fehler, sind nicht immer die schlauesten Köpfe - oder sie gehen ins Netz, weil sie ihren illegal erworbenen Reichtum auch genießen wollen, so wie der russische Spammer.

"The Internet Police" zeigt, dass es die Ermittler im Netz durchaus schwer haben, und dass noch immer viel von Gerichten abhängt, die bestehende Gesetze auf das Internet anwenden müssen. Hilfreich bei einigen beschriebenen Fällen war auch, dass die USA andere Staaten zur Kooperation überreden konnten. Doch die detaillierten Einblicke, die Anderson aus Interviews und Gerichtsakten gewonnen hat, zeigen auch: Die Polizei ist längst dort, wo die Kriminellen sind.

Polizei und ihre Werkzeuge im Auge behalten

Vor allem warnt Anderson davor, der Polizei zu viele neue Rechte zuzugestehen. Technisch wäre es wohl möglich, einen Verdächtigen umfassend zu überwachen, auch rückwirkend. Doch dem Wunschkatalog der Hardliner - in Europa gibt es den Generalverdacht namens Vorratsdatenspeicherung bereits, in den USA speichert zumindest der Geheimdienst NSA die Verbindungsdaten - erteilt er eine Absage.

Denn das voll kontrollierte Netz, wie es sich nicht nur autoritäre Regime wünschen, sondern auch Vertreter von Polizeigewerkschaften und so manche Innenpolitiker, bedeutet ein Ende der Anonymität. Das Web würde zu einem Instrument der Unterdrückung, schreibt Anderson, geradezu ein Überwachungsparadies: "Wir brauchen die Internet-Polizei, aber wir müssen sie genau im Auge behalten - und ihre Werkzeuge."

Für die Aufdeckung des illegalen Drogenmarkts "Silk Road" kommt das Buch zu spät - aber der Fall würde zur Aussage des Buches passen. Die Behörden sind im Internet, selbst vermeintlich sichere Systeme bieten keinen hundertprozentigen Schutz. Es ist ein Wettlauf, eine Frage von Ressourcen, und da ist der Staat letztlich immer besser aufgestellt. Eine so berühmte Plattform wie "Silk Road", von der selbst Abgeordnete ihr Ende forderten, hat da offenbar kaum eine Chance.

Auch die Snowden-Enthüllungen kommen im Buch nicht mehr vor. In einem Interview ging Anderson kürzlich darauf ein. Der Geheimdienst NSA wirke nun mehr wie die Hacker in seinem Buch, die ohne Regeln operieren. "Ich glaube, dass sich Menschen daran stören", so Anderson.

Das sagen die anderen: Cory Doctorow von "BoingBoing" empfiehlt das Buch als gute Wahl. Anderson verstehe wirklich etwas von seinem Thema: "Eine lebhaft geschriebene, hervorragend lesbare und wichtige Geschichte der Beziehung zwischen Recht, Strafverfolgung und dem Internet."

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