S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Facebook ist nur ein Symptom

Ist Facebook schuld, dass die Privatsphäre im Netz verschwindet? Sind kommerzielle Datenkraken dafür verantwortlich, dass wir online immer mehr von uns preisgeben? Nein, meint Sascha Lobo: Die Veröffentlichung privater Information ist eine logische Folge digitaler Vernetzung.

Eine vermeintliche Netzkatastrophe bedroht Deutschland. Sie vereint eine breite und seltsam gemischte Front: von erzkonservativ bis linksradikal, vom Chaos-Computer-Club-Sprecher bis zur CSU wird gemahnt und gewarnt. Objekt des Mahnwahns ist vordergründig Facebooks Datengebaren. Tatsächlich dient die Firma nur als Symbol für Social Media - und damit für die gegenwärtige Entwicklungsstufe des Internets.

Besonders die aktuelle Entwicklung namens Timeline steht in der Kritik. Jeder Film, jedes Buch, jeder gelesene Artikel, soziale Interaktionen aller Art stellen in chronologisch aufbereiteten Schichten und Geschichten eine Person im Netz dar. Facebook möchte zur sozialen Konsumchronik werden. Die ritualisierte Facebook-Kritik speist sich aus der Sorge um die Privatsphäre und der Empörung, dass mit persönlichen Daten Geld verdient wird. Einige Kritiker wirken, als hätten sie soeben überraschend erfahren, dass Kapitalismus nun auch im Internet stattfinden soll. Dabei ist das Tauschgeschäft Daten gegen Leistung seit langer Zeit ein medienwirtschaftliches Prinzip. Der freiwillige Tausch mit der Währung der eigenen Aufmerksamkeit, verkaufbar gemacht durch persönliche Daten, ist die Existenzgrundlage der meisten Plattformen im Netz. Und wie traurig, dysfunktional und werkenntwenig sähe das Netz ohne Facebook, Google und Twitter aus.

Dirndl-Schleifchen verraten Jungfräulichkeit

Das bedeutet nicht, dass man keine Kritik an Internetkonzernen üben sollte. Es bedeutet jedoch, dass man statt boulevardesker Panikmache differenziert urteilen sollte. Das Internet selbst verändert das Verständnis von Datenschutz, Privatheit und Öffentlichkeit. Facebook wittert die Fährte nur früher als andere und gibt den Netzbewohnern, was sie wollen, bevor sie selbst wissen, was sie wollen. Es ist eine arrogante Illusion der Datenschutzfront, dass soziale Netzwerke die Macht hätten, das Verhalten ihrer tumben Nutzer nach Belieben zu steuern. In Wahrheit ist es umgekehrt: Ein Social Network ist nichts ohne die ständig erneuerte Gunst seiner Nutzer, ohne ihr Einverständnis in das beschriebene Tauschgeschäft.

Sieben Milliarden Fotos und 60 Milliarden Kommentare und Likes, die im Monat auf Facebook eingestellt werden, sind eindeutig: Die Netztätigen lieben es, Daten preiszugeben. Auch persönliche Daten, gerade persönliche Daten. Facebook hat sie nicht erst langwierig überzeugen müssen - es hat sich eine bemerkenswerte Haltung entwickelt: eine flächendeckende Datenbegeisterung. Das soziale Internet ist ein endloser Strom persönlicher Daten, fast ausschließlich freiwillig und bewusst eingestellt.

Dabei ist es nicht neu, dass scheinbar intime Daten veröffentlicht werden. Im Schwarzwald trugen Frauen seit 1750 Bollenhüte; weithin sichtbar standen rote Bollen für Ledige, schwarze für Verheiratete - eine analoge Vorform des Beziehungsstatus auf Facebook.

Ähnlich funktioniert die Schleifensymbolik bei bayerischen Dirndl-Schürzen, die je nach Position anzeigen, ob die Trägerin ledig, vergeben, verwitwet ist - oder jungfräulich. In Social Networks die sexuelle Erfahrung junger Mädchen für jeden zufälligen Passanten eindeutig sichtbar zu machen, das würde datenschutzpolitisch vermutlich für einen Sonderparteitag der CDU ausreichen.

Deutschlands antiquierte Haltung zum Datenschutz

Das Verständnis, welche persönlichen Daten öffentlich sein können, hat sich schon vor dem Netz ständig gewandelt. Heute stehen Gruppen wie die datenschutzkritische Spackeria oder Datalove für einen experimentell offenen, digital vernetzten Umgang mit Daten. Diese sogenannte Postprivacy-Bewegung sollte weniger als umfassendes Gesellschaftskonzept verstanden werden denn als überfällige Notwehr: Datenschutz geht in Deutschland von der antiquierten Haltung aus, der Nutzer sei ein dummes Schaf, das umfassend geschützt werden müsse, vor sich selbst und den unglaublich bösartigen Unternehmen. Würden Datenschützer Verkehrspolitik machen, wären Straßen umzäunt und Autos verboten.

Diese Haltung geht mit falschen Prioritäten einher: Der vorauseilenden Volksüberwachung wird durch Datenschutzbehörden ungleich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dem medienwirksamen Thema Facebook. Dabei ist die Teilnahme an Facebook noch immer freiwillig, anders als die Teilnahme am deutschen Staat. So reduziert sich die Diskussion um Datenschutz auf das Medienschauspiel Datenkrake gegen Datenkrakeeler. Datenschutz in Zeiten der Datenbegeisterung muss mehr auf Transparenz und Nutzerkontrolle abzielen als auf Verbote und innovationsfeindliche Pauschalregeln. Denn die Facebook-Timeline ist erst der Anfang. Alles und jedes, was Nutzer ins Netz stellen wollen, wird ins Netz gestellt werden. Die Grenzen bestimmt für erwachsene Nutzer kein Bundesbeauftragter, sondern die datenbegeisterte Öffentlichkeit.

Jeder Klick wird in publizierte, verwertbare Information verwandelt

Einen Ausblick ermöglichen Plattformen wie blippy.com, wo per Kreditkarte gekaufte Produkte automatisch veröffentlicht werden, samt Einkaufsort, Zeit und Preis. Oder voyurl.com, das ebenso automatisch jede besuchte Website veröffentlicht. Beide Modelle dürften zeitnah von Facebook aufgegriffen und damit im sozialen Netz zum Standard werden. Ein großer Teil des sozialen Datenstroms im Netz wird automatische oder halbautomatische Kommunikation sein, jeder Klick wird in publizierte, verwertbare Information verwandelt. Das wird für die Werbewirtschaft, vor allem aber für die Nutzer interessant: Welche Songs hören meine Freunde gerade gern? Was für Kameras benutzen die Hobbyfotografen im Bekanntenkreis? Welches Buch ist gerade in meinem sozialen Umfeld hip? Social Charts - die Verkaufsrangliste bekommt personalisierten, sozialen Charakter und damit eine völlig andere Wirksamkeit. Die Markttransparenz, die das Netz für viele Unternehmen brachte, schafft das soziale Netz auch auf der Kundenseite.

Aber Werbung und Konsum werden wiederum "nur" für Existenz und Ausbau der Plattformen sorgen - die dahinterliegende Entwicklung ist größer: Das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit im sozialen Netz dreht sich. Bisher war alles privat, was nicht explizit öffentlich war. Schon bald wird alles öffentlich sein, was nicht explizit als privat gekennzeichnet wurde - public by default. Es handelt sich dabei nicht um das Ende der Privatsphäre, sondern um eine Neudefinition, die dem sozialen Sog der digitalen Vernetzung folgt: Facebook ist nur ein Symptom. Dahinter steht das Internet.

tl;dr

Facebook ist nicht Treiber, sondern Profiteur einer allgemeinen Datenbegeisterung. Und die ist die logische Folge der digitalen Vernetzung.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Symptom
janne2109 28.09.2011
Symptom?? Facebook macht die einsamen Menschen noch einsamer, gaukelt eine Welt vor die nicht mit der Wirklichkeit gemein hat, hat es genau wie sms geschafft, dass junge Menschen kaum noch ein gepflegtes Deutsch sprechen,
2. da fehlt doch was ;-)
Chefkoch_Miraculix 28.09.2011
wo ist den tl;dr hin? Aber wo ich schon mal da bin: ---Zitat--- Dabei ist die Teilnahme an Facebook noch immer freiwillig, anders als die Teilnahme am deutschen Staat. ---Zitatende--- Herr Lobo, die Zeiten wo man aus einem deutschen Staat nicht ausreisen durfte, sind glücklicherweise vorbei!
3. hm
deefens 28.09.2011
[QUOTE]Sieben Milliarden Fotos und 60 Milliarden Kommentare und Likes, die im Monat auf Facebook eingestellt werden, sind eindeutig: die Netztätigen lieben es, Daten preiszugeben. QUOTE] Man muss schon unterscheiden zwischen "für jedermann freigeben" und "nur für Freunde freigeben". Ich bin mir sicher dass unterm Strich nicht mehr als 0.1% der Daten für jedermann freigegeben sind, sondern nur für die jeweiligen direkten Kontakte. In Blogbeiträgen und SPON-Artikeln über den sorglosen Umgang mit persönlichen Daten bei Social Networks wird aber immer so getan, als könnte der künftige Personalchef problemlos alle Daten eines Bewerbers bei Facebook einsehen. Und das ist in der überwältigenden Mehrheit der Fälle aber gar nicht möglich.
4. finde ich nicht
ra-live 28.09.2011
Zitat von janne2109Symptom?? Facebook macht die einsamen Menschen noch einsamer, gaukelt eine Welt vor die nicht mit der Wirklichkeit gemein hat, hat es genau wie sms geschafft, dass junge Menschen kaum noch ein gepflegtes Deutsch sprechen,
Also, aus meiner Sicht machen das die Nutzer von Facebook immer noch selber. Genauso wie nicht der Autohersteller zu schnell fährt, sondern der Fahrer des Fahrzeugs. Dieses ständige Delegieren der eigenen Verantwortung. CO2 schädigt auch nicht das Klima, sondern das Klima, dass durch zuviel CO2 entsteht, schädigt uns. Giftmüll schädigt nicht irgendeine abstrakte Umwelt, sondern er vergiftet die Welt, in der wir leben. Spekulieren tun zwar die bösen Banker, aber die Menschen, die der Bank das Geld anvertrauen, beauftragen sie damit. (s. rentner gegen lehman) Alles nur Symptome unserer eigenen Seltsamkeit?
5. ...
Bregorius 28.09.2011
---Zitat--- Welche Songs hören meine Freunde gerade gern? Was für Kameras benutzen die Hobbyfotografen im Bekanntenkreis? Welches Buch ist gerade in meinem sozialen Umfeld hip? Social Charts - die Verkaufsrangliste bekommt personalisierten, sozialen Charakter und damit eine völlig andere Wirksamkeit. Die Markttransparenz, die das Netz für viele Unternehmen brachte, schafft das soziale Netz auch auf der Kundenseite. ---Zitatende--- Das traurige ist, das genau darin die Gefahr der sozialen Vereinsamung liegt. Wozu meinen Freund fragen welche Kamera er nutzt und ein Gespräch darüber starten, wenn ich einfach mit einem Klick auf seiner FB-Seite das Gerät bestellen kann? Es gibt weniger sozialen Austausch als eher das Auswerten von Listen. Aber wir wissen ja: Jeder mag Listen! Ich muss zustimmen, dass die persönlichen Daten im Netz freiwillig preisgegeben wurden. Das Problem ist jedoch, das auch auf Wunsch diese nicht gelöscht werden oder andere meine Daten vervollständigen können sollen. Es muss die Möglichkeit geben, das ich, wenn ich nicht teilhaben möchte, geschützt bin. Dieses Recht ist auch meine freiwillige Entscheidung, die ich trefen können muss wann ich will. Es ist die Pflicht der "Datenkraken" ihr möglichstes zu tun diesen meinen Willen umzusetzen.
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