Der parteipolitische Schlüsselmoment des Jahres begann symptomatisch als Peinlichkeit in einer Talkshow. Andreas Baum, Spitzenkandidat der Piratenpartei zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen, schätzte die Höhe der Schulden Berlins ungefähr tausendmal zu niedrig ein: "Viele Millionen" stehen der Realität von 60 Milliarden Euro gegenüber. So weit, so medial breitgetreten als Zeichen für die Unbedarftheit der Piraten. Etwas weniger Echo fand die Reaktion der Piratenpartei, nämlich die Bereitstellung einer App, mit der sich die Höhe der Schulden jederzeit präzise ablesen lässt. Der Vorgang taugt zum Symbol einer scheinbar neuen politischen Haltung.
Baum und seine Partei haben den Fehler nicht mit einem Blackout oder zu vielen Disketten mehr verklärt als erklärt, sondern eingestanden - und als Motivation zur Verbesserung benutzt. Das muss als Muster begriffen werden. Es ist das Muster einer Generation, die gewohnt ist, einen Irrtum in Sekunden um die Ohren gehauen zu bekommen von jemandem, der mit dem Smartphone unterm Kneipentisch googelt. Es ist das einzig sinnvolle Verhaltensmuster in einer Welt, in der jeder halböffentliche Satz von einer Rotte richtigkeitsrünstiger Rechercheure rigide rachekorrigiert werden kann. Wie unglaublich zeitgemäß wirkt es, ein appgewordenes Eingeständnis eines Fehlers zu präsentieren - statt, wie im ausgehenden 20. Jahrhundert üblich, das eigene Fehlverhalten auszusitzen, zu leugnen oder mit Salamitaktik, Zeitspiel und Disconebel verblassen zu lassen. Wie es derzeit im praktisch konsequenzenlosen Verfassungsskandal um den Staatstrojaner geschieht.
Der Wandel in der Haltung wird besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, wie Showpolitiker Guttenberg anstelle von Andreas Baum, diesem Titanen der Nichtinszenierung, reagiert hätte. Zunächst hätte er verächtlich auf die sachliche Korrektheit verwiesen: Schließlich seien auch 60.000 Millionen rein technisch gesehen "viele Millionen". Sodann hätte er in tadelndem Ton dem Moderator unfaire Parteilichkeit vorgeworfen und eine unpräzise Fragestellung, auf die er, Guttenberg, ja nur unpräzise habe reagieren können. Wie in seiner Familie seit 300 Generationen üblich, sei er zur Präzision erzogen worden, aber um diese zu liefern, müsse er sie auch von seinem Gegenüber verlangen können. Ganz zum Schluss wäre er voll des Eigenlobs über seine Kritikfähigkeit gewesen - weil er dann doch eine gewisse Ungenauigkeit zugegeben hätte, die allerdings eindeutig auf die große Arbeitsbelastung zurückzuführen sei.
Generation Update will die nächste Version
Politikertypen aller Farben von Jürgen Rüttgers bis Hans-Christian Ströbele wirken in ihrem Auftreten, als sei ihnen der letzte selbstverschuldete Fehler im Frühsommer 1973 unterlaufen. In einem jugendlich-unachtsamen Moment. Nach einer langen Arbeitsnacht im Dienste der Allgemeinheit. Unter schwierigen Wetterbedingungen. Aber jeder Lernprozess beginnt mit dem Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit.
Lifelong Learning, nicht zufällig aufgekommen mit der digitalen Informationsgesellschaft, war lange kaum mehr als ein bloßes Schlagwort, vergraben in pädagogischen Pamphleten und politischen Papieren. Heute ist das lebenslange Lernen durch den bloßen Umgang mit der digitalen Sphäre ebenso tief wie unbewusst in den Köpfen verankert. Wer statt mit Stift und Papier mit einer vernetzten Kombination aus Hardware und Software arbeitet, deren Erscheinungsbild und Funktionsweise sich ständig ändern, muss den ständigen Lernprozess zwingend in seinen Alltag integrieren. Und damit ändert sich auch die Haltung gegenüber der Welt: Die Generation Update erwartet einen kontinuierlichen Modernisierungs- und Verbesserungsprozess von ihrer Umwelt. Auch in der Politik.
Der häufigste Grund für Updates sind Bug Fixes, also Fehlerkorrekturen - und vielleicht liegt auch darin ein Grund für den selbstverständlicheren Umgang mit Fehlern im Digitalen: Fehlerentdeckung und öffentliche Korrektur gehören dort organisch zusammen. Baums Fehler hätte dabei samt Lösung nicht programmatischer ausfallen können - einen Moment menschlicher Schwäche mit technologischer Stärke auszugleichen, digital vernetzt und anhaltend öffentlichkeitswirksam. Mittelfristig muss man sich fragen, ob es ein politisches Konzept sein kann, für alle Probleme zunächst an digitale Lösungen zu denken. Kurzfristig aber spiegelt der clevere Schachzug der Piraten die Erwartung eines vernetzten Publikums mit umfassendem Zugang zu digitalem Wissen wider: Es kann in Zeiten des Internets nicht mehr darum gehen, keine Fehler zuzugeben - sondern nur noch darum, wie man mit eigenen Fehlern umgeht.
Wenn ein Wikipedia-Link Lügen straft
Es ist eine Vermutung, aber eine begründete: Das Internet, dieses vernetzte Gift gegen absolute Wahrheiten, treibt einen Wandel im Umgang mit eigenen Fehlern voran, der weit über die digitale Sphäre hinausgeht. Wer die Gefahr kennt, in einer Online-Diskussion mit einem simplen Wikipedia-Link widerlegt zu werden, ändert sein Diskussionsverhalten auch in der Kohlenstoffwelt. Der Makel, einen Fehler zuzugeben, weicht - weil es im Netz erdrückend nachvollziehbar ist - der Souveränität, aus dem eigenen Fehler die richtigen Konsequenzen ziehen zu können. Das Netz wirkt für jeden Absender als Rückkanal und damit als ständige Konfrontation mit dem eigenen Fehlverhalten.
Das Internet hat aber auch eine dramatische Erhöhung des öffentlichen Kommunikationsvolumens bewirkt, ob für Personen, Firmen oder Institutionen. Dabei steht man vor der Wahl, sich in die völlige Belanglosigkeit zu flüchten oder schon aufgrund der abgesonderten Informationsmenge mehr Fehler zu machen. An offensiv korrigierenden Kräften mangelt es im Netz gewiss nicht. Und so besteht die Hoffnung, dass schon in wenigen Jahren jeder so oft mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert wurde, dass sich ein Trainingseffekt einstellt: falsch liegen lernen. Vielleicht würde der Umgang mit eigenen Fehlern dann zu einem weniger erbärmlichen Spektakel, als es das halbe Dutzend beim Copypastieren ertappter Politiker 2011 vorführte.
Das Netz könnte an dieser Stelle durch Transparenz, Verbesserungsdruck und soziale Vernetzung für einen gesellschaftlichen Fortschritt sorgen. Aber auch außerhalb der digitalen Sphäre ist der offene Umgang mit selbstverschuldeten Fehlern mehrheitsfähig. Das beweist die Bundespräsidentin der Sympathieumfragen, Margot Käßmann, deren Reaktion auf ihre Trunkenheitsfahrt die Voraussetzung für ihre uneinholbare Fußgängerzonenbeliebtheit war. Denn bei aller segensreichen Wirkung des Internets verbergen sich hinter dem souveränen Umgang mit den eigenen Fehlern eigentlich nicht gerade brandneue Tugenden der Aufklärung wie Vernunft und Anstand. Und vielleicht ist genau das die eigentliche, politische Botschaft hinter dem Erfolg der Piraten: Der aufgeklärte Digitalbürger möchte schlicht nicht mehr verarscht werden, weder analog noch digital. Jedenfalls nicht so, dass es sich allzu leicht googeln lässt.
tl;dr
Vielleicht provoziert das Netz einen souveräneren Umgang mit eigenen Fehlern, insbesondere in der Politik.
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