RockMelt Der Browser für Internet-Zapper

Die Idee ist alt, aber die Umsetzung so gut wie keine bisher: Der neue Browser RockMelt macht das sozial gefilterte Netz zum Grundrauschen beim Surfen. Die Bedienung ist durchdacht und auf Internet-Zapper ausgelegt. Wenn es der Zielgruppe gefällt, könnte das funktionieren.


Warum denn noch ein Browser? Einige Entwickler des längst vergessenen Webdarstellers Netscape (einst Markführer, bis Microsoft Ende der neunziger Jahre mit Millionenausgaben die Aufholjagd für den eigenen Internet Explorer entschied) glauben, einen guten Grund für den Umstieg gefunden zu haben. Ihr nun als Vorabversion verfügbarer Browser RockMelt soll die Webnutzung zu einem Gemeinschaftserlebnis machen - die Nutzer sollen ständig per Facebook und Twitter Informationen sichten, absetzen und mit Bekannten chatten können, ohne die Seiten aufrufen zu müssen.

Die Idee ist nicht neu, etwas ähnliches versuchen diverse Erweiterungen für gängige Browser wie Firefox und Chrome, aber auch spezielle Browser wie Flock. Aber ein Vergleich zeigt, dass RockMelt diese Idee erheblich besser umsetzt. RockMelt basiert wie die aktuelle Flock-Version auf dem Open-Source-Projekt Chromium, das auch die technische Grundlage fürs Googles schnellen Browser Chrome ist.

Schnell sind alle drei Browser und als Facebook- und Twitter-Navigator lassen sie sich irgendwie ummodeln, aber bei RockmMelt ist die Verpackung am besten gelöst. Die zusätzlichen Bedienelemente zur Kommunikation mit dem eigenen Umfeld sind bei RockMelt wirklich ein Teil des Browser, während selbst bei Flock schnell der Eindruck entsteht, dass da einfach in einem kleinen Fensterchen etwas Sozialgedudel nebenher läuft.

Nachdem man RockmMelt mit seinem Facebook- und Twitter-Konto verknüpft hat (ja, man muss den Entwicklern die eigenen Login-Daten anvertrauen), taucht links am Fensterrand eine Übersicht der eigenen Kontakte und rechts ein Überblick der im eigenen sozialen Umfeld gerade debattierten Webinhalte auf. Diese Aufteilung ist logisch: Links ist der Platz für persönliche Kommunikation (Facebook-Chat, Direktnachrichten, Kommentare auf den Profilseiten der eigenen Kontakte), Rechts sind Inhalte untergebracht (Twitter-Nachrichten, Neuigkeiten aus dem Facebook-Umfeld, Nachrichten aus RSS-Feeds beliebiger Webseiten).

Ein Browser zum Zappen

In Details zeigt sich, wie durchdacht die Benutzerführung ist: Beginnt man in der Adresszeile oder dem Suchfenster den Namen eines Facebook- oder Twitter-Kontakts einzutippen, taucht sofort eine Auswahl der passenden Kontakte auf. Ein Klick und am Fensterrand öffnet sich ein kleines Feld mit allen Kontaktmöglichkeiten zu und Neuigkeiten von dieser Person. Beim Konkurrenzprodukt Flock öffnet sich nach dem Klick auf einen entsprechenden Link im Browserfenster die Facebookseite, bei RockMelt kann man ohne solche Umwege direkt in der Anwendung chatten, mailen und kommentieren.

Die Entwickler haben RockMelt so gestaltet, dass der Nutzer mit minimalem Zeitaufwand ständig ohne Fensterwechsel zwischen verschiedenen Web-Quellen und Kommunikationskanälen zappen kann. Nutzt man die Eingabemaske für die Websuche des Browser, präsentiert RockMelt eine Vorschau der ersten Treffer in einem kleinen Aufklappmenü, aus dem man direkt die Trefferseiten entweder im Hauptfenster oder in einem neuen Tab im Hintergrund öffnen kann, um sie später zu lesen.

Die Integration von RSS-Feeds ist ein anderes Beispiel für den Zapp-Ansatz: Auf Webseiten, die solche Nachrichtenströme anbieten, schlägt der Browser in einem kleinen Hinweisfenster die Abo-Möglichkeit vor. Ein Klick und die ständig aktualisierten Anreißertexte für neue Artikel tauchen rechts am Browserrand im Nachrichtenstrom auf. Man hat so ständig mehrere Quellen im Überblick, ohne die Seiten selbst aufrufen zu müssen.

Funktionen für Freizeit-Surfer

Das funktioniert bei einem Dutzend Quellen sehr gut, wer aber die Übersicht über die RSS-Feeds einiger hundert Quellen behalten will, ist mit einem Dienst wie dem Google Reader besser bedient. RockMelt ist da nicht auf die berufliche Nutzung zugeschnitten, der Browser deckt eher die Bedürfnisse von Freizeit-Internetzappern ab.

Die Frage ist, ob es genügend Nutzer gibt, die das Internet so nutzen: Überall im Browser passiert ständig etwas Neues, der Nutzer kann sich schnell durch die Kommunikationskanäle zappen - das bereitet RockMelt sehr elegant auf. So ähnlich nutzen heute schon viele Menschen Facebook, wenn sie mehrmals täglich den Strom privater Nachrichten und Lektüre- oder Videoempfehlungen ihrer Freunde überfliegen. RockMelt macht dieses soziale Rauschen zum ständigen Begleiter. Das könnte funktionieren - es gibt ja auch Menschen, die beim Lesen Fernsehen hören.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
rodriguez b. bender 09.11.2010
1. Ein Titel
Zitat von sysopDie Idee ist alt, aber die Umsetzung so gut wie keine bisher: Der neue Browser RockMelt macht das sozial gefilterte Netz zum Grundrauschen beim Surfen. Die Bedienung ist durchdacht und auf Internet-Zapper ausgelegt. Wenn es der Zielgruppe gefällt, könnte das funktionieren. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,728088,00.html
Man vertraut dem Programm die Zugangsdaten an, nicht den Entwicklern. Und dies unterscheidet sich von anderer Zugangssoftware inwiefern?
Systemrelevanter 09.11.2010
2. Paranoia
Jaja, und den Entwicklern des Geldautomaten-Interface vertraut man seine EC-PIN und Steve seine iPhone-PIN an. Eine wilde Welt!
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