Gewalt in Rio de Janeiro Verbrecherjagd per Kurznachricht

Bewaffnete Raubüberfälle, Morde, Drogenhandel: Die Polizei ist überfordert mit der Gewalt in Rio de Janeiro. Die Initiative Disque Denuncia unterstützt die Ermittler bei der Verbrecherjagd - mit anonymen Zeugen.

Kriminalitätsexperte Zeca Borges: Die Wahrheit ist in Rio gefährlich
Julia Jaroschewski

Kriminalitätsexperte Zeca Borges: Die Wahrheit ist in Rio gefährlich

Von Julia Jaroschewski


Das letzte Mal wird Andressa R. auf einer Party in der Favela Final Feliz gesehen. Drogengangster fangen sie ab, bringen sie in ein Waldstück und töten sie. Das Motiv: Verrat. Die 23-Jährige war mit einem Jungen aus einer Favela zusammen, die von einer verfeindeten Gang regiert wird. Es ist eines von vielen Verbrechen in Rio de Janeiro, das Zeugen hatte. Doch niemand würde wohl die Polizei alarmieren - vielleicht aber Zeca Borges und sein Team.

Alle paar Minuten klingeln im Hauptquartier von Disque Denuncia am Hauptbahnhof von Rio die Telefone, die Mitarbeiter surfen im Internet, checken WhatsApp-Nachrichten - in Echtzeit erfahren sie von der Gewalt. Schießereien, Verbrechen von Drogengangs, Polizeigewalt, Überfälle, zu laute Partys oder Morde: 300 bis 400 Hinweise gehen täglich per Telefon, online oder per WhatsApp-Kanal ein, manchmal doppelt so viele.

Disque Denuncia ("Zeige an") ist die größte brasilianische Initiative, die Verbrechen mit Crowdsourcing bekämpft. Das Motto: "Der Bürger gegen das Verbrechen". 1995 startete ihr Erfinder Zeca Borges mit einem kleinen Team. Damals tobte in Rio ein Bandenkrieg auf offener Straße, Gangster und Polizei mordeten nicht nur in den Favelas, die Polizei war so korrupt, dass niemand ihr vertraute. "Ich wollte versuchen, meinen Teil dazu beizutragen, Rio besser zu machen", sagt Borges. "Kriminalitätsbekämpfung ist nicht nur Angelegenheit der Polizei - Hinweise von Bürgern helfen, Verbrechen aufzuklären oder sogar zu verhindern."

Eine von 72 Mitarbeitern der Organisation: Hunderte Hinweise pro Tag
Julia Jaroschewski

Eine von 72 Mitarbeitern der Organisation: Hunderte Hinweise pro Tag

Mehr als zwei Millionen anonyme Tipps hat die Organisation in 20 Jahren gesammelt, 130.000 bis 150.000 Hinweise sind es heute pro Jahr. 72 Mitarbeiter prüfen sie und leiten sie weiter - an Polizei, Stadtverwaltung oder andere Institutionen.

In dem unauffälligen Büro des Sechzigerjahre-Gebäudes hängt ein riesiger Flachbildschirm, auf dem Nachrichten live übertragen werden. Die Köpfe der meistgesuchten Drogengangster Rios prangen an den Wänden. Überall starrt einem das Verbrechen ins Gesicht. Wie lebt es sich damit? "Wenn man an einem Punkt angelangt ist, an dem man alles hinwerfen möchte, schaut man sich einen gelösten Fall an und schöpft wieder Motivation", sagt Borges.

Mitte September wurde ein Mörder gefasst, der im Juli einen Künstler erstochen hatte - ein Tippgeber hatte seinen Aufenthaltsort per WhatsApp-Nachricht gemeldet. Noch vor der Polizei erfährt Disque Denuncia oft, wo sich Rios meistgesuchte Verbrecher aufhalten: 2010 wurde so etwa Drogengangster "Nem" bei seiner Flucht im Kofferraum eines Autos erwischt. Auch dem FBI hat Borges geholfen: Mehr als zehn Jahre lang hatten die US-Ermittler einen Pädophilen gesucht, den sie in Rio vermuteten. Disque Denuncia spürte ihn, seinen Wohnort und Arbeitsplatz in nur fünf Tagen auf.

Anonymität ist die wichtigste Waffe

Zeca Borges' Job ist stressig, doch er wirkt mit seinem weißen Bart und der tiefen Stimme wie ein gemütlicher Weihnachtsmann. Für Termine streift er sich ein Sakko über das Shirt und schüttelt ein paar Krümel ab. Als Experte für Kriminalität in Brasilien ist er gefragter Redner und Berater, Disque Denuncia gilt als Erfolgsmodell.

Mittlerweile gibt es Ableger in vier weiteren Bundesstaaten. Sie helfen in Städten mit enormen Kriminalitätsraten, mit denen die staatlichen Sicherheitskräfte überfordert sind. Im Kampf gegen Kriminalität seien Bürger sogar oft wichtiger als Politik oder Polizei, findet Borges: "Wir können nicht an jeder Ecke einen Polizisten abstellen, aber wir haben an jeder Ecke einen Bürger."

Es ist der Nachbar, der das Drogenlabor oder Waffenlager im Nebenhaus anzeigt, es sind Partybesucher, die Entführungen beobachten. Es sind aber auch diejenigen, die die größte Angst haben, weil sie der Rache der Angezeigten, der Nachbarn, der korrupten Polizei ausgesetzt sind. Deswegen garantiert Disque Denuncia Anonymität. "Wir registrieren weder Namen, Nummern, nicht einmal das Geschlecht der Tippgeber", so Borges. Anonymität ist seine wichtigste Waffe. Borges vergleicht seine Arbeit mit einem Querschläger: "Der Kriminelle weiß nicht, woher der Angriff kommt, wer es war, was passiert ist und kann sich nicht mehr verteidigen."

Anzeigen auf einer Polizeiwache könnten lebensgefährlich sein

Gründer Zeca Borges: "Wir haben an jeder Ecke einen Bürger"
Julia Jaroschewski

Gründer Zeca Borges: "Wir haben an jeder Ecke einen Bürger"

Immer mehr Hinweise kommen aus den sozialen Netzwerken. Disque Denuncia hat fast 210.000 Follower auf Twitter, 16.000 Facebook-Fans, Tausende Kontakte auf WhatsApp. Der Vorteil gegenüber anonymen Telefonanrufen: Borges Team kann nachfragen, mehr Material fordern, besser verifizieren.

Für extreme Fälle arbeitet im Büro eine kleine Polizeieinheit, auch wenn die Organisation privat ist. Dass Disque Denuncia als neutrale Plattform wahrgenommen wird, macht sie erfolgreich. Vor dem Staat hätten die Menschen Bedenken, so Borges. In einem Land, in dem die Polizei bestechlich und die Justiz korrupt ist, könnten Anzeigen auf einer Polizeiwache lebensgefährlich sein.

Borges Mitarbeiter bleiben anonym, sie wollen nicht auf Fotos erscheinen. "Wenn ich mich abends in einer Bar unterhalte, sage ich, ich arbeite für die Stadt", sagt eine Mitarbeiterin. Die Wahrheit ist in Rio gefährlich. So ist es oft die Arbeit der anonymen Helden, die mit Schlagzeilen und Festnahmen sichtbar wird.

Kriminalität in Brasilien
Brasiliens Mordrate ist eine der höchsten weltweit. Auf 100.000 Einwohner kommen 29 Tote - fünfmal mehr als im weltweiten Durchschnitt. Jährlich sterben Zehntausende Menschen durch Morde. Das Land kämpft mit einer extremen sozialen Ungleichheit. Viele morden wegen eines Mobiltelefons, täglich geschehen bewaffnete Überfälle auf Autos, Busse, Einbrüche.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andros0813 28.09.2015
1.
die hoffung stirbt zuletzt...es sind die stillen helden unserer gesellschaften
Flying Rain 28.09.2015
2. Hm
Der gute Mann muss wie ein Schatten sein dass er noch nicht ermordet wurde als Kopf einer solchen Gesellschaft.... ein Held der sogar ein bisschen mehr ist als der Tropfen auf dem heißen Stein...
gordao 28.09.2015
3. Disque Denúncia
...heißt nicht "zeige an" sondern ist eine Aufforderung eine spezielle Rufnummer für Anzeigen bei der Polizei anzurufen. "Discar" stammt aus der Zeit der Wählscheiben-Telefone - "o disco".
moritz040 28.09.2015
4. Denunziere Deinen Nächsten
Etwas kritische Auseinandersetzung mit einem Denunziationssystem hätte dem Artikel gut getan. Auch wenn es um Drogendealer, Pädophile und Mörder geht. Denunziation an sich ist nicht redlich und nicht heldenhaft. Es mag sein, dass sie in einem korrupten Rechtssystem ein probates Mittel darstellt. In totalitären Staaten und "gesunden" Rechtsstaaten würde ich tunlichst vermeiden, Bürger zu Freizeitsheriffs heranzuziehen. Die Geschichte zeigt, dass Bürger mit dieser Verantwortung selten umgehen können.
icke0816 28.09.2015
5. warum nicht?
Auch bei uns kann jeder zur Polizei gehen! Da gibt es keinen Unterschied. Dort gehen Hinweise ein und keine Gerichtsurteile. Auch wird damit keine Selbstjustiz ausgeübt. Ich denke hier verstehen einige nicht worum es geht. Unsere Polizei sollte dort mal aushelfen, dann hören sie hier vielleicht auf zu jammern ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.