S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Facebook definiert das Socialphone

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Gerade waren Smartphones noch nützliche Werkzeuge mit jeder Menge Apps. Mit Facebook Home werden die Mobilgeräte jetzt endgültig zur Erweiterung des digitalen Ich. Die App ist mehr als nur eine neue Oberfläche - sie ist der erste Schritt zum Socialphone.

Das Handy wird zum digitalen Hyper-Ich. Dazu passt, dass die handwerkerhafte Bezeichnung "Handy" zurückgeht und man den cleveren Begriff "Smartphone" benutzt. Clever und smart möchte schließlich jeder sein. In der Öffentlichkeit ist "in sich versunken sein" geronnen zu einem "ins Smartphone versunken sein". Wartezeiten von Bushaltestelle bis Toilettengang sind durch das Smartphone zu digitalen Konsum- und Interaktionsräumen geworden. Der wichtigste Teil des Hyper-Ich aber ist man gar nicht selbst, sondern die eigene soziale Umgebung - ungefähr so, wie das Über-Ich eher aus elterlich eingepflanzten Gewissenswerten besteht (küchenpsychologisch betrachtet).

Mark Zuckerberg hat Anfang April 2013 ein Projekt mit eingebauter Fallhöhe vorgestellt. Die netzorientierte Fach- und Lachwelt hatte ein "Facebook-Phone" erwartet, aber dann handelte es sich bloß um eine App-artige Software namens Facebook Home, was sich so ähnlich wie "Facebook-Phone" anhört, aber eben kein schönes Gerät für die designsüchtigen Tech-Journalisten ist. Stattdessen wird bloß die digitale Oberfläche des Smartphones verändert: Der erste Blick auf den Screen zeigt nicht mehr ein Dutzend Programm-Icons, sondern eine aufbereitete Version des Facebook-Streams.

Viel mehr ist Facebook Home nicht. Eine neuartige Chat-Anwendung kommt noch dazu. Entsprechend scheint das Mobilvorreitertum weltweit verhalten bis enttäuscht zu reagieren. Das zeugt von Kurzsicht. Denn Facebook hat gleich mehrere Türen für die mobile, digitale Sphäre aufgestoßen, die nicht mehr zu schließen sind. Und dabei ist beinahe Nebensache, ob Facebook Home auf Anhieb ein Erfolg wird.

Nerdveranstaltung Oberflächenanpassung

Das Netz atmet social. Selbst Seiten, die sonst nichts haben (und das sind nicht wenige), haben einen Like-Button. Auf dem Smartphone aber sind die zwei, drei, vier sozialen Medien von persönlicher Relevanz kaum mehr als isolierte Apps. Die meisten Anwendungen des Smartphones haben zwar soziale Komponenten und bieten deshalb eine Verknüpfung etwa mit Facebook an. Nur dass diese Verknüpfung in den meisten Fällen kaum mehr ist als die Erlaubnis, irgendwelche automatisierten Postings zu generieren. Das ist praktisch, aber nicht wirklich social.

Stattdessen geht es darum, nach dem technischen, App-basierten Betriebssystem ein soziales Betriebssystem auf das Smartphone zu bringen. Der "Mobile Social Layer", der Facebook Home sein soll, ist der erste Schritt zur Lösung dieses Problems, das die meisten Leute noch nicht als Problem realisiert haben: die Verschmelzung des Handybetriebssystems mit dem sozialen Betriebssystem des Internets, den Social Networks.

Der Startbildschirm selbst gehört nach wie vor zu den am meisten unterschätzten Features des gesamten mobilen Genres. Apples iPhone setzt hier den Standard, und der ist statisch und sieht immer gleich aus. Schon seit einigen Jahren lässt sich Android besser anpassen, das Design lässt sich verändern, die auf dem Startscreen dargestellten Informationen lassen sich in Widgets zusammenfassen. Allerdings handelt es sich dabei um eine reine Nerdveranstaltung, niemand sonst arbeitet sich in die komplexen Funktionsweisen der Oberflächenanpassung ein.

Entwicklung zum Hyper-Ich

Der Normalnutzer eines Smartphones stellt das Foto seiner beiden Töchter als Hintergrundbild ein und ist damit bisher zufrieden. Hier setzt Facebook Home einen neuen Standard: die Abschaffung des statischen Startscreens ab Werk. Und zwar für diejenigen, die sich keine ins Netz geleakten APK-Dateien auf dem Handy installieren. Sondern nicht wissen, was das überhaupt ist, weil sie es auch gar nicht wissen wollen.

Die Abschaffung des statischen Startscreens ist eine logische Folge der Verwendung des Smartphones. Bisher war das Smartphone der Türspion zur digitalen Welt; um durchzusehen, musste man die Abdeckung mühsam hochklappen, das Gerät also in den Betriebsmodus bringen, die App starten, die Inhalte aktualisieren. Das Gefühl, ungefähr informiert sein zu wollen über die weltpolitisch bedeutsamen Aktivitäten der Freunde und Friends erfordert nicht mehr die ständige Unterbrechung des Tagesablaufs, sondern nur noch einen Blick. Das minimiert den Nutzungsaufwand, das Smartphone verwächst noch enger mit dem Nutzer, die Entwicklung zum Hyper-Ich wird zementiert.

Den Aufwand zu verringern ist umso wichtiger, je kommunikationsintensiver man das Smartphone benutzt. Weibliche, amerikanische Teenager verarbeiten im Durchschnitt weit mehr als 4000 SMS im Monat, sie nutzen SMS als Chatersatz. Selbst eine einzige gesparte Sekunde je Kommunikationsakt ergibt bei der jungen Zielgruppe der Zukunft mehr als eine Stunde monatlich eingesparter Zeit.

Socialphone statt Smartphone

Für die Nicht-Teenager, das Gros der Nutzer, ergibt sich ein anderer Vorteil. Der soziale, dynamische Startscreen ist der bisher vermisste Kompromiss aus den nervigen Push-Nachrichten und dem immer gleichen Homescreen. Dieser ist in der völlig verstreamten, digitalen Sphäre ein Überbleibsel aus der Zeit, als man mit Geräten noch etwas anfangen konnte, wenn sie offline waren. Facebook Home ist eine Art Push-on-Demand-Anwendung: neue Informationen bei Blickkontakt.

Mit Facebook Home hat das Smartphone die nächste Entwicklungsstufe erreicht: Es wird zum Socialphone. Das erkennt man auch an Googles Verzweiflung, neben dem mobilen Betriebssystem Android auf Krampf und mit allen Mitteln ein eigenes Social Network aufzustellen: Das ist der Schlüssel zum mobilen Internet. Tech-Blogger MG Siegler twitterte Minuten nach Zuckerbergs Präsentation von Facebook Home: "Countdown für eine Home-Anwendung von Google Plus - 3, 2, 1..."

Die Strategie hinter Facebook Home ist wegweisend. Apples iPhone definierte das mobile Gerät neu, Googles Android das mobile Betriebssystem, Facebook Home könnte die Beziehung zwischen Nutzer und Smartphone neu definieren. Wenn der Bildschirm des Smartphones dunkel ist, spiegelt man sich. Wenn er leuchtet, sieht man das soziale Infogetöse seiner Freunde, Friends, Kontakte. Es gäbe kein besseres Symbol für das Hyper-Ich.

tl;dr

Facebook Home ist der zaghafte, erste Schritt der Verwandlung des Smartphones zum Socialphone.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Facebook Home als Startbildschirm
eraser.org 09.04.2013
die Freunde von Marc Zuckerberg mögen alles Top Fotografen seín, aber bei dem vielen "tollen" Bildern die manche so posten, möchte ich das doch besser nicht beim einschalten des Socialphones sehen. Oder die Schreckensvorstellung von allen: jemand postet Bilder von Angela Merkel am Strand!
2. Ich haette hier mal ein paar Photos des ach so
hdudeck 09.04.2013
genial angepriesenen home screen erwartet, sodass ich mir selber ein Bild machen kann. Ausser der ueberschwenglichen Beschreibung des Autors (dessen geschriebenen Inhalt des Artikels habe ich nur als BlaBla wargenommen) hat mir der Artikel rein garnichts gegeben.
3. So ein Käse!
rudi_1957 09.04.2013
Ich habe mit meinem Analog 1.0 zu tun, zu was brauch ich ein digitales Hyper - Ich?
4.
epic_fail 09.04.2013
Zitat von sysopGerade waren Smartphones noch nützliche Werkzeuge mit jeder Menge Apps. Mit Facebook Home werden die Mobilgeräte jetzt endgültig zur Erweiterung des digitalen Ichs. Die App ist mehr als nur eine neue Oberfläche - sie ist der erste Schritt zum Socialphone. S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/s-p-o-n-die-mensch-maschine-a-893289.html)
Oh man, Lobo! Das ist ja eine einzige konsequente Werbung für Facebook. Kriegste das jetzt schon vom Zuckerberg bezahlt? Nun gut ... sonst konnte man sich stets auf ein kritisches Auseinandersetzen mit der jeweiligen Marterie zum wöchentlichen Thema verlassen. Diese Woche gilt das aber leider nicht. Schade!
5. Bitte um Erklärung
nana22 09.04.2013
Da hat man ein technisches Spielzeug. Und das Einzige was man damit macht sind Bilder und Statusmeldungen zu kommunizieren. Wo belibt denn da die Kreativität. Ich finde da tut sich ja sogar bei Lego Creator mehr, wo man aus Modulen eigene Maschinen basteln kann. Ist das Konsumieren vorgekauter Apps, Nachrichten und Produkte nicht einfach nur langweilig? Thema Sozialkontakte. Wenn ich meine Freunde real live treffe kann ich sie in Echtzeit ansehen, anfassen, kurzum intensiver kommunizieren. Oft reicht ein Blick und man weis was gemeint ist. Die digitale Kommunikation ist doch sehr synthetisch. Ich könnte anstatt hier zu tippen mich mit dem Autor unterhalten und ihm ein Bier anbieten. Das Verbindet doch mehr als virtuelles Gruscheln.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 110 Kommentare
  • Zur Startseite
Sascha Lobo

Buchtipp

Facebook

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.