Rückzüge Content wants to be kostenlos

Nichts wiederholt sich im Online-Publishing so oft wie die Geschichte vom gescheiterten Versuch mit Pay-Modellen. Nach drei Jahren Videopause bietet CNN nun wieder bewegte Bilder im Web, und "El País" verschenkt wieder Informationen.


CNN Newsroom: Von der Nachrichtenmaschine wird auch im Web bewegtes Bild erwartet
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CNN Newsroom: Von der Nachrichtenmaschine wird auch im Web bewegtes Bild erwartet

Wenn Online-Verleger auf erfolgreiche Bezahlangebote im Web verweisen wollen, fällt stets schnell der Name "Wall Street Journal". Die einflussreichste amerikanische Finanzzeitung schafft es tatsächlich seit Jahren, Online-Abos zu verkaufen und ihre Leserschaft zu binden. An ähnliche Versuche etwa des "Handelsblatts" in Deutschland erinnert man sich dagegen kaum noch.

Denn der Erfolg des "Journals" steht ziemlich einsam da. Von den ersten Kommerz-Versuchen von ESPN Sportszone bis zu den Rückzügen der letzten Wochen wiederholt sich seit nunmehr zehn Jahren die immer gleiche Geschichte: Bisher gaben die bei weitem meisten Verleger ihre Versuche, den Markenkern ihrer Angebote gegen Zahlung anzubieten, nach relativ kurzer Zeit wieder auf. Funktionieren kann so etwas nur, wenn man Inhalte hat, die kein anderer bieten kann: Auch beim "Journal" bezahlen die Abonnenten eher für den "kurzen Draht" zur Börse, als für die Nachrichten aus aller Welt.

Denn die gibt es - in unterschiedlichen Qualitäten und Vertiefungen - überall. Nachrichten sind allgegenwärtig, kein einzelnes Angebot darum im eigentlichen Sinne "nötig": Fällt der eine Informationsanbieter weg, wechselt man halt zum nächsten.

Für die Online-Verleger ist das ein massives Problem. Ihre Werbeumsätze reichen in der Regel nicht, um die Produktion und den Web-Vertrieb der Nachrichten zu finanzieren. Sobald sie aber die "Notbremse" Bezahlinhalt ziehen, verlieren sie schnell den größten Teil ihrer Werbeeinnahmen - denn die Werber folgen der Masse der Leser. Der größte Teil der Nutzer eines Onlineangebotes aber lässt sich auf Bezahlmodelle erst gar nicht ein.

Kostenlos, preispflichtig, umsonst

So zog zuletzt die spanische Tageszeitung "El Pais", eigentlich ein "Muss" in Spaniens Presseszene, aus der anhaltenden Erfolglosigkeit ihres Online-Bezahlmodells Anfang des Monats die Konsequenzen.

Im November 2002 hatte die renommierte Zeitung ihre Inhalte aus dem "freien Web" zurückgezogen und nur noch Abonnenten und zahlenden Gästen zur Verfügung gestellt. Nun erfolgt auch hier die Kehrtwende wenn auch zunächst auf Raten: Zunächst sollen "nur" aktuelle Nachrichten und Multimedia-Inhalte frei zugänglich sein, der Rest muss weiter bezahlt werden. Einen Teil dieses erst in der ersten Juniwoche aus der Taufe gehobenen Konzepts kann "El Pais" schon fast wieder eintüten: Als besonders verlockenden Content bot die Zeitung im Bezahlangebot einen Videostream von CNN an. Der dürfte sich nun erübrigt haben.

Denn auch CNN machte einen Rückzieher von einem Bezahlmodell, das der Fernsehsender seit 2002 propagiert hatte.

Nach dem Schock der Dotcom-Krise hatten viele Unternehmen versucht, ihre laufenden Kosten für die Onlinepräsenzen zu begrenzen. Geboten werden sollte nur noch, was auch Chancen auf eine Refinanzierung versprach. Videostreams gehörten - nicht zuletzt wegen der über lange Zeit exorbitant hohen Auslieferungskosten für die Daten - nicht dazu. CNN offerierte seine News-Häppchen nur noch gegen Zahlung - und beging auch damit eine Todsünde.

Es muss drin sein, was drauf steht

Denn hält ein Angebot nicht, was der Nutzer von ihm erwartet, so straft er auch das unerbittlich ab. Von CNN aber erwartet der Nutzer Nachrichten - und zwar nicht nur in schriftlicher Form.

Genauso war CNN im Web angetreten. Zur schriftlichen Meldung gab es von 1995 bis 2002 stets das kleine Wackelbildchen mit Rauscheton, eine Art Ersatz-Fernsehen für Arme. Ein teurer Spaß mit sehr zweifelhaftem Nutzwert war das, den die CNN-Mächtigen 2002 zunächst beendeten: Sie stellten sich vor, dass die TV-Süchtigen, die auch im Web nicht auf ihr Daumenkino verzichten wollten, dafür gern 4,95 Dollar hinlegen würden.

Das aber taten die wohl nicht, zumal direkte Konkurrenten von CNN ihre Videos weiter kostenfrei anboten. Am Freitag letzter Woche verkündete CNN nun, künftig könne man wieder kostenlos Videos genießen - und zwar mehr als je zuvor und in besserer Qualität.

Das aber verrät nicht nur etwas über das Verhältnis von Online-Publishern und ihren Kunden, sondern auch über einen anderen, sich langsam erholenden Teil des medialen Refinanzierungsgeflechts: die Werbeindustrie.

Denn Breitband, bessere Video- und Soundqualitäten bietet CNN seinen Nutzern ja nicht nur, weil es ihnen etwas Gutes tun will. Das alles ist vor allem für die Werber gut, die ihre Spots nun - anders als noch vor drei, vier Jahren - in ausreichend guter Qualität präsentieren können.

Genau das lässt sich bei CNN besichtigen, und zwar vor jedem einzelnen Videoclip. Erst kommt die Werbung, dann die Information. So spinnefeind da mancher Web-Nutzer nach wie vor sein mag: Die fortlaufende Misserfolgsgeschichte der Pay-Modelle selbst der größten Anbieter (CNN Online soll eine Reichweite von 23 Millionen Nutzern haben) zeigt, dass es anders nicht geht. Ganz wie im richtigen Fernsehen.

Frank Patalong

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