Rowlings E-Vermarktung Harry Potter und der Web-Express

Joanne K. Rowling stürzt sich ins digitale Zeitalter: Im Internet soll ihr Harry-Potter-Universum als interaktive Erlebniswelt weiterleben - und der Autorin hübsche Einnahmen garantieren. Auf Pottermore.com soll es erstmals E-Books der berühmten Zauber-Saga geben.

Autorin Rowling beim Start von "Pottermore": Harry-Potter-Universum im Netz
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Autorin Rowling beim Start von "Pottermore": Harry-Potter-Universum im Netz

Von Kathrin Dorscheid


Hamburg - Die Bestsellerautorin Joanne K. Rowling hat das Geheimnis gelüftet: Ab Oktober startet Pottermore.com, eine Mischung aus virtueller Erlebniswelt und Online-Shop. Umgedreht heißt der Name "more Potter", also "mehr Potter". Genau das erwartet die Nutzer der Seite: bislang unbekannte Details aus dem Harry-Potter-Universum, interaktive Spiele, ein "Online-Leseerlebnis wie kein Zweites". Das alles kündigte Rowling in einer Videobotschaft und einer Pressekonferenz in London am Donnerstag an. Zu viele Details verriet sie allerdings nicht.

Den wirklich kühnen Teil ihrer Pläne erwähnte Rowling nur am Rande: Ebenfalls ab Oktober sollen die sieben Bände der Erfolgsreihe zum ersten Mal auch als E-Books verkauft werden. "Ich persönlich mag lieber gedruckte Bücher", sagte Rowling, "aber man kann den Fortschritt nicht aufhalten." Das Besondere daran ist nicht, dass Rowling nun - reichlich spät - ihre Harry-Potter-Romane digital für Lesegeräte wie etwa Kindle oder iPad zugänglich macht. Es ist die Art und Weise, wie sie es macht.

Die für verschiedene Lesegeräte kompatiblen Digitalausgaben der Romane sollen ausschließlich über die neue Pottermore.com-Website verkauft werden - zwischengeschaltete Onlinehändler wie Amazon bleiben außen vor. So bleibt die Kontrolle über Preise und Vertrieb komplett in den Händen von Rowling und Pottermore.com.

Rowling bündelt die Potter-Fans

Auch ihre Verlage Bloomsbury und Scholastic haben das Nachsehen: Rowling hält alle Rechte für die digitale Weiterverwertung ihrer Werke. Immerhin sollen die Unternehmen dem Vernehmen nach einen Teil der Erlöse abbekommen. Damit könnten sie immer noch ein gutes Geschäft machen - denn auch die gedruckten Ausgaben dürften sich weiterhin gut verkaufen, wenn Harry Potter dank der digitalen Verwertung im Gespräch bleibt.

Und noch ein Ziel könnte Rowling mit Pottermore.com verfolgen: die zentrale Bündelung aller Fans - inklusive ihrer Daten. Bisher tauschen sich Potter-Fans auf einer Vielzahl von Seiten und Plattformen aus, die Rowling nicht kontrolliert - Pottermore.com soll sie zusammenbringen. Wer die Seite nutzen will, der muss sich voraussichtlich zunächst registrieren - für Anzeigenschaltung oder Werbekunden ein kostbarer Datenschatz.

Rowling beweist mit dem Online-Potter Geschäftssinn: Die Marke Harry Potter ist stark genug, um auch ohne Rückendeckung von Verlagen und Online-Händlern im Internet Erfolg zu haben. Sie will, dass Harry Potter auch in Zukunft für die jungen, online-affinen Generationen Gesprächsthema bleibt.

Und sie kann sich das Experiment der digitalen Erschließung schlicht und einfach leisten, wie sie selbst zugibt: "Ich habe das Glück, über die Ressourcen zu verfügen, um die Sache alleine zu machen." Bücher, Filme und ein Themenpark haben sie zur Milliardärin gemacht.

"Radiohead Moment" für den Buchmarkt

Jon Howells, der Sprecher der britischen Buchhändler-Kette Waterstone's, zeigte sich entsprechend ernüchtert: "Wir waren einer der Schlüsselfaktoren für den Erfolg des Harry-Potter-Phänomens, seit das erste Buch veröffentlich wurde. Deshalb sind wir enttäuscht, dass wir vom Verkauf der lange erwarteten E-Book-Edition ausgeschlossen werden."

"Wired" bezeichnet Rowlings Pläne gar schon als "Radiohead Moment" für den Buchmarkt. Genauso wie Musiker nicht mehr zwingend ein Label brauchen, können auch Autoren ohne Verlage im Internet Erfolge feiern. Die britische Band Radiohead hatte im Jahr 2007 die Musikindustrie aufgemischt, indem sie ihr Album "In Rainbows" unabhängig von einer Plattenfirma als digitale Version im Internet veröffentlichte - und die Fans den Preis selbst bestimmen ließ. Etliche saugten die Lieder kostenlos aus dem Netz, trotzdem dürfte die Band ein gutes Geschäft gemacht haben: Ähnlich wie Harry Potter war auch Radiohead vor dem Online-Experiment weltweit berühmt.

Das Buchgeschäft wurde durch die gedruckten Harry-Potter-Bände massiv angekurbelt. Das Geschäft mit E-Books hatte in Deutschland hingegen bis zuletzt nicht das gehalten, was sich Buchhändler und Anbieter von Lesegeräten einst erhofft hatten. Der Verkauf von Amazons Kindle blieb hierzulande hinter den Erwartungen zurück. Gut möglich, dass Pottermore.com den Absatz ankurbeln wird. Der Startzeitpunkt im Oktober liegt praktischerweise passend vor dem Weihnachtsgeschäft.

Millionen von Menschen brachte Rowling mit ihren Potter-Büchern weltweit zum Lesen - selbst Menschen, die eigentlich nicht gerne lasen. Vielleicht wird sie auch den E-Books zum Durchbruch im großen Stil verhelfen. Denn das ist der Kern des Phänomens Harry Potter: Die Buchreihe wird gelesen von Jung und Alt, von Arm und Reich, von Gebildet und Ungebildet - von Netzaffin und Netzfern.

Mit Material von Reuters, AP und dapd



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Intelligenz_93 23.06.2011
1. Gigantisch-Biblisch-Gut
Das großartigste Werk der Menschheitsgeschichte! Dank sei dir, o Rowling! Ich bin schon jetzt sehr gespannt, auf das, was da kommen mag.
kaitou1412 23.06.2011
2. Titel:
Also ich find die Magie-Welt Fairy Tail deutlich lustiger und unterhaltsamer als den teilweise noch guten Potterkram. Komisch, immer nur Potter hier, Potter da. Naja, was solls …
Nr.001 23.06.2011
3. Money, Money, Money
Tja, die Melkkuh ist eigentlich schon arg gebeutelt, aber hey, da gibt es immer noch die nächste Goldader, die gnadenlos ausgebeutet werden kann. Eine armseelige Sache, wenn man es genau betrachtet, aber die Fans haben längst aufgehört, genau hinzuschauen. Sogar diese neue Webseite wird eingehypt, die Geneigten angefixt. Sitzen sie dann auch in langen Hüten vor dem Bildschirm, wenn ihre tolle, neue Onlinewelt eröffnet, wie einst bei den mitternächtlichen Buchkauforgien? Auf in die nächte Potterrunde! Und in 40 Jahren haben wir ihn dann! Harry Potter 34 - Der Herr des Blasenkatheters. Freude, Freude!
manta 23.06.2011
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Zitat von Intelligenz_93Das großartigste Werk der Menschheitsgeschichte! Dank sei dir, o Rowling! Ich bin schon jetzt sehr gespannt, auf das, was da kommen mag.
Ich hoffe ja nur inständig dass dies ein Trollposting ist :-) Für affige Heldengeschichten gibt es immer Fanclubs, na gut. Aber das großartigste Werk der Menschheitsgeschichte ?! Hast du schon jemals andere Bücher gelesen ?
buutzemann 23.06.2011
5. Harald Töpfer, gähn.
Wer glaubt, dass das gute Literatur ist, glaubt auch, dass Heidi Klum gutes Entertainment ist. Passt hervorragend in unsere Zeit galoppierender Verblödung.
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