Russen-Barde Nalitch: "Weil mich so cool is"

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Er zappelt, schnarrt, kauderwelscht: Peter Nalitch ist auf dem besten Wege, Russlands erster YouTube-Star zu werden. Der Absurdmusiker bringt Osteuropa die Schönheit der Ironie nahe - und dem Rest der Welt den Zauber seiner "Gitarrrrrrr".

Peter Nalitch ist ein durch und durch unwahrscheinlicher Star. Er hat keine Plattenfirma, keinen Namen, und was er im Repertoire hat, klingt eher nach Folklore als nach Chart-Hit. Und doch ist es ganz und gar nicht unwahrscheinlich, dass sein "Gitar" zu einem wird: Das Lied geht gerade um die Welt.

Spätestens, seit Panic at the Disco und die Hawthorn Hights ihren Durchbruch über Purevolume.com erlebten und die Arctic Monkeys über MySpace, gehört der gezielte Aufbau einer Web-Legende zum Standard-Werberepertoire der Musikindustrie. Kaum ein hoffnungsvoller Neustarter mit leicht schrägem Image, dem man nicht eine Community-Karriere andichtet. Das meiste davon ist schwer nachzuprüfen und wird im besten Fall zu einer Vorhersage, die sich selbst erfüllt: Wenn bei MySpace und Co. das Wort einmal herum ist, dass da aus dem Schoße der Community ein Stern aufgegangen sei, sorgen die Neugierigen schon dafür, dass die herbeiphantasierte Community auch entsteht.

Nalitch ist über einen solchen Verdacht erhaben. Der 26-jährige Moskowiter drehte bereits im April mit einigen Freunden ein erfrischend hemdsärmelig produziertes Musikvideo, in dem er seine "Gitar, Gitarrr, Gitarrrrr!" besingt. Das Liedchen ist poppig-folkloristisch angehaucht und so offensichtlich ironisch-schlüpfrig, dass hierzulande ein Karnevals-Hit daraus würde. Ziemlich überraschend und nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda entwickelte sich Peter Nalitchs "Gitarrrrrr" nun zum ersten YouTube-Hit aus russischen Landen:

Das hat zwar gedauert, ist aber kein Wunder. Nalitch bedient gekonnt alle möglichen Klischees über musikalisch wie zwischenmenschlich vermeintlich rückständige Russen und serviert das in einem Kauderwelsch-Text, in dem Grammatik und Semantik ächzen, der Machismo schleimig winkt, während Nalitch zu Sätzen wie "Komm, hüpf zu meinem Jaguar", "Ich war niemals einsam, weil mich so cool is" oder "Ich war nie clever, weil nie brauchte" so kernig lächelt wie ein frisch gefönter Rex Gildo.

Kein Zweifel: Textlich wie musikalisch hätte das Ding auch bei uns schon vor 30 Jahren Hit-Chancen bei Heck gehabt. Zugleich aber passt es perfekt in eine durch und durch ironisierte Jugendkultur, die nur zu gern mit den Versatzstücken überkommener Traditionen spielt: Ist es da ein Wunder, dass auf immer mehr Kneipenfeiern in Russland "Gitar" im Chor gegrölt wird?

Das ist so rührend wie witzig und nötigt Respekt ab, weil Nalitch mit seinem Selbstbau-Video letztlich den Kreis schließt: Auf die wenigen echten aus dem Web hervorgegangenen Stars folgten eine ganze Reihe ins Web gelogene, die das mit viralen Werbemethoden schafften, und nun Nalitch, indem er die Methoden der Trittbrettfahrer erfolgreich kopiert. Vor allem aber macht das Ding Spaß, "Gitarrrrr" hat das Zeug zum Gassenhauer.

Der Osten feiert ein Web-Lied

Dass das so ist, zeigen die Reaktionen junger Russen auf das Video. Natürlich gibt es längst die für YouTube so typischen Antwortvideos, in denen zum Beispiel leidlich talentierte Pianisten ohne Sangestalent das Liedchen weiter verhunzen. Drei besoffene Ukrainer torkeln "Gitarrrr, Gitarrr, Gitarrr!" grölend durch die Nacht, während die junge Russin "DaryaDarya" mit einem Sitztanz am Steuer eines im Moskauer Stadtverkehr stecken gebliebenen Wagens den Beweis dafür antritt, wie Diskotheken-tauglich die Folk-Pop-Verhunze von Peter Nalitch ist. Und zahllose Russen erhöhen die Publikumschancen ihrer kyrillisch überschriebenen Videos, indem sie irgendwo "Nalitch" oder "Gitar" mit hineinschreiben.

Nalitch selbst wurde in den vergangenen Wochen vom eigenen Erfolg regelrecht überrollt, was vor allem daran liegt, dass YouTube eine russische Dependance eröffnete - und seine Reichweite in Osteuropa damit schlagartig erhöhte. Monatelang köchelte "Gitar" auf kleiner Flamme - jetzt explodierte sie regelrecht. Bei Livejournal kann man sich ansehen, dass Nalitch bereits seit 2005 versuchte, seine "Musik-Webseite" zu etablieren. Das outet "Gitar" als kalkulierten Versuch, Öffentlichkeit zu erreichen - was das ironische Werkchen absolut nicht schlechter macht. Hier drängt einmal nicht die Plattenfirma ins Netz, sondern ein Musiker gerade deshalb, weil er noch keine hat.

Dass die Sache Erfolg hat, beweist auch die Tatsache, dass "Gitar" inzwischen über alle möglichen Videoseiten von MySpace (seit dem 16. Oktober) bis Dailymotion (seit dem 28. November) abrufbar ist.

Noch hat Nalitch keinen Vertrag, doch auch da scheint sich schon etwas zu tun. Seine Webseite hat er vorerst vom Netz genommen, vertröstet die wachsende Fanschar, dort schon bald viele neue Lieder vorstellen zu wollen. Derweil macht sein "Gitar" die Runde durch die Blogs, landet in Podcasts und Radiosendungen. Allein bei YouTube fand das Video in zig aufgespielten Versionen weit mehr als 400.000 Zuschauer. In den nächsten Tagen und Wochen dürften da noch einige hinzukommen.

Wie heißt es im Lied? "I have never been clever, cause need it never". Anscheinend doch, in jeder Hinsicht - und mit Erfolg.

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