Subkultur bei "Germany's Next Topmodel" Was ist eigentlich Drag?

Drag existiert seit Jahrhunderten. Nun ist es auch Teil von "Germany's Next Topmodel". Doch wichtiger als das Fernsehen ist für die Kunstform das Internet.

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Drag hat eine lange Geschichte. Die Verwandlung vom einen Geschlecht ins andere war schon in der Barockoper gang und gäbe - und stützte sich auf eine Tradition, die bis in die Antike reicht. Das Hinterfragen vermeintlich fester Geschlechtergrenzen ist nicht nur Teil der westlichen Kultur und Gesellschaft. Diesen Donnerstag landet Drag nun auch in der neuesten Folge von "Germany's Next Topmodel".

In der Castingshow von Heidi Klum, die sich jedes Jahr zur Aufgabe macht, eine junge Frau zum Top-Model zu machen, findet Drag einen breiteren Zugang zum Mainstream - in Deutschland. In den USA ist die Serie "Rupaul's Drag Race" bereits seit einem Jahrzehnt bekannt. Aus dieser Show stammen auch die Dragqueens, die bei Heidi Klum auftreten.

Wer ist der nächste Dragqueen-Superstar?

"Rupaul's Drag Race" funktioniert ganz ähnlich wie "Germany's Next Topmodel". In der nunmehr zehnten Staffel geht es darum, den nächsten Dragqueen-Superstar zu finden. Dafür müssen die Queens Kostüme und Stand-up-Comedy-Programme entwerfen oder gegeneinander lippensynchron singen. Auch in Deutschland gewann die Serie zuletzt an Popularität. Das lag vor allem daran, dass Netflix inzwischen einige Staffeln im Programm hat.

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Beliebte Nische: Drag the net!

Die Kunstform an sich hat vor allem in Deutschlands größeren Städten eine lange Tradition. Bekannt sind wohl vor allem die sogenannten wilden Zwanziger der Weimarer Republik, in der Travestiekünstler die Grenzen der neuen Liberalität austesteten. Auch heute noch treten Dragqueens und Dragkings in vielen queeren Klubs auf.

Das Internet als Bühne

Neben dem Klub ist aber auch eine andere Bühne für das Geschlechterspiel entstanden: das Internet. "Anders als im Fernsehen gibt es im Internet keinen Casting Director, der dir sagt, dass du nicht Mainstream genug bist", sagt Candy Crash. Die 31-jährige Dragqueen zählt zu Deutschlands bekanntesten Drag-Performern, vor allem durch ihre Auftritte auf YouTube und Instagram. "Durch das Internet habe ich Kontakt zu viel jüngeren Menschen, die noch nicht in Klubs gehen können", sagt sie.

Auf YouTube lässt sich Candy Crash etwa von einem 13-Jährigen schminken. Oder spricht darüber, wie es ist, als queerer Mensch von der Familie verstoßen zu werden. "Ich höre immer wieder, dass meine Videos einigen dabei geholfen haben, mit sich selbst zurechtzukommen", erzählt sie.

"Kiki" steht für Tratsch unter Freunden

Auf YouTube finden sich außerdem auch Make-up-Tutorials. Drag-Performer zeigen, auf welche unterschiedlichen Arten sie sich transformieren können: von der Frau zum Mann, vom Mann zum weiblichen Alien-Wesen. Und sie ermuntern dazu, es selbst auszuprobieren. In anderen Videos wird den Zuschauern das sogenannte Voguing nähergebracht, der Tanzstil der Klubszene. Oder es finden Talkrunden statt, in denen aktuelle Themen aus Drag-Sicht besprochen werden.

Dann wieder hat sich ein Mikrokosmos um "Rupaul's Drag Race" gebildet. In Videos, Foren und Blogs besprechen Fans die Serie und die darin auftretenden Dragqueens. Sie benutzen dabei Begriffe, die sich erst durch das Internet weltweit verbreiten konnten und vor allem aus dem englischen Sprachraum stammen.

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"Kiki" etwa ist ein Begriff für einen Tratsch unter Freunden. "Tea" steht dafür, die Wahrheit zu sprechen, auch wenn sie wehtun kann. Es sind Begriffe, die der queeren Gemeinschaft eigen sind. Die aus ihr entstanden sind und von ihr verstanden werden. Das Internet bietet also eine Nische für eine Subkultur, die sonst wenig Raum findet.

Plastikbrüste, die das Kleid sprengen

"Germany's Next Topmodel" wiederum könnte für viele Zuschauer wohl der erste Kontakt mit dieser Kunstform sein. Drag mag kurios auf sie wirken, vielleicht auch lachhaft - für einige. Doch Drag ist Unterhaltung und Dekonstruktion gleichzeitig. Es nimmt unsere Vorstellungen von Geschlechtern auf und überzeichnet sie ins Groteske. Frauen tragen Lippenstift und haben akzentuierte Brüste? Dann wird sich die Queen die Lippen bis zum Kinn überschminken und ihre Plastikbrüste werden das Kleid sprengen. Welch Ironie, dass gerade "Germany's Next Topmodel" dieser Persiflage nun eine Bühne bietet.



insgesamt 8 Beiträge
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joG 10.05.2018
1. Jetzt ist die Gesellschaft offenbar dort....
....wo die kalifornischen Hippies vor 50 Jahren schon waren. Selbst in den Filmen war man vor Jahrzehnten da mit Satyricon von Felini oder Sodom von Pasolini. Fortschrittlich sind wir nicht gerade. Wären es aber gewesen, wären wir 50 Jahre früher so liberal gewesen.
Onkel Drops 10.05.2018
2. oh wie toll Heidi kopiert mal wieder was...
kein Grund das zu sehen. die show is halt unterirdisch das kann man mit nix retten. oh doch : do the Peter Lustig way - einfach mal abschalten . das retten nun auch die drags nicht,die kommen im Club oder auf Bühnen besser rüber! da fehlt das live Publikum das auch dahinter steht und nicht Heidi und ihre Kollegen .
io_gbg 10.05.2018
3.
Unter dem Artikel steht "Mehr zum Thema Transsexualität [...]" Wieso SpOn hier das falsche Stichwort nennt, ist unbegreiflich. Mit Transsexualität (ein medizinischer Begriff für Menschen mit einer besonders starken Variation der Geschlechtsidentität) hat Drag ganz und gar nichts zu tun. Drag ist eine Kunstform, die mit Geschlechtergrenzen spielt. Dragqueens sind z. B. ganz überwiegend homosexuelle Männer, die keine weibliche Geschlechtsidentität besitzen im Gegensatz z. B. z. Transfrauen, die eine weibliche Geschlechtsidentität besitzen.
dasfred 11.05.2018
4. Das beste am Artikel, kein Oliver Knöbel,
der mit seiner Figur Olivia Jones und mehr öffentlichen Auftritten als die komplette Royal Family, seit zwanzig Jahren das Monopol auf Drag in Deutschland erhebt. Man muss dem Autor dafür danken, dass er das Thema in dieser Form aufgegriffen hat. Drag kann überall stattfinden und hat viele Spielarten.
hdthoreau 11.05.2018
5. Heidi Klum
Da man des Schreibenden am Ende am besten gedenkt, indem man ihn zitiert, möchte ich hier voller Bewunderung ob seiner schreiberischen Poesie und Schärfe Roger Willemsen zu Heidi Klum zu Wort kommen lassen und mich voll und ganz anschließen: "Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über 'Persönlichkeit' redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge 'Entscheidung' mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre." Es gehört zu den genialen Schachzügen der Popkultur, das Belanglose zum Relevanten zu stilisieren und am Ende so zu erscheinen, als trüge man zu irgendetwas grundlegend wichtigem bei. Nichts anderes tun Sendeformate wie Germanys Next Top Model, Deutschland Sucht Den Superstar, Hausfrauentausch, Bauer Sucht Frau und eine schier endlose Liste ähnlicher Formate. Ich habe aus gutem Grund keinen Fernsehanschluß (für den ich selbstverständlich trotzdem zahle). Fragen Sie mich nicht, warum ich diese Titel alle nennen kann. Leider auch, weil der Spiegel sich nicht zu schade ist, darüber zu schreiben.
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