Gewalt in Rio de Janeiro Der Drogenkrieg als Handyvideo

In der Olympiastadt Rio de Janeiro führen Drogenbanden einen in der Öffentlichkeit kaum sichtbaren Krieg. Jetzt zeigen Handyvideos das Ausmaß der Gewalt. Die Täter verbreiten sie oft selbst online - das zwingt die Behörden zum Handeln.

Armensiedlung Turano in Rio de Janeiro
REUTERS

Armensiedlung Turano in Rio de Janeiro

Von Julia Jaroschewski, Rio de Janeiro


Die beiden Jungen blicken verstört in die Kamera, einem läuft Blut über das Gesicht, auch sein Kapuzenpulli ist blutverschmiert. Sie müssen dem Mann nachsprechen, der sie mit einer Pistole bedroht, dem Boss der Drogengang huldigen, die die Favela beherrscht. Mit den Händen bilden die Teenager die Buchstaben "C" und "V", die Initialen des "Comando Vermelho", einer von Rios mächtigsten Drogengangs. Erschossen werden sie trotzdem - das Video der Doppel-Hinrichtung der 14 und 16 Jahre alten Jungen Ende Mai verbreiteten die Drogengangster im Internet, als Machtdemonstration und Warnung an Rivalen. Das Video ist bis heute online.

Es sind grauenvolle Szenen, die aus Brasilien durch die sozialen Netzwerke zirkulieren. Bilder von Mord und Totschlag, die alltägliche Realität sind in den Armenvierteln, dort, wo Drogenbanden herrschen und ein eigenes Rechtssystem geschaffen haben. Lange galt: Was in der Favela geschieht, bleibt in der Favela. Doch dank Handys und sozialen Medien wird jetzt sichtbar, welche Gewaltherrschaft die Drogengangs ausüben. Wöchentlich werden neue Taten bekannt - und schockieren auch die, die fern der Armut in Brasilien leben, geschützt hinter Zäunen und Mauern in ihren Gated Communities oder Wohnblocks der wohlhabenden Gegenden.

Die Gesetze der brasilianischen Gangs sind grausam: In den Favelas schießen sie Dieben in die Hand, verteilen Peitschenhiebe, foltern und ermorden Verräter und Rivalen - oder die, die sie dafür halten. Die Jugendlichen, deren Doppelhinrichtung im Video festgehalten wurde, hatten die Favela Vila Ipiranga in Niteroi bei Rio angeblich nur besucht, um dort ein Pferd zu kaufen. Als sie in eine Schießerei gerieten, rannten sie der lokalen Drogengang direkt in die Arme. Deren Mitglieder hielten die beiden für Mitglieder einer verfeindeten Gang.

Videos und Fotos als Trophäen für die Täter

Und sie sind nicht die Einzigen. Zahlreiche Videos dokumentieren, wie junge Männer von anderen erschossen werden: Pistolen werden an die Köpfe gehalten, oft betteln die Opfer um ihr Leben, oft werden sie dazu aufgefordert sich zu entschuldigen, zu bereuen, müssen Lobtiraden auf die Drogenbande herunterleiern - doch in den seltensten Fällen hilft das. Sie werden kaltblütig erschossen, so wie die beiden Jungen.

Oft sind es die Täter selbst, die ihre Gewaltaktionen einem breiten Publikum zugänglich machen. Mit WhatsApp, Facebook oder YouTube können sie potenziell Millionen brasilianische Nutzer erreichen. Die Täter filmen und fotografieren, um sich ihrer Taten zu rühmen und das Bildmaterial zu verschicken, an Freunde und andere Bandenmitglieder.

Die Brutalität der brasilianischen Drogenbanden war für viele lange Zeit nicht sichtbar. Anders als bei Terrorgruppen oder Drogenkartellen in Mexiko geht es den Banden nicht in erster Linie darum, Exempel für die Öffentlichkeit zu statuieren, sondern vor allem ihre Feinde zu beseitigen, Rivalen einzuschüchtern und ihre Macht zu präsentieren. Eine Ausnahme war der gefürchtete und 2015 von der Polizei erschossene Drogenboss Celso Pinheiro Pimenta alias "Playboy", der auch die Staatsmacht herausforderte: In einem öffentlichen Schwimmbad filmten sich seine Männer mit Sturmgewehren - während der Boss bei den Fahndern ganz oben auf der Liste stand.

In den Favelas, in denen die Drogengangs seit Jahrzehnten die Macht haben, gilt das Gesetz des Schweigens. "Es ist sehr gefährlich und ein Tabu, Mitglieder der Drogengangs zu verraten" sagt Zeca Borges, der Gründer der Plattform Disque Denuncia, die anonyme Hinweise von Bürgern sammelt. Verrat verzeihen die Banden nicht.

Neue Öffentlichkeit zwingt Polizei zum Handeln

Die Gangs sind die Justiz, das sogenannte "Tribunal do Tráfico" ist die Gerichtsverhandlung der Drogenbanden: Mitglieder der Gang entscheiden kollektiv, welche Strafen gegen den Beschuldigten verhängt werden. Zum Beispiel die Todesstrafe mit dem Spitznamen "Mikrowelle". Der Delinquent wird in einen Stapel Autoreifen gesteckt, sodass er sich nicht mehr bewegen kann, und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt.

Frauen werden die Köpfe rasiert, oft werden sie sexuell missbraucht. Videos davon landen in WhatsApp-Gruppen, wie das, in dem eine Frau in der Ecke eines Hauses von einem Mann mit einer Holzlatte zusammengeschlagen wird, ihr Kopf ist kahlrasiert, sie wimmert um Hilfe und dass er aufhören möge. Doch niemand hört auf, die Latte bricht.

Diese neue Sichtbarkeit zwingt Staat und Polizei, auch bei Straftaten in Favelas energischer einzuschreiten. Früher wurde oft nicht oder nur schlampig ermittelt. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Polizisten in Favelas Spuren am Tatort verwischt hatten - insbesondere, wenn sie selbst in eine Schießerei involviert waren.

Wenn die Täter online mit ihren Gewaltakten protzen oder sich Anwohner trauen, mit dem Handy zu filmen, hilft das auch der Justiz: Die Massenvergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in Rio wurde nur aufgrund der Existenz des Videos zur Anzeige gebracht. Gegen mehrere Täter, die das Mädchen in einer Favela in Rio vergewaltigt und gefilmt hatten, läuft nun ein Verfahren.

Auch im Fall der beiden getöteten Jugendlichen hat die Polizei reagiert: Der Mann, der den Schießbefehl gegeben hat, konnte identifiziert werden. Die Aufnahmen sind wertvolles Beweismaterial: Sie zeigen nicht nur Täter und Opfer, sondern auch Waffe und Tatorte. Ohne das Video wäre der Tod der beiden Jungen vielleicht einer von vielen anderen vergessen Fällen geworden.

So entsetzlich die Dokumentation der Grausamkeiten ist, so sehr die Familien der Opfer darunter leiden müssen - manchmal kann die neue Sichtbarkeit des Grauens hilfreich sein.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
laberabarber 02.07.2016
1. Sprachlos
Was man an nachrichten täglich verdauen muss und das auch noch in bild und ton von den tätern. Es ist eine endlosschleife des grauens. Egal wie man es wendet
peter.teubner 02.07.2016
2. Das also
ist die Lebenswirklichkeit für die armen Leute in den freien, markwirtschaftlich organisierten Ländern. Wir sollten das nicht vergessen, wenn wir den Regimwechsel in Kuba fordern.
glasperlenspieler 02.07.2016
3. Rechtsfreie Räume
Hier wird deutlich, was geschieht, wenn Politik und Justiz jahrzehntelang rechtsfreie Räume in von Kriminellen besetzten Gebieten dulden. Trotzdem gibt es immer noch Sozialromantiker, die diese Viertel - sei es in Hamburg, sei es in Berlin oder in Rio - beibehalten wollen und den Akt der Auflösung solcher Gebiete bedauern und verhindern wollen.
Le Commissaire 02.07.2016
4. Gegensatz
Zitat von peter.teubnerist die Lebenswirklichkeit für die armen Leute in den freien, markwirtschaftlich organisierten Ländern. Wir sollten das nicht vergessen, wenn wir den Regimwechsel in Kuba fordern.
Verzeihung, aber ich habe selten so ein Unsinn gelesen. Mal abgesehn davon, dass Sie Korrelation mit Kausalität verwechseln, liegt die Tötungsrate im sozialistischen Paradies Venezuela fast doppelt so hoch wie in Brasilien, das selbst auch nie besonders durch eine liberale Politik aufgefallen ist -- ganz im Gegenteil.
hanspest 02.07.2016
5. @peter.teubner
Bitte was? wie kann man sowas auf ne allgemeine marktwirtschaftkritik runterbrechen? als würde es so etwas nur in der "freien" Welt geben... wachen sie mal aus ihrer Traum der kapitalismusKritik auf - Menschen sind überall schlecht wenn es die Umstände zulassen (gibt sicherlich auch Morde in Kuba und co)
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