S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Loblied des Links

Wie wichtig sind eigentlich Links? Sascha Lobo erklärt, weshalb die digitalen Verbindungen zwischen Web-Seiten mehr sind als bloß Informationsfragmente, weshalb sie ein Stück weit Kontrollverlust bedeuten - und weshab gerade das so gut ist.

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Trotz seiner vergleichsweise geringen Bekanntheit gehört Vannevar Bush zu den Leuten, die die heutige Welt geprägt haben. Denn Bush hat sowohl die schlimmste wie auch die beste Erfindung des 20. Jahrhunderts in die Welt gesetzt. Er war unter anderem verantwortlich für das Manhattan Projekt und gilt als einer der Väter der Atombombe. 1945 veröffentlichte er im Magazin"Atlantic Monthly" einen Aufsatz mit dem Titel "As we may think". Darin entwirft er nicht weniger als das Internet. Mit erstaunlicher Hellsicht skizziert Bush ein Informations- und Kommunikationsnetz inklusive des Memex, eine Art analoger PC. Der Artikel gilt als wichtigste Inspiration für die Entwicklung des Hypertextes, dem technologischen Konzept hinter dem Netz.

Der herausragende Satz lautet: "Das Wichtige ist der Prozess, zwei Inhalte miteinander zu verbinden" - die Verlinkung. Der Link ist das Rad des Informationszeitalters, alltäglich und genial zugleich. Der Link verheisst Vernetzung, Zugänglichkeit, Offenheit. Ein Link gibt dem Nutzer auch die Möglichkeit, die Seite zu verlassen; im Link steckt deshalb die Freiheit des Netzes. Technisch ist der Link ein simpler Wegweiser, inhaltlich aber symbolisiert er eine neue Haltung gegenüber der Welt. Das Gegenteil des Links ist nicht bloß kein Link - sondern der Ausschluss der Möglichkeit zur Verlinkung.

Verlinkung versus Kontrolle

Das ist die große Front der digitalen Gesellschaft: Verlinkung versus Kontrolle. Auf diesen Kampf lassen sich fast alle digitalen Konfrontationen reduzieren: Zugänglichkeit von Daten durch Verlinkung. Die Urheberrechtsproblematik, die Netzsperren-Diskussion und der Komplex Netzneutralität sind verschiedene Ausprägungen dieses Konflikts. Ein Link ist immer ein Stück Kontrollverlust, das liegt in seiner Natur.

Die großen Erfolgsgeschichten des Internets fußen auf dem Link. Google hat die Verlinkung zum Qualitätskriterium erhoben und damit das Web besser durchsuchbar gemacht als je zuvor. Googles Vision ist, Informationen der Welt zugänglich zu machen, also sie zu digitalisieren und verlinkbar zu machen. Facebook besteht sogar ganz aus den Verbindungen zwischen Menschen, technisch gesprochen den Verlinkungen zwischen Profilen. Facebook hat dem Link konsequent die soziale Komponente gegeben und wurde so zum mächtigsten sozialen Netzwerk.

Nirgendwo prallen die Haltungen der neuen verlinkten Netzwelt und der alten linkfeindlichen Welt der Kontrolle heftiger aufeinander als im Fall WikiLeaks. Die Plattform, die derzeit im Flegelfeuer der Eitelkeiten ihrer Gründer untergeht, ist ein Symbol für die Zugänglichkeit zu geheimsten, also rigide kontrollierten Daten. WikiLeaks ist damit eine extreme Form der Open-Data-Bewegung, die soviele Daten wie möglich öffentlich zugänglich machen will.

Die politische Dimension der Verlinkung

1838 formulierte der preußische Innenminister Gustav von Rochow: "Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen". Der Bürger muss nicht alles wissen. Hier wird die politische Dimension des Zugangs zu Information deutlich und damit die politische Dimension der Verlinkung. Durch die nachvollziehbare Verknüpfung von Daten hat der Link große Teile der Kontrolle von Information als Illusion entlarvt.

Eine Weltanschauung pro Link bedeutet aber nicht, dass jederzeit alles für alle zugänglich sein muss. Zwar gibt es durchaus Anhänger dieser Extremhaltung, aber die totale Transparenz ist eher ein theoretisch interessantes Gedankenmodell. Der wahre Unterschied zwischen den Haltungen ist, ob die Verlinkbarkeit, die öffentliche Zugänglichkeit von Daten als Normalzustand angesehen wird oder als Sonderfall. Braucht zum Beispiel ein Staat eine gute Begründung, um Daten bereitzustellen oder eher eine, um sie zurückzuhalten?

Ein ökonomisches Beispiel für den Frontverlauf zwischen Verlinkung und Kontrolle ist Apple. Mit Ping hat Steve Jobs das vermutlich einzige soziale Netzwerk geschaffen, das keine Links nach außen zulässt. Entsprechend versprüht Ping die Lebendigkeit eines gefrorenen Steins im All und wird auch von ähnlich vielen Leuten genutzt. Dass diese linkfeindliche Kontrollfixierung bei Apple zur Strategie gehört, lässt sich am größten geschlossenen System der digitalen Welt ablesen: iTunes, dem App Store und den Hunderttausenden darin befindlichen Apps.

Verlinkung ist digitales Leben, der Rest ist Konsum

Seit Mitte des Jahres verbietet Apple App-Anbietern Links auf eigene Abonnement-Angebote. Betroffen war unter anderem die Buch-App Kindle von Amazon. Deren Antwort war eine iPad-optimierte Website, die von Apple eben nicht kontrolliert werden kann: der Amazon Cloud Reader.

Das ist kein Zufall. Die Cloud kann als weiterer Schritt beim Durchmarsch des Links begriffen werden. Der wichtigste Unterschied zwischen der App-Welt und dem Netz ist: Apps brauchen keine Links. Ihrem Wesen nach sind klassische Apps sich selbst genug, gewissermaßen digitale Masturbation. Die Cloud jedoch presst alle Daten browserkompatibel auf Server und schafft so die technischen Voraussetzungen für eine digitale Zugänglichkeit via Verlinkung - der Rest ist Rechtemanagement und Verschlüsselung.

Vannevar Bushs Denkmodell ist auch der Ausgangspunkt eines der einflussreichsten Essays des letzten Jahrzehnts. Netzvordenker Kevin Kelly schrieb 2005 zum Thema Schwarm-Kollaboration den Artikel "We are the web" in der Zeitschrift "Wired": "Anscheinend ist der Link die machtvollste Erfindung der Dekade." Vielleicht hat er sich geirrt - bei der Einschätzung des Zeitraums.

tl;dr

Der Link symbolisiert die vernetzte Weltanschauung und zerstört Kontroll-Illusionen. Verlinkung ist digitales Leben, der Rest ist Konsum.

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insgesamt 10 Beiträge
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bumbu 24.08.2011
1. Guter aber Halbherziger Artikel
---Zitat von Sascha Lobo--- Ein Link gibt dem Nutzer auch die Möglichkeit, die Seite zu verlassen; im Link steckt deshalb die Freiheit des Netzes. Technisch ist der Link ein simpler Wegweiser, inhaltlich aber symbolisiert er eine neue Haltung gegenüber der Welt. Das Gegenteil des Links ist nicht bloß kein Link - sondern der Ausschluß der Möglichkeit zur Verlinkung. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,782065,00.html ---Zitatende--- Bei dieser Gelegenheit hätte der Autor auch darauf hinweisen können, daß es ausgerechnet deutsche Gerichte waren, die das Verlinken unter umfangreiche Vorbehalte stellen und die gegebenenfalls Existenzen an einem Link zerbrechen lassen. Das nahm gar nicht so vereinzelt richtig chinesische, iranische oder saudi-arabische Ausmaße an. Perversionen der deutschen Internet-Rechtssprechung kann man auf diesem mehrteiligen und langen Artikel bei Telepolis (http://www.heise.de/tp/artikel/34/34744/1.html) nachlesen. Als Spätfolge dieser Blödheit kriege ich auch heute noch Anfragen von Hinz und Kunz des Inhalts „Sehr geehrter Herr Bumbu, ist es uns erlaubt, Ihre Website zu verlinken?“. Angesichts von soviel Blödheit verschlägt es mir regelmäßig den Atem. Am liebsten würde ich diese Lete kostenpflichtig abmahnen lassen, daß sie es in Zukunft unterlassen sollen, mir blöde Fragen zu stellen. Der absolute Spitzenreiter puncto Nervigkeit wollte sogar eine (vor mir, also aus dem Ausland) gefaxte Bestätigung, daß ich gegen den Link den einzuwenden hätte und das auch in Zukunft so sehen würde. Wozu soll ein Dokument im Web den gut sein, wenn sich kein anderes Dokument darauf beziehen kann? Ich kann mir ja auch nicht aussuchen, wer mich zitiert; und ein generelles Zitatverbot hätte das (© Eco) „säkulare Gewisper in den Bibliotheksräumen“, wo Bücher über Bücher reden, verhindert und damit jedes wissenschaftliche Denken ab radice blockiert.
Eiermann 24.08.2011
2. d
Interessantes Loblied, das man obwohl im Kern so einfach wohl nicht oft genug singen kann und das ich deshalb nur vollstens unterschreiben kann. Wäre das Internet ein Organismus, wären Links wohl die lebenswichtigen Synapsen und Verdrahtungen im Gehirn.
lizard_of_oz 24.08.2011
3. Ein Link ist immer ein Stück Kontrollverlust
"Ein Link ist immer ein Stück Kontrollverlust, das liegt in seiner Natur." --- Hmm, genauso gut ist so ein Link aber auch ein Stück Kontrollgewinn, indem er die überbordende, von niemanden zu überblickende Informationsfülle im Netz überschaubar und kontrollierbar macht! Wer wichtige Daten, etwa als Konstrukteur, nur aus einer Quelle bezieht, ohne diese zu verifizieren, hat eh ne Schramme. Außerdem ist es eine Definitionsfrage, wie Sie "Verlinken" verwenden. Ist damit nur der Klicklink gemeint oder etwa auch die Suche von Google. Ist ja auch irgendwo verknüpft, schränkt mich aber weniger ein. Ich sehe es so, dass Lobho sich an so einem trivialen Kleinkram aufreibt, während draußen der Laden abkackt. Wer argumentieren kann, sollte den Mächtigen die Hölle heiß machen, freilich ohne sie zu verheizen.
spügel 24.08.2011
4. Wie wichtig sind eigentlich Links?
Kauf Dich ’ne Tüte Deutsch, man , dann lese ich vielleicht auch weiter als den ersten Satz. *Kopfschüttel*
charles&charles 24.08.2011
5. Organisches Wachstum
Zitat von EiermannInteressantes Loblied, das man obwohl im Kern so einfach wohl nicht oft genug singen kann und das ich deshalb nur vollstens unterschreiben kann. Wäre das Internet ein Organismus, wären Links wohl die lebenswichtigen Synapsen und Verdrahtungen im Gehirn.
Möchte mich dem anschließen. Hr. Lobo geht die Sache zwar aus einer sehr interessanten Perspektive an, scheint sie aber in meinen Augen nicht ganz zu Ende zu bringen. Um sich ein Bild von der Thematik zu machen, empfehle ich übrigens die Lektüre von Stefan Münz (Autor/Erfinder der Hypertext Referenz SELFHTML) Serie "Hypertext", zu finden unter http://www.newsgrape.com/a/hypertext/ bzw http://www.newsgrape.com/a/hypertext-1-uebersicht/
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