S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die Netzgemeinde ist eine Notwehr-Lobby

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2. Teil: Wie die Netzgemeinde lobbyiert


Von Politik, Medien und anderen Lobbys wird die Netzgemeinde ohnehin schon so behandelt. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der aktiv twitternden Bundestagsabgeordneten bei 165 liegt. Mehr als ein Viertel der Volksvertreter sind damit in direktem Echtzeitkontakt mit der Netzgemeinde, ob sie wollen oder nicht. Dass am Freitag vor den Acta-Demos die Tagesschau vier Minuten lang als Aufmacher über dieses superkomplexe Thema berichtete, zeigt die Macht der Netzgemeinde, was Agenda-Setting angeht.

Und gerade am Beispiel des Springer-Verlags lässt sich erkennen, wie ernst die Netzgemeinde von Verlagsseite aus genommen wird. Springer-"Außenminister" Christoph Keese gründete das Blog presseschauder.de, das verstörenderweise dem netzpolitischen Blog presseschauer.de nachempfunden ist. Die enorme Textmenge, die Argumentation und die hohe emotionale Involvierung von Keese auf presseschauder.de lassen nur zwei Schlüsse zu: Entweder soll hier der Netzgemeinde auf eigenem Gebiet von höchster Stelle etwas entgegengesetzt werden - oder Christoph Keese ist der erste ironische Konzerngeschäftsführer eines deutschen Verlagshauses. Wobei in diesem speziellen Fall eine Mischung nicht völlig ausgeschlossen erscheint.

Sinnvolle Subventionen für professionellen Journalismus schaffen

Am Leistungsschutzrecht offenbart sich das Aktionsgebiet der Internetlobby: der Kampf gegen diejenigen Teile von Politik, Wirtschaft und Medien, die lieber das Netz ihren Gesellschafts- und Geschäftsmodellen anpassen wollen als umgekehrt. Das Leistungsschutzrecht entstand aus der zutreffenden Analyse, dass der Markt der Printmedien kleiner wird, aber sich über das Netz Journalismus nur schwierig refinanzieren lässt. Jedenfalls mit den liebgewonnenen Geschäftsmodellen.

Aber statt zuzugeben, dass zumindest vorübergehend staatliche Hilfe benötigt werden könnte - zum Beispiel in Form von sinnvollen Subventionen für den zweifellos systemrelevanten, professionellen Journalismus - versuchen die Leistungsschutzrechtler, ihr Netzmarktversagen durch die Konstruktion einer Hilfsgema für Verlage zu kaschieren. Und beanspruchen so doch wieder Staatshilfe, bloß unter Wahrung ihres marktwirtschaftlichen Gesichts. Diese Gesichtswahrung aber ist es in den Augen der Internetlobby nicht wert, das Netz potentiell schwer zu schädigen. Denn die Netzgemeinde ist der Überzeugung, es gäbe ein Art Naturzustand des Internet und interpretiert jede Abweichung davon als abzuwehrenden Angriff.

Twitterpraxis der "Welt": Angriffsfläche für den Vorwurf der Heuchelei

Beim Leistungsschutzrecht speist sich das Gefühl der Attacke auf das Netz wie schon bei Acta aus der Entstehungsgeschichte - die passenderweise eine Lobbygeschichte ist. Entsprechende Merkwürdigkeiten begleiten den sonntäglichen Beschluss der Koalition. Zum Beispiel stellte die Springer-Zeitung "Welt Kompakt" die langjährige Tradition ein, ohne Rückfrage Twitterbotschaften unbeteiligter Nutzer auf der Titelseite abzudrucken - nur ein paar Tage vor dem Beschluss zum Leistungsschutzrecht. Die Vermutung liegt nahe, dass man bei Springer von dem Beschluss wusste, bevor der Koalitionsausschuss sich darauf einigte, denn genau um solche "Beiträge oder kleine Teile hiervon" im Graubereich der urheberrechtlichen Schöpfungshöhe geht es. Die Twitterpraxis der "Welt" Kompakt hätte eine große Angriffsfläche für den Vorwurf der Heuchelei geboten.

Dieser von der Netzgemeinde vermutete, verborgene Lobbyismus, zwischen Flick-Affäre und Hotelsteuer ein Standard in der Demokratie des 20. Jahrhunderts, steht dem Transparenzwillen und der Demokratieauffassung der Internetlobby diametral entgegen. Die Netzgemeinde kämpft nämlich nicht nur um neue politische Inhalte, sondern en passant auch für neue Methoden des Lobbying. Umso wichtiger, dass sie ihren Transparenzanspruch auf sich selbst anwendet und sich ihrer Position als Internetlobby bewusst wird. Gerade weil sie zum Großteil aus losen oder situativen Aktionsgemeinschaften besteht. Anderenfalls droht der Netzgemeinde sich selbst gegenüber das gleiche Problem, das traditionelle Lobbys der Öffentlichkeit gegenüber haben: fehlende Offenheit.

tl;dr

Die Netzgemeinde gibt es - sie ist die Internetlobby. Das Leistungsschutzrecht ist doof.

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insgesamt 38 Beiträge
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lastzero 06.03.2012
1.
Zitat von sysopDie vielbeschworene Netzgemeinde ist eine hocheffektive Lobbygruppe: Sie kämpft dafür, das Internet möglichst unreguliert zu lassen. Deshalb bekämpft sie das Leistungsschutzrecht - zu Recht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,819559,00.html
Richtig Sascha, die Netzgemeinde ist ein populärer Euphemismus für den digitalen Stammtisch - der vor allem in den klassischen Medien herhalten muss, weil den Autoren leider sonst nichts einfällt. Wer sich im Netz auskennt, sollte hier differenzierter argumentieren und nicht schon in der Einleitung klar machen, dass es wahrscheinlich sinnfrei ist weiterzulesen, weil zu erwarten ist, dass nur die aus anderen Artikeln/Sendungen bekannten Klischees und altbekannte Argumente als "Mashup" neu verpackt werden... Im Vergleich zu den vermutlich meist jugendlichen Mitgliedern der zitierten "Gemeinde" haben andere politisch interessierte Menschen (mit Real Life) keine Zeit für sowas... auch wenn SPON sicher eine breitere Lesergruppe anspricht als z.B. die Datenschleuder des CCC, deren Beiträge in der Regel sowohl informativ, stichhaltig und humorvoll sind, ohne den Leser gleich mit der Einleitung abzuschrecken.
Bundeskanzler20XX 06.03.2012
2. Vote 4 Lobo
Zitat von sysopDie vielbeschworene Netzgemeinde ist eine hocheffektive Lobbygruppe: Sie kämpft dafür, das Internet möglichst unreguliert zu lassen. Deshalb bekämpft sie das Leistungsschutzrecht - zu Recht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,819559,00.html
Vielleicht könnte Herr Lobo ja als Sprecher dieser Internetlobby auftreten. Für eine transparente Internetlobby ist es außerordentlich wichtig eine Struktur zu bilden und Hirachien festzulegen. Nur so kann diese Gemeinschaft geordnet mit einer Stimme aufteten und ihren Interessen mit entsprechendem Druck vertreten lassen. Also ich würde für Herrn Lobo stimmen, da er nicht nur Ahnung vom Netz hat sondern auch persönliches Interesse daran hat und zudem Erfahrung im Umgang mit Politikern hat, er wäre somit der perfekte Mann (leider keine Frau für die Frauenquote) für den Job. Vote for President
langenscheidt 06.03.2012
3. Flashmob-geeignet
"Das Internet" eignet sich für Organisation und Durchführung von Flashmobs. Alles andere ist Selbstüberschätzung derjenigen die glauben, sie seien viele. Die Wahrnehmung wird nur verzerrt. Ich arbeite für einen großen Handyhersteller. Viele rufen an und meinen ihr Smartphone-Modell sei bekannt defektanfällig, weil sie viel von anderen Handyusern dazu in Internetforen gelesen haben. Wenn die wüßten welches Modell wirklich am meisten defektanfällig ist... Man kann im Internet -zig verschiedene Identitäten annehmen. Wenn das tausend User machen, dann weiß man wieviel User wirklich in Foren schreiben.
jan.dark 06.03.2012
4. Begriff Lobby führt in die Irre
Es macht keinen Sinn, die selbstorganisierte Zivilgesellschaft in Deutungsmuster der Vergangenheit zu pressen. Was sich als Reaktion auf die Kriegserklärung der Regierung am Wochenende mit dem Leistungsschutzrecht geäussert hat, war kein Lobby sondern die Bürger selber. bei Peter Altmaier ist jetzt klar, dass er den Bürgern nur Netzaffinität vorheuchelt, seine gespielten Ansichten haben in seiner Fraktion und in seiner Partei keinen Rückhalt. Er hat kalr erkannt, dass er jetzt demaskiert zwischen CDU und Bürgern steht. Sein Rückgriff auf den Koalitionsvertrag, der lediglich umgesetzt würde, war hochgradig lächerlich: im Koalitionsvertrag steht, dass man die Laufzeit-Verlängerung von Atomkraftwerken durchsetzen wolle (so wie im Grundsatzprogramm der CDU derzeit online zu lesen ist, dass die Kernenergie unverzichtbar sei). Die CDU ist derzeit unkalkulierbar und damit regierungsunfähig: Was sie den Bürgern verrspricht, macht sie nicht. Die Bürger merken das und wehren sich: In Bayern hat die CSU die absolute Mehrheit verloren (durch die Bürger, nicht verschwörungstheoretisch durch Lobbys), in Baden-Württemberg ist die CDU völlig aus der Regierung (durch die Bürger, nicht durch Lobbys). Der Rückgriff auf den konservativen Begriff der Lobby führt in die Irren. Denn dann meint fälschlich die Union, sie können Newcomer wie Altmaier und Bär losschicken und gut ist. Beide haben für das Zugangserschwerungsgesetz und die verfassungswidrige Vorratsdatenspeicherung gestimmt. Mit beidem sind sie nicht durchgekommen: rechter Teil des Parlamentes hat gegen Bürger und Gerichte verloren. Mit ACTA sins sie auch nicht durchgekommen, sondern haben als die Bürger breit die Straßen füllten, den Schwanz eingekniffen. Und es wird auch kein Leistungsschutzrecht in Deutschland kommen. Es ist eine Illusion wie die ganzen anderen politischen Irrtümer von der Union von Atomkraft bis Zugangserschwerungsgesetz. Eine Politik gegen die Bürger ist nicht mehr durchsetzbar.
r. schmidt 06.03.2012
5.
Ich sehe hier keine Lobby sonder eine *Bewegung*. Eine Lobby ist eine Veranstaltung zum Vorteil Weniger nach meiner Definition. Das Wort Lobby ist durch den Missbrauch der Korruption gegen die Interessen des Volks komplett entwertet worden. Ich würde jede Lobbytätigkeit unter einer bestimmten Gruppengrösse/Organisationsform als Korruption verfolgen.
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