Reaktionen auf Roboterfinger Großartig oder gruselig?

Ein französischer Forscher hat einen Roboterfinger fürs Smartphone entwickelt und erntet Skepsis. Bei manchem Nutzer aber weckt die Erfindung auch schräge Fantasien.

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Seine Erfindung ist zu menschlich - und zugleich nicht menschlich genug. Das sagt der französische Forscher Marc Teyssier über den MobiLimb, einen Roboterfinger fürs Smartphone, den er entwickelt und kürzlich auf YouTube vorgestellt hat. "Jeder sagt mir, der sei gruselig", sagt Teyssier.

Er selbst sehe das auch so, sagt der Forscher, zugleich aber findet er die überwiegend abweisenden Reaktionen spannend. "Wir kommunizieren mit Menschen durch Berührung", sagt er: "Wir benutzen Finger. Wir nutzen Bewegung. Aber wenn wir das auf ein mobiles Gerät bringen, denken alle, dass es verrückt und gruselig ist."

Teyssiers Roboterfinger wird am Smartphone befestigt und hat verschiedene Funktionen: Der MobiLimb diene als Handyhalter oder -stütze, dank ihm kann das Gerät sich aber auch wie von selbst über den Tisch bewegen. Der Finger kann sich außerdem krümmen und auf den Tisch klopfen, ebenso kann er den Benutzer streicheln oder antippen, während dieser das Gerät in der Hand hält - Freunde können das sogar aus der Ferne auslösen.

Roboterfinger MobiLimb
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Roboterfinger MobiLimb

Teyssiers Finger soll so helfen, Kommunikation übers Smartphone mehr wie persönliche Mensch-zu-Mensch-Kommunikation wirken zu lassen - dadurch, dass Berührungen eine Rolle spielen. "Meine Ausgangsfrage lautete: Wie können wir Berührungen in Mensch-Computer-Schnittstellen integrieren?"

Ein Ausflug ins Uncanny Valley

Bislang scheinen viele Menschen der Idee, dass ein Roboterfinger sie anfasst, skeptisch gegenüberzusehen. Forscher Teyssier, der an der Ingenieurschule Télécom ParisTech zu Berührung in der Kommunikation forscht, will herausfinden, warum.

Teyssier glaubt, der Roboterfinger verunsichere Menschen, weil er wie eine Person auf Kommandos reagiere, aber eben nur ein Finger ohne Körper sei. "Ich denke, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad im Uncanny Valley befinden." Technologie komme menschlich daher, sei aber eben nicht exakt wie ein Mensch. Das führe dazu, dass das Gehirn nicht wisse, wie es den Eindruck zu verarbeiten hat: "Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen."

Der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt beschäftigt Forscher seit langem. Die Hypothese dazu lautet verkürzt, dass Menschen lieber mit abstrakten, unecht wirkenden Figuren zu tun haben, als mit Figuren, die echt wirken sollen, es aber nicht ganz schaffen - nach dem Motto "Zu nah am Menschen, aber nicht nah genug". Erst ab einem bestimmten Level an Realismus empfinden Menschen der Hypothese zufolge wieder Empathie für Nachbauten, seien es nun Roboter oder auch Film- oder Videospielfiguren. Kurz vor der perfekten Nachbildung hat die Realismus-Sympathie-Kurve eine tiefe Delle - das unheimliche Tal, das Uncanny Valley.

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Filme und Spiele: Virtueller Menschenbau ist nicht leicht

Einmal drücken lassen vom Kühlschrank

Marc Teyssier glaubt, dass es durchaus einen Punkt geben kann, an dem ein Roboterfinger Menschen nicht länger verstören wird. Er stellt sich eine Welt vor, in der Menschen eines Tages mit Objekten so interagieren, wie sie es jetzt mit anderen Menschen oder Haustieren tun. Eines Tages könnte man dann in die Küche gehen und sich von seinem Kühlschrank drücken lassen.

"Mit diesem Projekt stellen wir viel in Frage", sagt Teyssier über den MobiLimb: "Das Smartphone und den Menschen und die menschliche Natur." Und er fragt weiter: "Was wäre, wenn alle Geräte Arme und Gliedmaßen hätten und uns wie ein Mensch berühren könnten? Ich denke, unser Umgang mit Technologie wäre ein ganz anderer."

Vielleicht würde man ein Gerät dann nicht nach zwei Jahren in den Müll werfen, überlegt der Forscher. "Vielleicht würden wir eine Beziehung zu ihm aufbauen und es als Freund oder Begleiter bei uns behalten wollen." Dauerhafte Softwareupdates vorausgesetzt natürlich.

Sexfantasien auf YouTube

Teyssiers Erfindung hat auf YouTube übrigens nicht ausschließlich negative Reaktionen gesammelt. Unter dem Präsentationsvideo finden sich an prominenter Stelle auch Kommentare wie "Ärzte können jetzt eine Prostata-Untersuchung aus der Ferne durchführen".

Und einige Nutzer regt sein Roboterfinger auch zu Sexfantasien an: "Ist der wasserdicht? Frage für einen Freund", schreibt etwa jemand. Andere kommentieren den MobiLimb mit "Mobi Dick", "Hier kommt das neue iPhone XXX" oder "Meine Ex-Freundin würde sich darüber freuen". Und ein weiterer Nutzer hat sich schon einen Werbespruch für das Gerät ausgedacht: "Endlich kann Sie Google Maps zum G-Punkt führen!"


Creepy oder praktisch? Stimmen Sie hier mit ab!

Ob man etwas creepy findet oder für eine sinnvolle Innovation hält, ist oft eine Frage des persönlichen Empfindens. Hier finden Sie zehn Beispiele von Webdienst-Funktionen, bei denen Leser seit 2016 abstimmen können: creepy oder praktisch? Nach jeder Antwort sehen Sie, wie sich die anderen Leser entschieden haben.

1. Googles neue Chat-App Allo schlägt unter anderem per Fotoanalyse Antwort-Optionen vor. Schickt jemand etwa ein Bild von Nudeln mit Venusmuscheln, formuliert die App Antworten wie "Lecker", "Mmh, Muscheln" und "Ich liebe Linguini" vor.
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2. Vor Geburtstagen regt Facebook manchmal Freunde der Jubilare an, Überraschungspartys für sie zu planen - per dezentem technischen Hinweis, natürlich ohne Wissen des Geburtstagskinds.
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3. Eltern, die ihren Kindern ein Benutzerkonto für Windows 10 einrichten, werden standardmäßig detailliert über deren Rechnernutzung informiert. Einmal pro Woche bekommen sie per E-Mail einen Aktivitätsbericht, in dem etwa die besuchten Websites stehen.
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Das finde ich praktisch.
4. Wer im Google Kalender einen Begriff wie "Zahnarzt" oder "Tanzen gehen" eintippt, bekommt beim entsprechenden Eintrag automatisch ein Piktogramm angezeigt - in diesen Fällen einen Zahnputzbecher beziehungsweise Sportschuhe.
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5. Die App Findface aus Russland bietet eine Gesichtserkennung: Lädt man ein selbstgemachtes Bild in die App, gleicht sie das Foto mit Bildern aus dem sozialen Netzwerk VK ab - und zeigt an, welcher Nutzer auf dem Bild zu sehen sein könnte.
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6. Obwohl es auf Twitter weniger um Freundschaften geht es als zum Beispiel auf Facebook, fragt der Dienst seine Nutzer hin und wieder, ob sie ihren Geburtstag angeben wollen.
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7. Bei Googles App Duo kann man ein Livevideo des Anrufers sehen - und das sogar schon, bevor man seinen Anruf annimmt.
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8. In der App von Uber kann man ein Familienprofil erstellen. Wer das macht, bekommt fortan eine Benachrichtigung, wenn ein mit dem Profil verbundenes Familienmitglied die App benutzt. Per Karte lässt sich in Echtzeit verfolgen, von wo nach wo gerade etwa der Partner oder ein Kind unterwegs ist.
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9. Lädt man die aktuelle Apple-Store-App herunter, bekommt man Hardware-Kaufvorschläge auf Basis des Geräts, das man gerade benutzt, nach dem Motto: "Zu dem was Sie schon haben, würde das hier sehr gut passen."
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10. Einige Samsung-Smartphones wie das Note 4 bieten eine Funktion namens Smart Stay. Sie sorgt dafür, dass der Bildschirm des Smartphones eingeschaltet bleibt, solange man draufschaut. Der Nutzer wird dafür über die Vorderkamera des Handys beobachtet.
Das finde ich creepy.
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Danke fürs Mitmachen.

mbö/Reuters



insgesamt 4 Beiträge
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Pipilotta 12.10.2018
1. Gruselig!
Menschen brauchen den Kontakt mit echten lebenden Menschen. Das oben beschriebene Szenario würde nur noch mehr neurotische, vereinsamte, von Allem entkoppelte Menschen hervorbringen, die sich völlig neben der Spur durchs Leben bewegen.
EhemalsWestBerlinerFossil 13.10.2018
2. Mal sehen, wie sich das weiterhin...
Zitat von PipilottaMenschen brauchen den Kontakt mit echten lebenden Menschen. Das oben beschriebene Szenario würde nur noch mehr neurotische, vereinsamte, von Allem entkoppelte Menschen hervorbringen, die sich völlig neben der Spur durchs Leben bewegen.
...entwickeln wird. Bei der zu erwartenden Zahl dementer Menschen in ein paar Jahrzehnten, für die schlicht und einfach nicht mehr genügend Dauerbetreuer zur Verfügung stehen werden, werden solche maschinellen Elemente wohl dringend als Kontaktersatz zu echten Menschen benötigt werden (in Asien wird so etwas ja schon gemacht). Ausserdem vermute ich, dass zukünftige Generationen, die mit derartigen "haptischen Maschinen" gross werden, sie dann sehr schnell in ihr normales Leben einbauen. Wie schnell so etwas geht, zeigen ja die Smartphones. Schon deren Vorgänger, die SMS-fähigen Handys, führten ja zu einer messbaren Fähigkeitsveränderung: Daumen wurden bezüglich ihrer motorischen Möglichkeiten zu neuen Zeigefingern, was sich auch im Gehirn wiederspiegelte. Das Wesen "Mensch" ist anpassungsfähiger, als man sich das oft vorstellt, und für zukünftige Generationen werden das halt normale Bestandteile ihrer Umwelt sein - wie für uns ältere Autos, Flugzeuge, Telefon und Fernsehen.
martinm70 13.10.2018
3. Der erste Schritt hin zu einer maschinellen Lebensform
Dieser Roboterfinger wirkt wie die ersten Gliedmaßen welche die Einzeller damals in der Ursuppe entwickelt haben, und woraus irgendwann der Mensch entstanden ist. Heißt wir müssen dieses Smartphone mit dem Finger nur in etwas vergleichbares wie die Ursuppe werfen und in 1 Mio Jahre sind daraus die Transformers entstanden.
ThomasGB 13.10.2018
4. Die Idee ist nicht neu, ...
Schon bei der "Adams Family (in verrückter Tradition)" spielt das "Eiskalte Händchen" eine Rolle.
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