Russlands Angst vor Datenlecks Geheimdienst drängt Beamte zu Skype-Stopp

Russische Staatsdiener lieben Skype, über den Online-Dienst können sie mit weit entfernten Kollegen Kontakt halten, ohne stundenlang durchs Land zu fliegen. Doch jetzt will der Inlandsgeheimdienst FSB den Dienst aus den Büros verbannen - um "Staatsgeheimnisse zu schützen".

Von , Moskau

Skype: Der Web-Telefoniedienst soll russischen Beamten verboten werden
dpa

Skype: Der Web-Telefoniedienst soll russischen Beamten verboten werden


Dass amerikanischen Staatsschützern das Internet nicht mehr ganz geheuer ist, seit WikiLeaks Hunderttausende amerikanische Geheimdokumente online veröffentlichte, liegt nahe. Doch nun fürchtet man offenbar auch im Lager des ehemaligen Klassenfeindes, Geheimnisse, von denen Unbefugte lieber nichts erfahren sollten, könnten der Enthüllungsplattform zugespielt werden. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB (Federalnaja Sluschba Besopasnosti, Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation) will russischen Staatsbediensteten die Benutzung des Internet-Telefoniedienstes Skype verbieten. Denn via Skype kann man Gesprächs- oder Chat-Partnern auch Dateien schicken - und darin sieht der FSB ein erhebliches Sicherheitsrisiko.

So soll eine "Analyse der FSB-Organe" erhebliche "Systematische Risiken für die Informationssicherheit der Staatsorgane" zu Tage gefördert haben. Die Moskauer Tageszeitung "Nesawisimaja Gaseta" zitiert zudem aus einem internen Schreiben der Verwaltung des Gebiets Swerdlowsk, einer Region 2000 Kilometer östlich von Moskau. Darin fordert die Regionalregierung, Staatsbediensteten nicht nur die Nutzung von Skype zu untersagen, sondern auch den "Gebrauch von kostenlosen E-Mail-Diensten" - sprich von Google Mail & Co. Auch der Aufbau eines drahtlosen Netzwerks, eines W-Lan, in Regierungsgebäuden des Gebiets Swerdlowsk, wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken verhindert.

Die Furcht von FSB und Behörden vor Datenlecks hat durchaus einen realen Hintergrund. Immer wieder werden auch in Russland brisante Dokumente an Medien und Blogger weitergegeben. So berichtete der russische Wirtschaftsanwalt und Blogger Alexej Nawalnij im November über Korruption und Unterschlagungen in Höhe von bis zu vier Milliarden Dollar beim staatseigenen Pipeline-Betreiber Transneft - und veröffentlichte auf seinem Blog geheimgehaltene Dokumente des russischen Rechnungshofes.

Der Präsident ist ein Internet-Fan

Anders als in China pflegte Russlands Staatsmacht bislang eine recht liberale Internetpolitik. Zwar kontrollieren der Kreml und ihm ergebene Oligarchen alle großen Fernsehkanäle und die bedeutenden Tageszeitungen des Landes. Das Web dagegen gilt russischen Bloggern als " letztes freies Territorium".

Ein Skype-Verbot stünde gleichwohl in deutlichem Kontrast zu den Bemühungen von Russlands Präsident Dmitrij Medwedew. Medwedew, 45, ist erklärter Internet-Fan, bloggt gelegentlich und twittert. Der Präsident sieht in der Informationstechnologie einen "Schlüssel zur Entwicklung der Demokratie" und fordert schon mal von seiner Regierung und den Behörden "Offenheit auf allen Ebenen".

Überwachungs-Hardware ist Provider-Pflicht

Wie weit diese jedoch vor allem im Web gehen soll, dass ist innerhalb der russischen Machtelite umstritten. Medwedews eigener Administrationschef Sergej Naryschkin berief 2010 eigens eine Sitzung ein, weil eine Autorin der angesehenen Nachrichten-Web-Seite Gazeta.ru Putin und Medwedew attackiert hatte. Die Journalistin hatte sich darüber entrüstet, dass die Autokolonnen der Politiker den Verkehr blockierten.

Seit langem will der Inlandsgeheimdienst FSB Internetanbieter dazu zwingen, missliebige Seiten zu sperren. Ein Gesetz verpflichtet Internetdienstleister, auf eigene Kosten eine Hardware zu installieren, durch die der FSB - nach Genehmigung durch einen Richter - verfolgen kann, wer welche Web-Seiten besucht und welche E-Mails schreibt.

Ist der wahre Grund ein anderer?

Manche Unternehmen üben sich mitunter schon in freiwilliger Selbstzensur. So sperrte das Unternehmen Scartel zwischenzeitlich das Portal des Kreml-Gegners und ehemaligen Schachweltmeisters Garri Kasparow.

Allerdings rührt sich auch schon Widerstand unter russischen Beamten, die Skype regelmäßig für Videokonferenzen mit weit entfernten Kollegen nutzen. Fraglich erscheint zudem, ob ein Skype- und Freemail-Verbot tatsächlich geeignet wäre, den Abfluss vertraulicher Informationen zu verhindern: Russische Blogger verweisen darauf, es gebe im Zeitalter von USB-Sticks und Internet "1000 Wege, Informationen weiterzugeben". Entscheidend sei nur der Wille.

Oleg Kosyrew, einer der bekanntesten Blogger, vermutet daher, in Wahrheit habe der Vorstoß des FSB ein ganz anderes Ziel. "Unsere Geheimdienste mögen Skype vor allem deshalb nicht, weil man das Programm extrem schwer abhören kann."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
roterschwadron 14.01.2011
1. Verständliche Abneigung
Zitat von sysopRussische Staatsdiener lieben Skype, über den Online-Dienst können sie mit weit entfernten Kollegen Kontakt halten, ohne stundenlang durchs Land zu fliegen. Doch jetzt will der Inlandsgeheimdienst FSB Skype aus den Büros verbannen - um "Staatsgeheimnisse zu schützen". http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,739459,00.html
Es gibt doch aber bestimmt auch eine russische Telefoniersoftware, an deren Entwicklung der FSB und nicht der CIA beteiligt ist?
maconaut, 14.01.2011
2. Sicherheit der Skype-Kommunikation
Aber die Tatsache, dass der WikiLeaks-Chef Assange selbst über Skype kommuniziert, ist doch schon ein Qualitätsmerkmal :-)
Stawrogin aus Berlin 14.01.2011
3. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten
>> Ein Skype-Verbot stünde gleichwohl in deutlichem Kontrast zu den Bemühungen von Russlands Präsident Dmitrij Medwedew. Medwedew, 45, ist erklärter Internet-Fan, bloggt gelegentlich und twittert. Der Präsident sieht in der Informationstechnologie einen "Schlüssel zur Entwicklung der Demokratie" und fordert schon mal von seiner Regierung und den Behörden "Offenheit auf allen Ebenen". Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt vor erheblichen Bedrohungspotentialen bei VoIP (Voice over Internet Protocol). Das BSI warnt ausdrücklich vor dem Austauscb vertraulicher Daten über VoIP-Systeme. Jeder Datenschutzbeauftragten in einem deutschen Bundes- oder Landesministerium wäre einem Anfall ausgeliefert, wenn die Ministerialbeamten behördenfremden Infastrukturen zum Datenaustausch nutzen würden. Mich entsetzt eher die Tatsache das Russland offenbar keine Infrastrukturen vergleichbar zum IVBB besitzt und stattdessen die Leute auf Googlemail zurückgreifen müssen.
Tostan 14.01.2011
4.
Zitat von roterschwadronEs gibt doch aber bestimmt auch eine russische Telefoniersoftware, an deren Entwicklung der FSB und nicht der CIA beteiligt ist?
Es gibt eine Menge "Telefoniersoftware". Skype ist aber halt mehr als eine normale "Telefoniersoftware". Wobei es mich wirklich wundert, dass Russland da nix eigenes hat. Bei Facebook(vkontakte.ru) und google(yandex.ru) gehts doch auch ;) Darüber hinaus ist die Forderung eigentlich nichts ungewöhnliches. Normale Datenschutzanforderungen sollten schon die Verwendung beliebiger IM(Instant Messaging, nicht Informeller (Stasi-)Mitarbeiter ;) )-Clienten am Arbeitsplatz verbieten. Für Berufliche Zwecke gibt es genügend sichererer Videokonferenzsysteme.....
HerrKommissar 14.01.2011
5. reply
Zitat von Stawrogin aus Berlin>> Ein Skype-Verbot stünde gleichwohl in deutlichem Kontrast zu den Bemühungen von Russlands Präsident Dmitrij Medwedew. Medwedew, 45, ist erklärter Internet-Fan, bloggt gelegentlich und twittert. Der Präsident sieht in der Informationstechnologie einen "Schlüssel zur Entwicklung der Demokratie" und fordert schon mal von seiner Regierung und den Behörden "Offenheit auf allen Ebenen". Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt vor erheblichen Bedrohungspotentialen bei VoIP (Voice over Internet Protocol). Das BSI warnt ausdrücklich vor dem Austauscb vertraulicher Daten über VoIP-Systeme. Jeder Datenschutzbeauftragten in einem deutschen Bundes- oder Landesministerium wäre einem Anfall ausgeliefert, wenn die Ministerialbeamten behördenfremden Infastrukturen zum Datenaustausch nutzen würden. Mich entsetzt eher die Tatsache das Russland offenbar keine Infrastrukturen vergleichbar zum IVBB besitzt und stattdessen die Leute auf Googlemail zurückgreifen müssen.
Natürlich haben auch die Russen sowas, nur nutzen die Beamten gmail und Co für Privatkram. Und das zu verbieten? Ein Skandal?
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