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15. Februar 2013, 14:25 Uhr

Meteoriten-Videos im Web

Warum so viele Russen Auto-Kameras haben

Von Hakan Tanriverdi

Der Meteoritenhagel über Russland ist erstaunlich gut dokumentiert, im Web kursieren zahlreiche Videos. Aufgenommen wurden die Clips mit Dash-Cams in Autos. Die Beobachter auf dem Armaturenbrett sind weit verbreitet. Sie dienen zur Abwehr von korrupten Polizisten und Kriminellen.

Wie kann das sein? Ein Meteoritenschauer richtet ohne Vorwarnung im Uralgebirge großen Schaden an - und wenig später stehen mehrere Videos im Netz, die den Vorfall zeigen. Der Vorfall ist verblüffend gut dokumentiert: In mehreren Videos ist der Schauer zu beobachten, Rauchstreifen am Himmel, helle Lichtblitze und berstendes Glas. Aufgenommen sind viele dieser Videos vom Armaturenbrett eines Fahrzeuges aus.

Es gibt keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Autofahrer in Russland eine Kamera fest in ihr Auto installiert haben. Klarheit herrscht aber sehr wohl darüber, warum diese Kameras in den Autos installiert sind. Ein Versicherungsexperte von Allianz Russland erklärt: "Die Dash-Cams helfen, vor Gericht die eigene Unschuld zu beweisen, sollten sich die Aussagen des Angeklagten und der Polizei oder eines anderen Verkehrsteilnehmers widersprechen. Außerdem verhindert die Kamera, dass sich Polizeibeamte gesetzeswidrig verhalten."

Eine Suche im Netz fördert Hunderte solcher Dash-Cam-Videos zutage, meist sind spektakuläre Verkehrsunfälle zu sehen. Nun sorgt der Meteoritenschauer für Furore.

Auch Alexej Dozorow, Vorsitzender der Organisation für die Rechte von Autofahrern, begrüßt die Kameras - und wünscht sich, dass die Zahl der Dash-Cams noch zunimmt. Radio Free Europe, einem vom US-Kongress finanzierten Sender, sagte Dozorow: "In Russland kann man in ein Auto einsteigen, ohne sich eine Hose anzuziehen, aber niemals ohne eine Dash-Cam. Sie sind absolut essentiell."

Video als Selbstverteidigung

Dozorow selbst berichtet von mehreren Vorfällen, in denen er von so einer Kamera profitiert habe. Einmal sei er von einem Polizisten gestoppt worden. Der habe ihm vorgeworfen, eine rote Ampel missachtet zu haben. Dozorow erwiderte, dass er sich dazu nicht äußern wolle, weil die Kamera ja alles aufgenommen habe. Woraufhin der Polizist sich entschuldigte und sagte, es sei ihm wohl ein Fehler unterlaufen.

Die Episode soll deutlich machen, dass die Polizei in Russland wegen Problemen mit Korruption einen schlechten Ruf hat. 2010 versprach der damalige Präsident Dmitrij Medwedew deswegen auch eine Reform. Laut des weltweiten Korruptionsindex von Transparency International belegt Russland aber immer noch Platz 133 von insgesamt 174 auf der Liste der korrupten Staaten.

Doch die Kamera-Aufnahmen sollen die Autofahrer nicht nur vor der Polizei schützen. Es gebe Fälle, so schreibt die in Russland lebende US-Journalistin Marina Galperina, in denen Gruppen künstliche Autounfälle inszenieren, um schnell an Geld zu kommen.

Ein Beispiel: Der Betrüger legt den Rückwärtsgang in seinem Wagen ein und fährt ungebremst in das Auto hinter ihm. Der Fahrer steigt anschließend aus und bedroht das Opfer im angefahrenen Wagen, zusammen mit mehreren angeblichen Zeugen. So unter Druck gesetzt würden viele direkt vor Ort Geld herausrücken, um den Schaden zu bezahlen, schreibt Galperina. "Die russischen Gerichte halten nicht viel von Worten", so Galperina. "Aber sie verhaften die Leute gerne, sobald es eine Videoaufnahme des Deliktes gibt." Das sei der Grund für die Verbreitung der Dash-Cams auf russischen Straßen.

Autofahrten in Russland sind deshalb oft besser dokumentiert als etwa in Deutschland: Dash-Cams sind ein Mittel der Selbstverteidigung. Sie nehmen eine gewöhnliche Fahrt auf, auf der ungewöhnliche Dinge passieren können. Korrupte Polizisten, Verbrecherbanden, die einem illegal Geld abknöpfen wollen - und, wie in diesem Fall, Meteoritenschauer.

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