Runder Computer-Tisch Gewaltspiele im Kanzleramt

Der Kanzler war sauer, dass das Shooter-Spiel Counterstrike nicht auf den Index kommt. Denn zum Auftakt seiner ersten Gesprächsrunde mit der Computerspiele-Industrie über Gewaltbekämpfung im Internet hatte er auf Rückendeckung durch die Jugendschützer gesetzt. Jetzt sollen andere Waffen greifen.

Von Holger Kulick


Die erste Runde hat die neue Shooter- Jugendbewegung wohl gegen den Bundeskanzler gewonnen...
Sierra

Die erste Runde hat die neue Shooter- Jugendbewegung wohl gegen den Bundeskanzler gewonnen...

Berlin - "Jaaaaaaaa!", jubelten am Donnerstagnachmittag User der größten Counterstrike-Fansites und frohlockten: "Heute ist ein großer Tag für die CS-Community!" Fakt sei, dass die Bundesprüfstelle jetzt "auch den sportlichen Charakter von Counterstrike erkannt hat und wir weiterhin unserem Hobby ohne Einschränkungen durch staatliche Behörden nachgehen können", notierte ein Nutzer namens "Christian" auf der Homepage von counterstrike.de.

Im Kanzleramt saß der Schrecken dagegen tief. "Ich halte das für ein absolut verkehrtes Signal!", grollte der Bundeskanzler, nachdem ihm die Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien mit ihrer Entscheidung in den Rücken gefallen war. Denn unmittelbar vor Beginn seiner ersten Anti-Gewalt-Konferenz mit 15 Vertretern von Internet-Providern und aus der Video- und Computerspiele-Industrie fiel die Entscheidung, dass das Computerspiel Counterstrike nicht indiziert werden soll. Konkreter gesagt: Die amerikanische Variante des Spiels gilt damit nicht mehr als jugendgefährdend, denn in Deutschland war bislang ohnehin nur eine etwas entschärfte Variante im Spiel.

Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck zeigte sich entsetzt: "Ich finde das völlig unverständlich", mokierte sich der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, für ihn sei in Bonn "eine formale Betrachtung der Dinge erfolgt, die ich nicht nachvollziehen kann". Er hoffe aber, dass "wir in der Zukunft griffige Regeln finden können, dass, wenn auf menschenähnliche Figuren geschossen wird und diese zerfetzt werden" eine Ahndung möglich sei.

Konsensrunde am Kabinettstisch

Rund 90 Minuten saßen Beck, Schröder und mehrere Minister am Donnerstagabend mit ihren Gästen am Kabinettstisch zusammen und waren überrascht, schnell und ohne Reibungen zu einem Konsens zu finden. Keineswegs hätten die Industrievertreter Umsatzgesichtspunkte über ethische Werte gestellt, zeigten sich Beck und Schröder erleichtert. Und die Gäste waren beglückt, dass keine Vorgaben des Kanzlers erfolgten, sondern ein offener Gedankenaustausch zustande kam. Nun soll die Debatte "zeitnah" in Arbeitsgruppen fortgesetzt werden - und zu einem regelmäßigen, gemeinsamen runden Tisch mit Deutschlands Fernsehmachern führen. Die hatten der Kanzler schon vor zwei Wochen geladen.

"Ein absolut verkehrtes Signal" - Gerhard Schröder
REUTERS

"Ein absolut verkehrtes Signal" - Gerhard Schröder

Ein Ziel sei es auf jeden Fall, sich zu "gemeinsamen ethischen Grundsätzen zu bekennen, ähnlich wie im global business dialog", meinte das Vorstandsmitglied von Bertelsmann Multimedia, Klaus Eierhoff. Mit ihm nahmen Vertreter des Bundesverbands Video, von Cineropa e.V., Sony, t-online, AOL, Lycos Europe, dem Verband der Internetwirtschaft, der Zeitschrift "gamestar", des Verbands der Filmverleiher und Filmtheater, vom Verband der deutschen Unterhaltungssoftware und des Video- und Medienfachhandels an der Kanzlerrunde teil.

"In der Tendenz positiv" sei von den Teilnehmern die geplante Verschärfung des Jugendschutzes aufgenommen worden, fasste Schröder das Gespräch zusammen. Der Gesetzentwurf wurde kurz zuvor im Bundestag eingebracht. Er sieht neben einer Stärkung der Bundesprüfstelle vor, dass selbst ohne eine Indizierung Medien mit Vertriebs- und Werbeverboten belegt werden können, die Krieg verherrlichen und die Menschenwürde verletzen. "Der Kern" sei jedoch "das Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle", sagte der Kanzler. "Ein bisschen weiße Salbe" reiche allerdings nicht aus, forderte im Anschluss Ministerpräsident Beck, "denn wenn man auf freiwillige Selbstkontrolle setzten will, dann muss man sich bewegen". Jährlich müssten zudem Folgetreffen stattfinden, "um zu überprüfen, was aus den Versprechen geworden ist". Das hätten ihn andere Selbstverpflichtungen gelehrt.

Rezepte: Medienkompetenz und Filtersoftware

Bleibt nur vordergründig gelöst: Das "Warum" von Erfurt
DPA

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Helfen soll vor allem auch "Medienkompetenz", lautete ein Zauberwort der Runde. Dabei gehe es um erweitere Medienkunde an Schulen genauso wie um eine "Qualifizierung des Elternhauses, um auf einen höheren Level zu kommen", meinte Bertelsmann-Manager Klaus Eierhoff. Zudem sollen über das Internet und in Kinospots der Bundeszentrale für politische Bildung Aufklärung betrieben werden.

Seitens der Industrie gebe es zudem eine Initiative, Filme und PC-Spiele zu klassifizieren, ob und in welcher Härte sie Gewaltszenen enthalten, berichtete Eierhoff. Mit einer speziellen Filtersoftware, die genau auf solche Kategorien ausgerichtet ist, soll Eltern ermöglicht werden, für ihre Kinder Computer so zu programmieren, dass sie nur gewaltfreie Seiten herunterladen können. Einzelne Provider wollen solche Filter generell in ihr Angebot aufnehmen, wurde dem Kanzler berichtet. Außerdem sei von der Industrie ein vereinfachtes Meldeverfahren angedacht, damit Surfer, die auf illegale Inhalte stoßen, unkompliziert solche Sites an Strafverfolgungsbehörden und Provider zum Sperren melden könnten. Die Quintessenz: Was offline rechtlich üblich sei, müsse auch online übertragbar werden.

Reichen Altersempfehlungen schon als Selbstkontrolle aus?

Neue Strafsanktionen oder eine (von Kurt Beck) angedachte Anpassung des Strafgesetzbuchparagrafen 131 (über Gewaltdarstellung) auf PC-Spiel-Gewalt blieben allerdings umstritten. Gegenüber SPIEGEL ONLINE bezeichnete der Geschäftsführer des Verbands der Unterhaltungssoftware, Ronald Schäfer, die Schaffung eines neuen Ordnungsrahmens als "zwiespältig" und hielt die Wirkung für "fraglich". Denn dies dränge "unter Umständen einen gewissen Bereich, den wir bisher unter Kontrolle haben, in den internationalen Online-Bereich ab, in eine Grauzone und die Illegalität, wo wir ihn als Offline-Industrie nur schwer kontrollieren können".

An diesem Abdriften habe aber auch die Industrie kein Interesse. Sie wolle "keine Produkte auf den Markt bringen, die ohne gesellschaftliche Akzeptanz sind" und möchte "aus der Schmuddelecke heraus". "Auch deshalb sind wir stark an Transparenz interessiert", sagte der Verbandsrepräsentant.

Gilt nicht mehr zwangsläufig für Counterstrike... Erfurter Parole
DPA

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Verbote schaffen keine Kompetenz, ergänzte Schäfer. Die Industrie müsse stattdessen eine breitere Plattform für Eltern als die häufigsten Käufer von PC-Spielen für ihre Kinder schaffen und "über Inhalte besser informieren". Dazu soll unter anderem eine Produktdatenbank für Eltern und Lehrer ins Netz gestellt werden. Auf diese Weise könnten Eltern ihrer Rolle "nicht nur als Erziehungsberechtigte, sondern auch Erziehungsverpflichtete" besser gerecht werden.

In diesem Sinne lernte der Kanzler in der Runde "eine Menge dazu", gestand er am Ende ein, vor allem, wie schwer es sei, die Gewaltdarstellung im Internet überhaupt zu begrenzen. Dies sei "die eigentliche Schwierigkeit, weil das ein weltweites Netz ist", sagte Schröder desillusioniert.

Auch Counterstrike-Spieler argumentierten in diesem Sinne. "Es sind die kranken Hirne vor dem Rechner, um die wir uns sorgen müssen", mailte ein Nutzer: "Eine Indizierung bringt rein gar nichts, schließlich kann sich jeder halbwegs mit dem Internet vertraute Jugendliche die entsprechenden EgoShooter ohnehin von irgendwo in dieser vernetzten Welt auf seinen Rechner saugen. Wir müssen an die Menschen ran, nicht an die Software."



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