Spezialunternehmen AFCC: Die Abzocker-Jäger der Finanzbranche

Von Uli Ries, Tel Aviv

Banken verlassen sich im Kampf gegen Internet-Abzocker längst nicht mehr auf Strafverfolger: Sie heuern ein Team aus israelischen Ex-Soldaten an, um Onlinebetrügern das Handwerk zu legen. Es geht um Milliardenschäden. Reden will die Finanzbranche darüber aber lieber nicht.

Betrügerjagd: Die Bankensöldner aus Tel Aviv Fotos
Uli Ries

Von außen sieht man es dem verglasten Bürogebäude im Zentrum der israelischen Stadt Herzlia nicht an. In einem der Büros im Inneren durchforsten rund um die Uhr insgesamt 130 junge, zumeist unter 30-jährige Menschen im Schichtdienst die dunkleren Ecken des Internets: Sie überwachen über 170 Untergrundforen, in denen alles gehandelt wird, von Schadsoftware über Waffen bis hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten; Chat-Kanäle, in denen zwielichtige Händler geklaute Kreditkartendaten in Hunderter- oder Tausenderpaketen feilbieten; Phishing-Webseiten, die den Originalen so täuschend ähnlich sehen, dass selbst gut informierte Zeitgenossen ihre Anmeldedaten dort eingeben.

T-Shirts mit schrägen Sprüchen und Nerd-Motiven stehen in den Büros der Netz-Jäger hoch im Kurs, die jungen Männer und Frauen sind ehemalige Soldaten der israelischen Armee. Daniel Cohen weiß, was er an den zumeist beim militärischen Sicherheitsdienst ausgebildeten Spürhunden hat: "Beim Umgang und vor allem beim Austausch mit Kriminellen ist Menschenkenntnis unabdingbar", sagt der Leiter des Anti Fraud Command Center (AFCC).

Betrieben wird das 15 Kilometer nördlich von Tel Aviv angesiedelte AFCC vom Sicherheitsspezialisten RSA. Herzstück ist ein rund um die Uhr bemannter Kontrollraum, in dem stets konzentrierte Ruhe herrscht. Die knapp 25 Arbeitsplätze haben allesamt freien Blick auf vier riesige Bildschirme an der vorderen Wand. Sie zeigen in Echtzeit alle momentan beobachteten Angriffe auf AFCC-Kunden im Überblick, einschließlich des Herkunftslandes und des Internetproviders, von dessen Netz die Attacke ausgeht.

2,6 Milliarden Dollar verhinderte Schäden seit Jahresbeginn?

Die RSA-Fachleute gehen im Auftrag großer Namen der internationalen Finanzwelt in den Untergrund: Barclays, Charles Schwab, HSBC, ING, Mastercard, Visa sind einige der Kunden. Obwohl ihre Logos gut sichtbar die Eingangstür zum AFCC zieren, wollen sich die Kunden nicht dazu äußern, warum man ein privates Unternehmen mit Aufgaben betraut, die üblicherweise von Strafverfolgungsbehörden erledigt werden. Auch das Bundeskriminalamt will keinen Kommentar abgeben.

Der Arbeitsalltag von AFCC-Spezialisten wie der 25-jährigen Allesa Koll macht jedoch schnell deutlich, warum Banken hier Hilfe einkaufen: "Jeden Tag sehe ich, wie Kriminelle sich um Hunderttausende Euro, Dollar oder Pfund bereichern." Die Kreativität der Betrüger beim Abzocken ihrer Opfer fasziniert die junge, in Russland geborene Frau. Laut Koll blüht der Handel mit geklauten Login-Daten für Online-Banking-Zugänge oder Kredikarteninformationen. Cohen ergänzt: "Wir wehren pro Tag circa 1000 Angriffe auf Kunden des AFCC ab."

Insgesamt will das Center seit Beginn des Jahres 2012 Schäden in Höhe von über 2,6 Milliarden Dollar abgewendet haben. Diese Zahlen sind laut Cohen Hochrechnungen, da die Banken auch ihm keinen Einblick in die tatsächlich entstandenen Schäden gewähren. Die Kalkulation basieren unter anderem auf abgefangenen Überweisungen, dem Verfügungsrahmen der aufgespürten Kreditkarten und der Anzahl unterbundener Phishing-Attacken - die international anerkannte Anti-Phishing Working Group schätzt die pro Stunde und Kampagne entstehenden Schäden von Phishing-Angriffen auf 300 Dollar.

"Ich habe mir eine maskuline Sprache angewöhnt"

Auf internationale Strafverfolger setzen die Ex-Soldaten bei ihrer Arbeit nicht. Die Abläufe würden sonst zu langsam und ineffizient, heißt es beim AFCC. Stattdessen kontaktieren Koll und ihre Kollegen zuerst den Internetprovider, auf dessen Servern zum Beispiel eine Passwortklau-Site installiert wurde. "Meistens reagieren die Provider weltweit umgehend und nehmen die Seiten aus dem Netz", sagt Cohen. Ignorieren die Provider die Bitten, wendet sich das AFCC zuerst an die im jeweiligen Land zuständigen Internet-Notfallteams CERT (Computer Emergency Response Team). Bleibt auch dies fruchtlos, wird Anzeige erstattet.

Koll spricht mehrere Sprachen, so wie alle ihre Kollegen. Auch einen deutschsprachigen Betrügerjäger trifft man im AFCC. So kann das Center die gängigen internationalen Schwarzmärkte überwachen und reibungslos mit den Kriminellen kommunizieren, meist in Chaträumen. "Ich habe mir eine maskuline Sprache angewöhnt, um mit den Betrügern im Netz zu sprechen", sagt die junge Frau, die während ihrer Militärzeit im Polizeidienst stand.

Anstiften würde man die Kriminellen nicht, betont Koll: "Wir zahlen niemals für Konto- oder Kreditkartendaten. Die Informationen, die wir zum Sperren der Konten und Karten an die Banken weitergeben, stammen sämtlich aus Testlieferungen." Die Betrüger schicken die Häppchen an ihre Häscher, um die Qualität ihrer geklauten Datenbestände zu untermauern.

Laut Koll sind russische Abzocker nicht nur cleverer beim Erdenken von Betrugsmaschen als Betrüger aus anderen Staaten. Sie stünden auch eher zu ihrem Wort als beispielsweise afrikanische Kriminelle: "Wenn mein Alter Ego auf einem Untergrundmarktplatz undercover mit einem Russen eine Testlieferung vereinbart hat, dann löst er sein Versprechen auch ein. Nigerianer beispielsweise prahlen oft, können aber kaum liefern", so Koll. Die Afrikaner wollten stattdessen eher andere Betrüger übers Ohr hauen. Ein gewagtes Spiel, da Cohen zufolge zumindest in Russland das organisierte Verbrechen hinter großen Teilen der illegalen Online-Deals steckt.

Eine Extravaganz der russischen und ukrainischen Kriminellen: Sie schädigen Opfer weltweit - nur nicht in der Heimat. Auf diese Art fliegen die Betrüger laut Cohen zumindest bislang unter dem Radar der heimischen Strafverfolger. Sie verließen sich darauf, dass ausländische Polizisten und Staatsanwälte mit ihren Ersuchen gar nicht soweit kämen, Ermittlungen in Russland anzustoßen.

Die Vorsichtsmaßnahmen gehen soweit, dass sich auf das Aushebeln von Online-Banking-Schutzmechanismen spezialisierte Trojaner wie SpyEye oder ZeuS gar nicht erst auf in Russland betriebenen PC installieren. Ein schwacher Trost für Bankkunden im übrigen Europa.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
jewast 16.10.2012
Zitat von sysopAnti Frau Command Center (AFCC) ...[/url]
Musste ich lachen, soll wohl "Fraud" heißen ;)
2. Aja
Leser161 16.10.2012
Man sollte in einem journalistischen Artikeln den typischen überbordenden Patriotismus der Exilrussen etwas eindämmen ("Wir Russen haben die kreativsten, ehrlichsten und gefährlichsten Interbetrüger") Ansonsten - interessanter Artikel.
3. Hab mir auch
SächsischerGoldmann 16.10.2012
ein Lachen nicht verkneifen können! Anti Frau Command Center, schöner Name für ein Spezialunternehmen ;)
4. Tendenziöser Bericht
jbkv 16.10.2012
Der Text ist tendenziös. Ich würde mir wünschen, daß weniger darauf herumgeritten wird, wie die Mitarbeiter dort alle ehemalige Soldaten sind. Israel hat eine allgemeine Wehrpflicht, für Männer *und* Frauen. Die Bezeichnung "Ex-Soldat" trifft dort also auf jeden zu. Übrigens auch auf die meisten deutschen Männer. Würden sie denn in einem Wirtschaftsartikel auch schreiben, daß fast alle deutschen Unternehmen von Ex-Soldaten geführt werden?
5. ex-soldaten?
christian.baier 16.10.2012
Zitat von sysopein Team aus israelischen Ex-Soldaten an, um Onlinebetrügern das Handwerk zu legen.
was soll eigentlich diese ständige betonung, dass es sich um ex-soldaten handelt? israel hat eine sehr weitgehende wehrpflicht (3 Jahre), auch jeder handwerksbetrieb besteht also vorwiegend aus ex-soldaten...
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Beispiele: Spam- und Phishing-Mails
Angebliche Bank- und Paypal-Briefe
Typ: Phishing-Mail
Masche: Aus aktuellem Anlass Einloggen nötig, sonst Sperrung etc.
Ziel: Passwörter und PINs abgreifen
Qualität der Attacke: Meist dämlich bis durchsichtig

Beispiel 1: Die angebliche Paypal-E-Mail

"Ungewöhnliche Kontobewegungen haben es notwendig gemacht Ihr Konto einzugrenzen bis zusätzliche Informationen zur Überprüfung gesammelt werden. Zur Zeit haben Sie nur begrenzten Zugang zu Ihrem Pay Pal Konto. Wir bitten Sie daher die von uns angeforderten Kontodaten zu erneuern.
Bitte klicken Sie hier"

Beispiel 2: Die angebliche Visa-/Mastercard-Mail

"Sehr geehrter Kunde,
Die Kreditkarte aus Sicherheitsgründen gesperrt worden. Wieder herzustellen und weiter zu tätigen und entgegenzunehmen Zahlungen online.
Zum Aktualisieren hier klicken"

Payload-Briefe: E-Mails mit Schadsoftware-Anhang
Typ: Lock-E-Mails
Masche: Versuch, den Empfänger mit vermeintlichen Services oder lockenden Versprechungen zum Öffnen eines Anhangs zu bringen (oft PDF)
Ziel: Verseuchung des Rechners mit Trojaner oder Ähnlichem
Qualität der Attacke: Variiert von sprachlich katastrophal bis ganz schön ausgefuchst

Beispiel 1: Post von der Post

"Lieber Kunde,
Es ist unserem Boten leider misslungen einen Postsendung an Ihre Adresse zuzustellen. Grund: Ein Fehler in der Leiferanschrift.
Sie konnen Ihre Postsendung in unserer Postabteilung personlich kriegen. Anbei finden Sie einen Postetikett. Sie sollen dieses Postetikett drucken lassen, um Ihre Postsendung in der Postabteilung empfangen zu konnen.
Vielen Dank!
Deutsche Post AG"

Beispiel 2: Der Gewinn in der Lotterie, an der man nie teilgenommen hat

"Im Anhang finden Sie die Gewinnbenachrichtigung.
Bitte affnen Sie die Anlage, ist sicher und Scan-pdf..
Dank.
Management

Sie haben gewonnen

Wir empfehlen Ihnen, pdf Attached Datei öffnen,und wenden Sie sich für Ihr Agent Lotteriegewinn..
Mit freundlichen Grüssen,.
Management"

Scare-Mail: Kombi aus Bank- und Schadsoftewarebriefen
Typ: Phishing-E-Mail
Masche: Sicherheitswarnung, deshalb angeblich Datenübermittlung nötig
Ziel: Persönliche Daten, Passwörter und PINs abgreifen. Kombi aus "Selbstauskunft" und Trojaner-Payload kommt vor
Qualität der Attacke: Meist dämlich bis durchsichtig

Beispiel: Die Kreditkartensperrung mit PDF

"Hallo Gast Visa Europe,
Ihre Kreditkarte wurde ausgesetzt, weil wir ein Problem festgestellt, auf Ihrem Konto. Wir haben zu bestimmen, dass jemand Ihre Karte ohne Ihre Erlaubnis verwendet haben. Für Ihren Schutz haben wir Ihre Kreditkarte aufgehangen.
Um diese Suspension aufzuheben Es ist ganz einfach:

1. Laden Sie die beiliegende Formular aus und offnen Sie sie in einen sicheren Browser-Fenster.
2.Einmal geoffnet, werden Sie mit den Schritten bereitgestellt werden, um Ihren Zugang wieder herzustellen und den Anweisungen folgen..

Vermerk: Wenn diese nicht vollstandig ist , werden wir gezwungen sein, Ihre Karte aussetzen
Wir bedanken uns fur Ihre Zusammenarbeit in dieser Angelegenheit.
Dossier n : PP-1124-075-998

Danke, Kunden-Support-Service.
Copyright 1999-2012 Verifed by Visa . Tous droits réserves."

Nigeria-Scam: Mit Geld lockt man Gierige
Typ: Finanzbetrug, Bauernfängerei, Trickbetrug
Masche: Jemand braucht die Hilfe des Empfängers, um ein paar Millionen zu retten/überweisen/vererben/verschenken etc.
Ziel: Empfänger dazu bringen, "Gebühren" für die Abwicklung halbseidener Millionengeschäfte zu bezahlen
Qualität der Attacke: Unterschiedlich, aber immer unterhaltsam

Beispielhafte Ausschnitte: Verzweifelte Witwen, Unterdrückte, Verfolgte, in Ungnade gefallene Ex-Einflussreiche...

"Guten Tag,
Ich kontaktiere Sie, weil ich auf der Suche nach einem Partner bei der Realisierung eines Projekts bin. Zunaechst moechte ich mich vorstellen; ich bin Barr. Emmanuel Gyan, ich lebe in Accra, Ghana und praktiziere als Rechtsanwalt und ich habe ein ungewoehnliches aber lukratives Angebot f?r Sie. Sie werden mich nicht kennen und ich kenne Sie auch nicht persoenlich und trotzdem bleibt mir keine Wahl eine unbekannte Person anzuschreiben.
Ich bin der Nachlassverwalter eines Klienten, der vor einiger Zeit im Ausland ploetzlich verstarb und ein grosses Vermoegen hinterliess, ohne ein Testament oder einen Erben zu hinterlassen. Es konnte auch nach intensiver Suche auch kein Erbe gefunden werden und nun steht das Vermoegen Gefahr an den Staat zu gehen. Mein Klient war deutsch und deshalb suche ich eine Person aus dem deutschsprachigen Raum, die ich als Erben einsetzen kann.
(...)"

"Guten Tag ,
Bitte nehmen Sie meine aufrichtigen Entschuldigungen an, wenn meine E-mail Ihre pers¿nliche Ethik nicht trifft und auch meine kleine Deutschkenntnisse.
(...)
Ich hei¿e Frau Sarah Britt (eine amerikanische Frau),eine Witwe zu Pensionierten General Micheal J. Britt (ehemaliger Kommandant von der amerikanischen Armee und er hat als Stabschef der Vereinigten Staaten Armee gedient). (...)
Mein sp¿ter Ehemann war sehr wohlhabend und reich und nach seinem Tod, habe ich 60% von seinem Gesch¿ft und Reichtum geerbt, unsere Kinder hat das Reste 40% geerbt.
Der Arzt hat mir geraten,dass ich f¿r mehr als zwei Monate nicht leben kann, deswegen habe ich mich jetzt entschieden, Teil von diesem Reichtum zu teilen,zur Entwicklung von dem wenigen privilegierten Leute in Deutsch-sprechenden Laendern beizutragen, da dies die Wunsch von meinem Ehemann Pensionierten General Micheal J. Britt bevor seinem Tod ist und ich habe ihm versprochen, dass ich alles moeglich machen werde, um zu versichern, dass diese Wunsch erfuellt worden ist.
(...) ICH HABE SiE WEGEN des Unter Grunden Gew¿hlt:

- Sie verstehen Deutsch
- Sie leben in einem Deutsch-sprechenden Land
- Aufzeichnungen an der Botschaft Ihres Landes hier in U.S.A beweisen Ihr hoher Sinn der st¿dtischer Verantwortung."


Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

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