S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Dreh um, Google

Wird aus dem Konzern der immer Guten ein Mobilfunk-Microsoft? Die Übernahme von Motorola durch Google deutet ganz darauf hin, findet Sascha Lobo, der sich wundert, wie unisono die Partner des Internetkonzerns jubilieren.

Die Geschichte von Amit Patel und Paul Buchheit ist oft erzählt worden, die beiden Software-Entwickler gelten als Schöpfer des offiziellen inoffiziellen Mottos von Google: "Don't be evil." Der Siegeszug der Informationstechnologie war in den Neunzigern von Unternehmen wie Microsoft geprägt. Deren legendäre, geschäftliche Rücksichtslosigkeit verkörperte für viele Nerds "das Böse" in der digitalen Welt. Ein erfolgreicher Konzern, der solchen Praktiken öffentlich abschwor, wurde fast automatisch sympathisch.

Wichtiger für den großen Erfolg des Ausspruchs von 1999 ist bis heute ein sehr menschlicher Wunsch: In jedem Konflikt möge es die Bösen und die Guten geben. Die großen Auseinandersetzungen finden heute bei der Entwicklung der digitalen Gesellschaft statt. Lange sah es so aus, als würde Google versuchen, gegen Politik und andere Konzerne die Rolle der Good Guys auszufüllen. Die Kampfansage an Chinas Zensoren, die Unterstützung der Netzneutralität, das mobile Open-Source-basierte Betriebssystem Android - Ende der neunziger Jahre hätte man sich sehnlich einen so mächtigen Konzern gewünscht, der nicht böse sein möge.

Etwa seit der Übernahme des CEO-Posten durch Gründer Larry Page Anfang 2011 häufen sich die Anzeichen für eine Verwandlung von Google. Nicht, dass das Unternehmen nicht schon vorher problematisch oder ethisch angreifbar gehandelt hätte. Aber im Kern schien Google von visionärem Nerdtum geprägt, von einer sehr geschäftstüchtigen, ingenieurhaften Auslegung von "Don't be evil". Spätestens mit der anmaßenden und eigenen Grundsätzen zuwiderlaufenden Entscheidung, auf dem sozialen Netzwerk Google+ Pseudonyme rücksichtslos zu verbannen, wurde für die Nutzer ein neuer Geist von Google sichtbar.

Noch Ende Februar 2011 hatte Alma Whitten, Googles Director of Privacy, pathosverschmiert erklärt, dass Pseudonyme und Anonymität essentieller Bestandteil von Kultur und Freiheit seien. Natürlich war sie sich nicht zu schade für eine Referenz auf die arabischen Revolutionen.

Ironie der Digitalgeschichte

Fehlende Fairness und sich nicht an selbstverkündete Wertmaßstäbe zu halten, geschweige denn an gesellschaftliche - genau das ist die Gutsherrenart, die in der digitalen Sphäre der Neunziger für böse gehalten wurde. Denn eigentlich war und ist böse hier ein etwas irreführender Begriff: Microsoft hatte ja keine Landminen vor der Blindenfürsorge ausgelegt. Sondern mit einem marktbeherrschenden Betriebssystem seine wirtschaftliche Macht ohne größere moralische Bedenken ausgespielt.

Als Ironie der Digitalgeschichte zeigt sich Googles Wandlung nirgendwo gespenstischer als im Kampf um mobile Betriebssysteme, speziell bei der Akquisition von Motorola. Auf dem Google-Blog verkündete Page die offiziellen Gründe für den Kauf: Motorola habe eine glorreiche Geschichte und frühzeitig auf Android gesetzt. Außerdem sei man mit Motorolas Tausenden Patenten gut im Kampf gegen Apple und Microsoft gerüstet. Das mag technisch betrachtet zutreffen - inhaltlich wirkt das Posting wie eine Beteuerung, zu den Fairen, Offenen, Guten zu gehören. Page behauptet, die Kombination aus Google und Motorola fördere sogar die Konkurrenz.

Was für ein Hohn sind da die Zitate der anderen Hersteller, die Googles Ankündigung unterstützen sollen. Die Chefs von HTC, Samsung, Sony-Ericsson und LG erklären, wie erfreut man über Googles "Bekenntnis zur Verteidigung von Android und seiner Partner" sei. Beängstigend ist weniger die martialische Wortwahl, als dass vier Handy-CEOs unisono die gleichen Worte benutzen. Das erinnert an die Sprachregelungswut kommunistischer Regime, vor allem aber handelt es sich um eine sensationelle Demütigung der Weltkonzerne. Schwer zu sagen, welche Variante demütigender wäre: Falls die Chefs von den Statements der anderen wussten, haben sie sich sichtbar servil in Googles Diktum gefügt. Falls sie von den gleichlautenden Formulierungen nichts wussten, hat Google sie auf hochmütigste Art vorgeführt. In jedem Fall heißt der Subtext: Schaut her, die Konzernlenker der Welt folgen uns aufs Wort, ihre Unternehmen müssen vom Ritter Google verteidigt werden.

Google als Richter über Gut und Böse

Offenbar hat keine Kommunikationsfachkraft Larry Page davon überzeugen können, dass solche konzentrierten und konzertierten Verlautbarungen statt Verstärkung eher Zweifel bewirken. Berechtigte Zweifel, denn der Motorola-Deal muss strategisch auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Trotz des vorgeblichen Supports von Android betrachtet Google Betriebssysteme als eine Brückentechnologie. 2008 sagte Google-Gründer Sergey Brin: "Betriebssysteme sind eine veraltete Art der Weltsicht."

Das ändert sich mit dem Erfolg von Android nicht: Mittelfristig werden Handys aus einem Screen im Netz bestehen. Das Betriebssystem auf dem Gerät selbst wird zur minimalen, browserartigen Hülle, in der man sich einloggt. Der Rest findet in der Cloud statt - in Googles Cloud. Die Richtung zeigt Googles Chromebook: Das stationäre Betriebssystem dieses Laptops wurde zugunsten des Netzzugangs und der Cloud so sehr marginalisiert, dass der Rechner offline mit Mühe den Funktionsumfang eines Ziegelsteins erreicht. Mit Motorola kann Google die mobilen Standards im Zusammenspiel von Hardware und Software ohne jede Verhandlung setzen. Selbst wenn sich die kommenden Motorola-Geräte nur mäßig verkaufen sollten, diktieren sie damit den anderen Marktteilnehmern die Strategie: Google als Microsoft of Mobiles. Näher an das Bild eines rücksichtslosen Gutsherrn kommt man kaum heran.

"Don't be evil" wurde lange als Selbstverpflichtung von Google interpretiert. Inzwischen droht es zur Aufforderung für den Rest der Welt zu werden: Don't be evil! - mit Google als Richter über Gut und Böse. Es bleibt die Hoffnung, dass Google auf dem eingeschlagenen Weg der Hybris umkehrt. Viele andere Mittel als Hoffnung bleiben allerdings kaum.

tl;dr

Googles Hybris wächst, das Motto "Don't be evil" verkommt zum Hohn - wenn sich der Konzern nicht noch auf seinen Nerd-Ursprung besinnt.

(In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".)

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1. Verstehe nicht, inwiefern google seine Macht missbrauchen soll
mlange8801 17.08.2011
Nach bestehender Gesetzeslage blieb Google ja nichts anderes übrig als Android über ein Patentportfolio abzusichern, sofern sie an Android festhalten wollen. Dass die anderen Android Partner den Schritt begrüßen ist m.E. verständlich, da sie zum Teil ebenfalls Opfer von Patentklagen sind und gleichzeitig auch der Patentpool von Motorola entschärft wird (Es gab vom Motorola CEO und einem Shareholder ja Andeutungen die Patente stärker für ihre Interessen einzusetzen). Ok, Klarnamenzwang ist natürlich fies.
2. Apfelfan
bvdlinde 17.08.2011
Offensichtlich ist Lobo ein Apple-Fan. Denn sonst wuerde er erkennen, dass das (in vielem zurecht) geschmähte Geschäftsmodell von Google gegenüber dem Gebahren Apples geradezu freiheitlich liberal wirkt. Inzwischen darf man sich geradezu freuen, dass es Google gibt. Oh Gott, man stelle sich nur vor, Google hätte nicht Android auf den Markt geworfen, - was wuerde der paranoide Steven Jobs dann mit den Kunden, den Verlagen, den Programmierern alles veranstalten. Das wäre Diktatur...
3. Bei dem Zitat muss ich immer an Google denken...
batman! 17.08.2011
"You Either Die a Hero, or You Live Long Enough To See Yourself Become the Villain"
4. Ich muss bei dem Zitat immer an Google denken
batman! 17.08.2011
You Either Die a Hero, or Live Long Enough To See Yourself Become the Villain
5. .
Leser222 17.08.2011
Ich seh's auch so wie Herr Lobo, aber nicht erst seit dem Kauf von Motorola sind Google die Bösen. Sondern spätestens seitdem Google begann, sich die Privatsphäre der Benutzer anzueignen. Mit der Rücksichtslosigkeit, die einer jeden marktbeherrschenden Firma innewohnt, und den technischen Möglichkeiten, wie sie früher nur der FBI hatte.
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Sascha Lobo

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Google
Der Konzern
Google wurde 1998 von den Studenten Sergey Brin und Larry Page gegründet und ging ein Jahr später online. 2010 machte die Firma mit ihren rund 20.000 Angestellten einen Umsatz von mehr als 29 Milliarden Dollar. Unterm Strich blieben davon 8,5 Milliarden Dollar als Gewinn übrig. Die dominierende Stellung im Markt für Online-Werbung sorgt für ein attraktives Geschäftsmodell, birgt aber auch die Gefahr der extremen Abhängigkeit von nur einer Ertragsquelle. Immerhin 96 Prozent der Einnahmen erzielte Google im vergangenen Jahr mit Werbung.
Die Geschäftsfelder
Google hat im Laufe der Jahre zahlreiche Unternehmen übernommen - so etwa 2006 die Videoplattform YouTube und 2007 den Online-Vermarkter Doubleclick. Gleichzeitig hat die Firma ihre Geschäftstätigkeit auch selbst ausgebaut, zum Beispiel mit dem Dienst Google Street View oder dem E-Mail-Anbieter Google Mail.


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