S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz

Wurzelt der Massenmord des Norwegers Anders Breivik im Internet? Ja, erklärt Sascha Lobo und stellt sich damit an die Seite von Unionspolitikern. Nur fordert er andere Konsequenzen als diese.


Nach Anders Behring Breiviks Terroranschlag in Norwegen begann auffällig schnell auch in Deutschland die Suche nach Auslösern und Mitschuldigen. Zu offensichtlich speiste sich Breiviks perverse Überzeugung aus einem Mosaik verschiedener Einflüsse - politische, philosophische, kulturelle. Von den unterschiedlichen Gruppen und Strukturen, die als irgendwie mitverantwortlich identifiziert wurden, verbat sich eine besonders entrüstet jede Schuldzuweisung.

Die Rede ist nicht von den Rechtspopulisten, sondern von denjenigen, die mit heiligem Zorn reagierten auf die Behauptung, das Netz sei der Ursprung von Breiviks Terroranschlag.

"In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren", sagte Hans-Peter Uhl im Deutschlandfunk und erntete erwartungsgemäß Empörung. Uhl, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, ist niemand, der sich in seiner Meinung von Fakten beirren lässt - besonders, was das Internet angeht. Den Chaos Computer Club bezeichnete er in der Netzsperrendebatte 2009 als "Pseudo-Computerexperten", die Zensurtechnologie in China empfand er als anstrebenswerten Fortschritt. Aber könnte es sein, dass Uhl - trotz seiner undemokratischen Einstellung, das Netz sei ein bürgerrechtsfreier Raum - mit seiner Behauptung Recht hat? Könnte es sein, dass Breiviks Tat durch das Netz begünstigt, ermöglicht, mitverursacht wurde?

In einem glänzenden Artikel von Nils Minkmar in der FAS wird Breivik als "erster Open-source-Naziterrorist 2.0" bezeichnet. Auch darauf gab es empörte Reaktionen. Die Wortvorbilder für Minkmars Begriff, Open Source und Web 2.0, stammen beide aus dem Umfeld des Netzvordenkers und Verlegers Tim O'Reilly und stehen für zwei wesentliche Funktionsweisen der digitalen Sphäre. Sie finden sich als Konzept in Breiviks Weg zum Terror wieder.

Das 1500 Seiten starke Manifest von Breivik ist ein eklektisches Werk, zum Teil selbstgeschrieben, zum Teil zusammengestellt aus Quellen im Internet, neu montiert, ergänzt und weitergesponnen - bis es in allen Details den Bedürfnissen seines Anwenders entsprach. Breivik hat sein Manifest entwickelt wie eine modulare Software. Das Prinzip Open Source, allgegenwärtig im Internet, stand ebenso Pate wie die digitale Remix-Kultur. Breiviks Gedankengebäude besteht aus über einhundert Wikipedia-Verweisen, aus Presse- und Blogartikeln, Tagebucheinträgen und Definitionen bis zur Beschreibung des Fruchtwechsels bei der Zuckerrübenernte. Es handelt sich um ein Mash-up, nur dass statt einer Doktorarbeit oder eines Liedes eine Ideologie geremixt wurde. Samt Anleitung zu ihrer Umsetzung.

Die spontane, individuelle Radikalisierung im Verborgenen

Das allein würde nicht ausreichen, um Breiviks Tat als "im Internet geboren" zu bezeichnen. Aber hinter seinem ideologischen Konstrukt, das zur Tat führte, steht eine Entwicklung, für die Minkmar die Terrorismusexpertin Louise Richardson paraphrasiert: die spontane, individuelle Radikalisierung im Verborgenen mit Hilfe des Netzes. Was genau im Fall Breivik zum Radikalismus geführt hat, wird irgendwann die Forschung zeigen. Anhand des Dokuments, das er hinterlassen hat, drängt sich aber eine Lesart auf, die dem Internet, insbesondere dem als Social Media oder Web 2.0 bezeichneten Teil, eine furchterregende Perspektive hinzufügt.

Der Netzaktivist Eli Pariser hat Anfang 2011 einen bis dahin weniger beachteten Effekt des Internets benannt: die Filter Bubble. Suchergebnisse von Google und Nachrichten im Strom sozialer Netzwerke passen sich den Bedürfnissen der Nutzer an. Facebook "optimiert" die Auswahl der präsentierten Informationen anhand des vermuteten Interesses - und anhand des sozialen Umfelds. Es entsteht eine scheinbar universelle, tatsächlich aber hochindividualisierte Mikroöffentlichkeit im Netz. Abweichendes ist nicht zu sehen, weil es von Algorithmen verborgen wurde. Pariser fasst zusammen: "Wir bewegen uns in eine Welt, in der das Internet uns nur Dinge zeigt, von denen es denkt, dass wir sie sehen müssen" - oder sehen wollen.

Parisers Filter Bubble beginnt gerade erst und dürfte wenig zu Breiviks Entwicklung beigetragen haben. Sie ist aber nicht aus dem Nichts entstanden. Sie ist die technische Umsetzung zweier bekannter Informationsphänomene, die besonders auch im Internet auftreten: die selektive Wahrnehmung und das Relevanz-Paradoxon. Wer Informationen zu einem Problem sucht, tut das nur dort, wo er die Lösung auch erwartet, er sucht den verlorenen Schlüssel unter der Laterne. Zusammen mit der allesumfassenden Informationsmenge im Netz entsteht der Mechanismus der Query-Realität: Wer sucht, der findet - im Internet exakt das, was er finden möchte oder erwartet. Seine Netzrealität kann sich der Nutzer bewusst oder unbewusst selbst konstruieren, ohne je in die Nähe der Objektivität zu geraten.

Sozialer und selbstverstärkender Druck durch Rückkopplung

Es kursieren viele Beispiele für bewusst konstruierte Netzrealitäten. Zum Beispiel die Legende, dass Bielefeld nicht existiere, die sich auf einen Partyscherz zurückführen lässt. Oder die frei erfundene Hommingberger Gepardenforelle, ein Experiment des Computermagazins c't. Obwohl als Wettbewerb zur Suchmaschinen-Optimierung eines ausgedachten Begriffs gestartet, erzeugten die Teilnehmer eine Masse erfundener Informationen über den Nichtfisch, inklusive Webcams, Fotos und Zuchtberichten. Außenstehende stoßen leicht auf ein Netz von Hunderten Inhalten samt Querverweisen, die zusammengenommen die Hommingberger Gepardenforelle real erscheinen lassen.

Mit den sozialen Medien lässt sich nicht nur ein Fabeltier erzeugen, sondern auch ein Szenario, dass 2012 die Welt untergeht und eine Großapparatur in Alaska namens HAARP daran beteiligt ist. Oder der Eindruck einer unmittelbaren, islamischen Bedrohung Europas, auf die unbedingt drastisch zu reagieren ist. Die Mikroöffentlichkeiten des Netzes sind umhüllt von einer Medienmembran, die nur Informationen durchlässt, die die Weltsicht bestätigen. Durch Rückkopplung kann sich ein sozialer, selbstverstärkender Druck entwickeln: Aus der gefühlten Bedrohung erwächst die Radikalisierung.

Die Umdeutung der Realität mit digitalen Mitteln ist nicht nur die Grundlage für die Radikalisierung via Web. So lässt sich auch ein hermetisches Weltbild aufbauen, das sich gegen jede Kritik immunisiert. Breivik wappnet sich in seinem Manifest gegen den Vorwurf, ein "rassistisches, faschistisches Nazi-Monster" zu sein. In atemberaubender Ignorierung der Realität erklärt er seine Feinde, die "multikulturelle Allianz", zu den "eigentlichen rassistischen, faschistischen Nazi-Monstern", die "die Realität über mehrere Dekaden ignoriert haben wie die Sowjetunion". Diese 180-Grad-Verdrehung der Wirklichkeit ähnelt dem Muster der Verschwörungstheorien im Netz, wo die Bestätigung des Gegenteils als Beweis eigener Annahmen dient.

Social Networks und Blogs als Motivationen des Terrors

Schließlich wirft auch die Motivation zum Terrorismus ein Schlaglicht auf das Internet. In ihrem Buch "Was Terroristen wollen" schreibt Louise Richardson von den "3 R" - Rache, Ruhm und Reaktion - die fast alle Terroristen antreiben würden. Das Streben nach Ruhm und Anerkennung und die Provokation von Reaktion aber sind zwei wesentliche Motive und Mechanismen sozialer Medien. Social Networks und Blogs bilden im Verbund mit klassischen Medien zwei der drei Motivationen des Terrors ab. Die dritte ist die Rache, die Tat selbst. Sie wird durch die mediale Kommunikation drumherum wirksam. Breivik spricht in seinem Machwerk vom Massenmord als "Marketing-Operation" für sein Manifest und setzt einen Smiley hinter diese Aussage, der zynischste Smiley im gesamten Internet.

Breivik gehört zu einer neuen Generation von Terroristen, die ihre Ideologie im Internet aufbauen und mit Internetmechanismen weiterentwickeln, die im Internet ihre radikale Sozialisierung erfahren und sich die ständige soziale Bestätigung im Internet suchen, auf dem richtigen Weg zu sein. Technische Informationen und Material für ihre Anschläge besorgen sie sich ebenso im Netz. Es wäre fatal zu leugnen, dass das Netz - ja, das wunderbare, großartige Internet - auch Nährboden, Universität und Kaufhaus des Terrors ist.

Breviks Tat wurde im Internet geboren. Das sollte und wird Folgen haben für die Art, wie man mit seinen Worten im Netz umgeht: jemand könnte sie als Waffen benutzen. Die gesellschaftliche und politische Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, nicht uninformierten Scharfmachern wie Hans-Peter Uhl ins Netz zu gehen, sondern der terroristischen Bedrohung aus dem Internet zu begegnen - ohne die Freiheit und die Offenheit der Gesellschaft zu opfern. Auch nicht im Netz.

tl;dr

Breiviks Tat ist im Netz geboren. Er begründet einen neuen Terrorismus, den man bekämpfen muss, ohne Freiheit und Offenheit zu beschädigen.

(In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internet-Abkürzung für "too long; didn't read".)

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insgesamt 148 Beiträge
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mc6206 03.08.2011
1. Nein
Der neue Terrorismus kommt genauso viel aus dem Netz wie aus dem Buchdruck. Der einzige Unterschied ist, daß Information, auch verquere, einfach und schnell zugänglich sind. Das Netz ist ein Medium hinter dem Menschen stehen. Und Denken, auch verqueres Denken läßt sich nicht verhindern oder verbieten. Man kann nur verhindern, dasß sich verqueres Denken in die Tat umsetzt. Wer etwas anderes empfiehlt, will die Meinungsdiktatur, und die bringt, wie wir ja alle wissen, ganz neue Probleme mit sich.
Grundkurs, 03.08.2011
2. Lobboismus
Ich hab mich schon gefragt wie lang es wohl dauert bis Sascha Lobo total verqueeren Quatsch hier publiziert. Jetzt ist es alsosoweit. Breivik hat sich 9 Jahre auf das Attentat vorbereitet. Ob er schon vor 9 Jahren krude "antikommunistische antimultikulturelle" Ideologien im Internet nachgegoogelt hat? Mag man doch wohl sehr bezweifeln! Nur weil das Internet im eigenen Leben ne große Rolle spielt darf man daraus nicht den Rückschluss ziehen, dass es das für andere genauso tut.
hajoe01 03.08.2011
3. Sorry, aber dieser Artikel ist sowas von undifferenziert!
Genauso könnte man sagen, dass die Ursache von 9/11 die Erfindung des Flugzeuges sei. Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist durchaus auch missbräuchlich verwendbar. Wie ein Auto auch eine Bombe beinhalten kann, oder wie ein Küchenmesser ein Mordwerkzeug darstellen kann. Niemand würde auf die Idee kommen deshalb Autos oder Küchenmesser zu verbieten, bzw. die Schuld zu geben. Ich glaub auch nicht, dass die Hemmschwelle eines Massenmörders geringer ist, wenn er sich in Facebook outet. Also nochmals - bitte nicht einfach auf den Zeitgeist aufspringen und das Kind mit dem Bade ausschütten...
mardas 03.08.2011
4. Gruppenpsychologie aufbrechen! Offenheit benötigt
Zitat von sysopWurzelt der Massenmord des Norwegers Anders Breivik im Internet? Ja, erklärt Sascha Lobo und stellt sich damit an die Seite von Unionspolitikern. Nur fordert er andere Konsequenzen als diese. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,778089,00.html
Zuerst einmal: Selektive Wahrnehmung gab es schon immer, doch das Internet gibt einem die Möglichkeit, diese globaler auszuleben. Im Dorf findet man keine islamistischen oder islamophoben Terroristen, im Netz jedoch schon. Verschwörungstheoretiker oder Kreationisten gehen immer auf dieselben Seiten und bauen sich damit eine verquere Realität auf, die beileibe nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Doch ich bin auch sicher, dass Lobo hier etwas übertrieben hat, denn besagtes Verhalten bezieht sich immer nur auf eine ohnehin ignorante Randschicht von irren Ideologen, die sonst nur immer dieselben Bücher verwendet hätten. Es ist letztendlich noch immer dasselbe Phänomen. Die Lehren, die wir daraus ziehen müssen, ist sicherlich im Sinne Lobos: Keine Zensur, sondern mehr Offenheit. Mehr themenübergreifende Debatten und mehr Offenheit gegenüber Kritik und anderen Weltanschauungen. Und das kann nur in einer möglichst zensurfreien(!) Umgebung geschehen. Merke also: Wir müssen die Isolation von extremen Gruppen aufsprengen. Denn, wie dieses Video belegt (der religiöse Teil ist nur Nebensache), sind Mehrheitsverhalten ohne abweichende Meinungen Ursachen von Problemen. http://www.youtube.com/watch?v=n1A9vrsw6Hw
zimmermannrobert 03.08.2011
5. Dümmliche ...
... Verunglimpfung der OpenSource-Bewegung. An keiner Stelle wird tatsächlich begründet, warum das mit "OpenSource" = quelloffener Software zu tun haben will. Dieser selbsternante Internetspezialist hat sich selbst und diese merkwürdigen "Wahrheiten" mal so dahin geplappert bzw. erfunden. Dummdreist eine solche Behauptung, verfälschend und gehaltlos der gesamte Artikel.
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