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Riskante Panne: US-Regierung veröffentlichte versehentlich Atombomben-Baupläne

Transparenz ist gut: Viele Augen sehen mehr als wenige. Dass die US-Regierung im Irak konfiszierte Dokumente im Web veröffentlichte, um deren Analyse zu beschleunigen, ist insofern ein Erfolg. Dass in den Akten aber Atombomben-Baupläne gefunden wurden, sorgte jetzt für hektische Zensurmaßnahmen.

In der Nacht zum Freitag nahm die US-Regierung nach Protesten aus der Internationalen Atomenergiebehörde und Presseanfragen ein Informationsportal aus dem Netz, über das im Irak konfiszierte Dokumente eingesehen werden konnten. Offenbar waren in "rund einem Dutzend" dieser weltweit abrufbaren Dokumente Informationen gefunden worden, die zum Bau einer nuklearen Waffe verwendet werden konnten, berichtet die "New York Times".

Colin Powell bei der Präsentation vor dem Uno-Sicherheitsrat (2005): Dokumente in stark zensierter Form
AFP

Colin Powell bei der Präsentation vor dem Uno-Sicherheitsrat (2005): Dokumente in stark zensierter Form

Die zumindest potentiell gefährliche Panne führte zur totalen Schließung des "Operation Iraqi Freedom Document Portal", das von der US-Regierung eigentlich genau zu diesem Zweck eingerichtet worden war: Die Öffentlichkeit zu nutzen, um doch noch Beweise für irakische Pläne zum Bau von Massenvernichtungswaffen zu finden. Trotzdem wird die Bush-Regierung die äußerst peinliche Panne wohl kaum als Erfolg verbuchen können: Die Dokumente waren ihr vor der Web-Veröffentlichung bekannt und unter anderem als Rechtfertigung für den Irak-Feldzug gegenüber dem Uno-Sicherheitsrat benutzt worden. Der schlechte Witz dabei ist, dass die Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates aus Sicherheitsgründen nur eine entschärfte, stark zensierte Form zu Gesicht bekommen hatten. Dem gemeinen Web-Surfer zwischen Washington und Warschau, Tokio und Teheran hingegen bot die US-Regierung volle Akteneinsicht.

Die Herkunft der Dokumente

Anfang der neunziger Jahre, kurz vor Beginn des zweiten Golfkrieges, den Saddam Husseins Überfall auf Kuweit auslöste, trauten die amerikanischen Geheimdienste dem Irak einiges zu. Wenn es Hussein darauf anlegen würde, könnte sich der Irak binnen eines Jahres atomar bewaffnen, hieß es damals. So weit gediehen sollte das irakische Massenvernichtungswaffen-Programm schon gewesen sein.

Fast eineinhalb Jahrzehnte später wurde diese These erneut bemüht, um den US-Feldzug gegen den Irak zu rechtfertigen. Doch die vor der Uno und der Welt vehement vertretene These der Bush-Regierung, das Hussein-Regime verfüge über Massenvernichtungswaffen, konnte nie bestätigt werden. Allein dass das irakische Atomforschungsprogramm prinzipiell über das Know-how verfügte, atomare Waffen zu bauen, konnte erhärtet werden.

Der Beweis dafür fand sich in Dokumenten, die die Amerikaner im Irak konfisziert hatten. Zum Teil waren diese in den Neunzigern, zum Teil erst 2002 von irakischen Behörden zusammengestellt worden, um gegenüber der Uno zu dokumentieren, dass der Irak seine Programme zur Entwicklung nicht konventioneller Waffen aufgegeben habe.

Darunter fanden sich entsprechende Diagramme, Bauanleitungen und Analysen, denen zu entnehmen war, dass es zur Umsetzung eventuell vorhandener Nuklearpläne wohl nicht an Know-how gefehlt hätte. Einen Teil dieser Dokumente legten die Amerikaner in deutlich zensierter Form Ende 2002 im Vorfeld zum US-Feldzug gegen Irak dem UN-Sicherheitsrat vor.

Falsch verstandene Transparenz

Erheblich mehr von diesen Dokumenten, stellte sich nun heraus, bekamen Web-Surfer ab März 2005 im Internet zu sehen. Auf Drängen republikanischer Kongressabgeordneter, die sich wegen des nicht enden wollenden Irak-Konfliktes und seiner zunehmend fragwürdigen Begründung steigendem öffentlichem Druck ausgesetzt sahen, und gegen den Widerstand der US-Geheimdienste veröffentlichte die US-Regierung immer mehr der im Irak konfiszierten Dokumente im Web. Es ging dabei wohl um mehr, als nur zu demonstrieren, dass man nichts zu verbergen habe: Das "Operation Iraqi Freedom Document Portal" sollte auch die Erfassung und Analyse der Unmenge an Akten beschleunigen. 48.000 Kisten voller Dokumente hatten die Amerikaner konfisziert, und irgendwo darin konnte sich noch immer der Beweis verbergen, dass der Einmarsch in den Irak doch richtig begründet worden war.

Tatsächlich fanden sich in den veröffentlichten Dokumenten einige Dutzend über das irakische Atomprogramm, berichtet heute die "New York Times". Und die haben es in ihrer Eindeutigkeit in sich: Was dort zu sehen war, grenze an eine Bauanleitung. "Schockiert" hätten in der letzten Woche Vertreter der internationalen Atomenergiebehörde bei Gregory L. Schulte, dem US-Vertreter bei der IAEA, Protest angemeldet. Schulte dementiert das. Erst eine Anfrage der "New York Times" brachte den Stein ins Rollen: Wenige Stunden später zog die US-Regierung den Stecker und nahm die gesamte Webseite vom Netz.

Und zwar überaus gründlich. Weder beim Internet-Archiv, noch in den Caches der großen Suchmaschinen finden sich auch nur noch Spuren der Tausende von Dokumenten. Den Link zu veröffentlichen, erübrigt sich: Dort ist nichts mehr, die Adresse ist augenscheinlich sogar aus den DNS-Verzeichnissen der Internetprovider getilgt.

Auf eine Tilgung der Seite drängten übrigens nicht nur US-Geheimdienstvertreter bereits wenige Wochen, nachdem das "Operation Iraqi Freedom Document Portal" im März 2005 online gegangen war. Bereits im Frühjahr 2005 kam es zu ersten Dokumenten-Löschungen. UN-Waffenkontrolleure waren über Rezepte zur Herstellung der Giftgase Tabun und Sarin gestolpert. Die fortgesetzte weltweite Veröffentlichung der teilweise hoch gefährlichen Dokumente stieß ab da auf so qualifizierte, wie erfolglose Kritik. "Äußerst verantwortungslos" sei das abgelaufen, kommentierte etwa A. Bryan Siebert gegenüber der "New York Times". Der Mann weiß, wovon er spricht: Bis 2002 leitete er die Abteilung Geheimhaltung beim US-Atomprogramm.

pat/AP

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