Risiken in Social Networks Staatliche Warn-Werbung steckt nicht an

Das Virus hat die Verbraucherministerin höchstselbst ausgesetzt. Wie ein gutartiger Infekt sollen sich drei Videoclips im Internet verbreiten, mit denen Ilse Aigner Jugendliche zu weniger Offenheit im Netz anhalten will - doch die Kampagne hat kaum Aussicht auf Erfolg.

Von Zacharias Zacharakis


Berlin - Anna hat es selbst erlebt. Deshalb will sie jetzt dabei helfen, dass ihr Schicksal nicht auch anderen Jugendlichen widerfährt. Mit Freundinnen aus ihrer Klasse betrieb die 15-Jährige im sozialen Netzwerk SchülerVZ eine geschlossene Gruppe, nur für Mitglieder. "Wir haben da sehr private Sachen besprochen", erzählt sie. Teenager-Geschichtchen eben: Wer in wen verknallt ist, wer mit wem gehen möchte. Bis sich ein Spitzel in die Gruppe einschlich.

Fremde Freunde: Ministerin warnt vor zu viel Offenheit im Netz

Fremde Freunde: Ministerin warnt vor zu viel Offenheit im Netz

"Mein Profil war plötzlich doppelt vorhanden", sagt Anna. Die Mädchen glaubten an einen technischen Fehler und kümmerten sich nicht weiter darum. Doch einige Zeit später stellte sich heraus, dass ein Junge aus ihrer Klasse das Nutzerprofil von Anna perfekt kopiert hatte und damit nicht nur die Gruppe ausspionierte, sondern auch gefälschte Nachrichten in Annas Namen an die anderen Mitglieder schickte - für die Mädchen ein informationeller Supergau.

Jetzt ist Anna in einem von drei Videoclips zu sehen, die das Bundesverbraucherschutzministerium heute ins Internet gestellt hat. In symbolischer Weise sollen die kleinen Spots darüber aufklären, welche Folgen ein zu offenherziger Umgang mit privaten Daten im Netz haben kann.

Eines der Filmchen zeigt ein Date zwischen zwei Teenagern. In dem Clip tauchen immer wieder Fotos auf, auf denen der Junge mit seiner Exfreundin zu sehen ist, auf Flugzetteln, auf Postern, auf Plakatwänden. Das Video soll vermitteln: Vorsicht mit privaten Bildern im Netz! Was einmal online geht, ist schwer wieder zu tilgen. Die anderen Filme transportieren ähnliche Botschaften. Vorsicht vor falschen Freunden im Netz, Achtung bei privaten Äußerungen in Chats und Foren.

Web mit eigenen Waffen schlagen

"Jede Notiz kann im Internet ein Lauffeuer werden", sagt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) bei der Vorstellung der Videos am Dienstagmorgen in Berlin. "Das gilt nicht nur für Dinge, die ich über mich selbst schreibe, sondern auch für das, was ich über andere verbreite." Lästereien, Mobbing und Ausgrenzung hätten heutzutage eine neue Dimension erreicht. "Der Schulhof des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr real", konstatiert die Ministerin.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, will Aigner das Web 2.0 mit seinen eigenen Waffen schlagen. Es handele sich hierbei um eine virale Kampagne. Die Clips sollen auf den sozialen Netzwerken SchülerVZ, Lokalisten.de und wer-kennt-wen.de eingebunden werden und sich dadurch wie ein Virus von selbst verbreiten, von Nutzer zu Nutzer. Allerdings muss bezweifelt werden, dass dieser Plan aufgeht.

Naive Comic-Figuren für vorpubertäres Publikum

Denn virales Marketings basiert auf folgendem Konzept: Die Betrachter eines Videoclips müssen derart überrascht oder begeistert sein von dessen Inhalt, dass sie den Film Freunden weiterempfehlen, per E-Mail oder etwa in einem Forum. Es ist zumindest fraglich, ob sich die Zielgruppe der 12- bis 19-jährigen Schüler beeindrucken lässt von einem Werbefilm der Bundesregierung, der mit naiven Comic-Figuren arbeitet, die eher ein vorpubertäres Publikum ansprechen dürften, und in einem doch sehr pädagogischen Tonfall daherkommt.

Das Ansinnen der Ministerin, mit der Kampagne für mehr Aufklärung bei den Jugendlichen zu sorgen, ist durchaus ehrenhaft. 300.000 Euro hat die Regierung immerhin dafür aufgebracht. Das Problem aber lässt sich nicht so leicht beheben, da es dem System der sozialen Netzwerke selbst innewohnt.

Privatsphäre als Anreiz für Nutzer

Für die Nutzer von SchülerVZ und anderer Anbieter ist ein Profil nur so lange interessant, wie dort private Informationen und Fotos angeboten werden. Dieser These widerspricht ein Mitglied aus dem Management von StudiVZ. Das Unternehmen betreibt auch die Variante für Schüler. "Die Netzwerke leben nicht davon, dass hier die Privatsphäre für alle Welt einsehbar ist", sagt Malte Cherdron. Wer umsichtig und verantwortungsvoll mit seinen Daten umgehe, dem drohten keine bösen Überraschungen im Netz. Schließlich könne das eigene Profil wahlweise nur für Freunde freigeschaltet werden.

Gerade bei StudiVZ aber zeigt sich, was passiert, wenn sich die Mitglieder mit ihren privaten Angaben aus einem sozialen Netzwerk verabschieden. Seitdem das Unternehmen seine Nutzungsbedingungen verschärft hat, melden viele Mitglieder nur noch unter Pseudonymen an. Das erschwert die Suche nach Kontakten erheblich. Die Zugriffszahlen stagnieren - wenn auch auf weiterhin hohem Niveau. Das allerdings könnte auch mit erstarkenden Konkurrenten wie Facebook zusammenhängen.

Eine erfolgreiche Kampagne der Ministerin würde jedenfalls in letzter Konsequenz den Anbietern ihre Klientel abgraben. Datensicherheit im Netz erreicht nur derjenige, der möglichst wenig über sich preisgibt. Die Unternehmen müssen sich denn ostentativ besorgt um die Privatsphäre ihrer Mitglieder geben, um deren Vertrauen nicht zu verlieren.



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