S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die Netzgemeinde ist eine Notwehr-Lobby
Die vielbeschworene Netzgemeinde ist eine hocheffektive Lobbygruppe: Sie kämpft dafür, das Internet möglichst unreguliert zu lassen. Deshalb bekämpft sie das Leistungsschutzrecht - zu Recht.
Eigentlich hätte man schon am 11. Februar, dem Tag der Acta-Demonstrationen, wissen können, was man seit 2009 ahnte. Spätestens aber am Abend des 4. März 2012 gegen 22 Uhr ist klargeworden, was die ominöse "Netzgemeinde" ist. Voraus ging eine beiläufige dpa-Mitteilung über den Koalitionsausschuss: In einem aktionistischen Arbeitswutanfall schien Schwarz-Gelb so viele politische Vorhaben verhandelt zu haben wie sonst in zwei Dutzend Talkshows nicht. Darunter auch das Leistungsschutzrecht, ein Begriff, der in jeder Fußgängerzone für Verwirrung sorgen würde. Leider nicht nur dort, denn niemand weiß genau, was das Leistungsschutzrecht für Wortmedien werden soll - fest steht nur, dass eine Verlegerlobby, de facto angeführt vom Axel Springer-Verlag, vom Internet stärker profitieren möchte. Irgendwie.
Noch am Sonntagabend reagierte die Netzgemeinde: In wenigen Stunden wurden Tausende Twitternachrichten abgesetzt, auf den bestvernetzten Blogs des Landes wurden über ein Dutzend zielgerichtet empörter Artikel verfasst, über alle verfügbaren Kanäle der sozialen Medien wurden die politischen Vertreter der Koalition kommunikativ beschossen, viele sahen sich zur Reaktion gezwungen. Allein der auf Twitter weltbekannte Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU), bekam nur auf diesem Netzwerk am folgenden Vormittag in der Spitze etwa 20 Anfragen und Kommentare zum Thema Leistungsschutzrecht - pro Minute.
Die Netzgemeinde reagierte blitzschnell, umfassend, präzise informiert und mit voll vernetzter Wucht - sie ist damit nichts anderes als eine Internetlobby, und zwar eine der lautstärksten und mobilisierungsfähigsten Lobbys in Deutschland. Diese Wahrheit ändert sich nicht dadurch, dass zahlreiche Mitglieder die Existenz der Netzgemeinde leugnen. Der Begriff Lobby ist im Alltagsgebrauch gleichzusetzen mit Interessenvertretung - und wer wollte bestreiten, dass die Netzgemeinde vehement bis aggressiv für die vermeintlichen Interessen des Internet eintritt? Trotz des negativen Beiklangs des Wortes ist (gesetzeskonformer) Lobbyismus an sich nicht verwerflich, sondern im Gegenteil ein wichtiges Instrument in der Demokratie.
Selbstveranstaltetes Getöse im Gruppenrausch oder politische Wirkung?
Das Besondere an der Netzgemeinde ist jedoch, dass sie sich nicht aktiv entschieden hat, zur Lobby zu werden - sondern der eigenen Auffassung nach dazu getrieben wurde. Die Netzgemeinde ist eine Lobby aus Notwehr. Das ist der Schlüssel zum Verständnis dieser seltsamen Selbstorganisationsform, wie sie nur das Internet hervorbringen kann. Die Netzgemeinde verhält sich wie eine nicht-newtonsche Flüssigkeit: bei normaler Interaktion diffus, flüssig, kaum greifbar - in der Sekunde eines Schlags von außen aber bietet sie sofortigen Widerstand. Das ist auch der Grund, weshalb viele Aktivisten den Begriff ablehnen: Die Netzgemeinde ist nur von außen richtig sicht- und spürbar und umspült ansonsten lauwarm die eigenen Gliedmaßen. In entspannten Momenten finden sich in der Netzgemeinde keine zwei gleichen Meinungen - aber Attacken auf das Netz lassen einen Chor Tausender beinah einstimmig erschallen.
- Seit dem Wahlerfolg der Piratenpartei im Herbst 2011 ist klar, dass im Umfeld der Netzgemeinde ernsthaft Politik gemacht und zielgerichtet gewählt wird.
- Seit den Acta-Demonstrationen im Februar 2012 ist klar, dass die Netzgemeinde auch auf der Straße ein enormes Mobilisierungspotential hat.
- Seit dem Protest zum Leistungsschutzrecht ist klar, dass die Internetlobby in der politischen Auseinandersetzung kein noch so kompliziertes Thema scheut.
Denn anders als traditionelle Massenmedien - die ein Thema emotionalisieren müssen, um es transportieren zu können - reicht für die Netzgemeinde schon die Tatsache, dass das Internet attackiert wird. Oder das Gefühl.
Als Teil der Netzgemeinde - also auch für mich - ist es schwierig, diese richtig einzuschätzen. Auf der einen Seite lauert die Gefahr, das selbstveranstaltete Getöse im Gruppenrausch grotesk zu überhöhen und mit politischer Wirkung zu verwechseln. Auf der anderen Seite steht die Gefahr der falschen Bescheidenheit, man sei doch nur ein Haufen engagierter Idealisten.
Deshalb ist es wichtig zuzugeben, dass an den Rändern der Netzgemeinde bis hinein in ihren Kern nicht alles nur aus Liebe zum offenen und freien Netz geschieht. Nicht wenige Mitglieder profitieren beruflich, ob direkt oder indirekt. Initiativen wie D64, Digitale Gesellschaft oder IGEL haben - neben einer glaubwürdigen Überzeugung pro Internet - auch machtpolitische oder finanzielle Interessen und Verbandelungen. Auch viele der typischen Einzelakteure der Netzgemeinde profitieren: Ich selbst berate Unternehmen beim Umgang mit dem Netz und den sozialen Medien; jede Schwächung der digitalen Medienlandschaft könnte mir potentiell wirtschaftlich schaden. Ich kann deshalb ebenso wenig als unparteiisch gelten wie auf Netzthemen spezialisierte Anwälte, Digitalmedienschaffende oder Programmierer und Agenturen mit entsprechenden Aufträgen. Solche Leute machen jedoch einen großen Teil des Nukleus der Netzgemeinde aus. Das ist legitim - aber das Eingeständnis der Netzgemeinde, sich als Internetlobby - als erste zeitgemäße Lobby der digital vernetzten Ära - zu sehen, ist damit überfällig.
- 1. Teil: Die Netzgemeinde ist eine Notwehr-Lobby
- 2. Teil: Wie die Netzgemeinde lobbyiert
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- Dienstag, 06.03.2012 – 13:52 Uhr
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Autor und Strategieberater, Schwerpunkte Internet und Markenkommunikation. Eine unvollständige Liste seiner Publikationskanäle:- saschalobo.com: Das private, aber auch politische Blog
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