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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Netz-Angst ist Kult

Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Sascha Lobo attestiert der deutschen Netzpolitik eine Denkblockade. In ihrer Hilflosigkeit in Anbetracht des Internets verfallen die Politiker in geradezu religiöse Rituale. Die Wissenschaft hat dafür einen Namen: Cargo-Kult.

Als westliche Ethnologen nach dem Zweiten Weltkrieg Melanesien im Pazifik besuchten, wurden sie Zeugen sonderbarer Vorgänge. Inselbewohner hatten Flächen im Urwald gerodet, die an Landebahnen erinnerten. Darauf standen hölzerne Tower-Nachbildungen und Flugzeugmodelle in Originalgröße aus Holz und Stroh. Von brennenden Fackeln gesäumt, standen Männer mit handgeschnitzten Holzkellen auf den Landebahnen. Die indigene Bevölkerung spielte mit heiligem Ernst einen Flughafen nach.

Im Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner Flugbasen im Pazifik errichtet. Um die ursprünglichen Insulaner nicht unnötig zu Feinden zu machen, wurden ihnen Waren von Tand bis zu Nahrungsmitteln überlassen. Als der Krieg endete und damit der Nachschub, nahmen die Inselbewohner in religiös einwandfreier Logik die notwendigen Maßnahmen selbst in die Hand. Denn immer, wenn ein Mann mit seltsamen Kellen auf einer gerodeten Fläche stand und umgeben von Leuchtfeuern mit den Armen ruderte, war schließlich ein Flugzeug voller Waren gelandet. Dieses Verhalten bekam den Namen Cargo-Kult.

Aus der Arroganz des Westens lässt sich über die "einfachen Eingeborenen" lachen, die ihre Ahnungslosigkeit in rituelle Handlungen verpacken. Tatsächlich gibt es viele Anzeichen, dass Cargo-Kulte heute in Europa eine prägende Rolle spielen. Denn der Kern des Cargo-Kults ist, die Logik von Ursache und Wirkung zu verkennen - und durch Rituale zu ersetzen, die vermuteten Ursachen entgegenwirken sollen. Von innen fühlt sich ein Cargo-Kult sinnvoll an und ist deshalb nur schwer zu erkennen.

Langsamer werden auf dem Holzweg

Die scheinbar so aufgeklärte deutsche Gesellschaft ist durchseucht von cargo-kultischen Ritualen. Als Paradebeispiel taugt die breit akzeptierte Homöopathie, die nicht durch die weitgehend wirkstofflosen Präparate wirkt, sondern allenfalls durch das Gefühl, irgendjemand nehme das Leiden ernst. Cargo-Kulturen wuchern auch in der Ökonomie: Barry M. Staw und Jerry Ross haben schon in den Achtzigern die sogenannte "Eskalation des Engagements" identifiziert, an der Börse bekannt als "dem schlechten Geld das gute hinterherwerfen". Das Werfen von Geld sollten Halbinformierte ohnehin auf Brunnen beschränken. Aber das dahintersteckende Problem ist cargo-kultischen Ursprungs und gleicht dem Verhalten, schneller zu laufen, weil man die falsche Abzweigung genommen hat.

Nicht zufällig sind einige Cargo-Kulte in Melanesien in Konfrontation mit einer neuen Technologie entstanden. "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden", schrieb der britische Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Und so hat sich auch in Deutschland ein Schwerpunkt des Cargo-Kults um die große Technologie des 21. Jahrhunderts gebildet. Für weite Teile von Politik, Wirtschaft und Kultur ist das Netz noch immer eine Blackbox wie für die Melanesier der vierziger Jahre das Flugzeug.

Ein Musterbeispiel des Cargo-Kults bildet die deutsche Netzpolitik, deren aneinandergelegte Holzwege bis zur Rückseite des Mondes reichen, offensichtlich aber nicht wieder zurück. Bei allen netzpolitischen Großdebakeln der letzten Jahre wurde über cargo-kultische Maßnahmen gestritten: bei den Netzsperren, beim Jugendmedien-Staatsvertrag, dem Glücksspiel-Staatsvertrag und jüngst bei der Diskussion um das Verbot von Anonymität im Internet. Naturgemäß ist aber bei cargo-kultischen Lösungsvorschlägen auch ein daran anknüpfender Kompromiss völlig gaga. Um im Bild zu bleiben: Auf dem falschen Weg hilft es ebensowenig, wenn man langsamer wird oder den Holzweg teert.

Cargo-kultische Polit-Rituale

Hinter dem technisch undurchführbaren Verbot der Anonymität im Netz steckt oft der legitime Wunsch, Terrorismus zu bekämpfen oder Stalking und Mobbing zu erschweren. Dabei ist längst bekannt, dass erzwungene Klarnamen insbesondere Mobbing nicht verhindern und Stalking sogar noch deutlich vereinfachen. Aber ein Verbot fühlt sich gut an für Leute, deren Verständnis von Gesellschaft aus möglichst überschaubaren Inseln im Meer des Unerlaubten besteht. Und so fuchteln vor allem konservative Politiker mit geschnitzten Holzkellen herum und wollen das Flugzeug Internet zur Landung bewegen.

In zynischer Verkennung der Realität steht daneben Randi Zuckerberg, die Schwester des Facebook-Gründers. Sie fordert die Abschaffung der Anonymität im gesamten Netz. Um das in den richtigen Kontext zu setzen: Eine US-Amerikanerin aus einer Milliardärsfamilie, die unfassbar viel Geld mit der Zuordnung von Nutzern und Daten verdient, möchte die dafür hinderliche Anonymität im Netz verbieten, die für Hunderttausende Aktivisten weltweit den einzigen Schutz vor Verfolgung darstellt. Im Vergleich der Anonymitätsfeinde ist nicht einfach zu entscheiden, ob Ahnungslosigkeit oder Gier die gefährlichere Motivation darstellt.

Gegen cargo-kultische Polit-Rituale hilft nur ein Mittel: ständiges, geduldiges Bemühen um Aufklärung. Dazu gehört allerdings auch, den eigenen Cargo-Kulten ins Gesicht zu sehen, also die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, selbst holzkellenschwenkend fernab objektiver Erkenntnisse zu argumentieren. Die Hoffnung, dass es irgendwann von allein besser würde, zerstört der wichtigste deutsche Cargo-Kult-Forscher leider mit einer ernüchternden Beobachtung. Friedrich Steinbauer schrieb 1971: "Der Glaube an die Cargo-Wahrheit selbst wurde durch Misserfolge nie wesentlich geschwächt."

tl;dr

Ein Teil der deutschen Netzpolitik agiert cargo-kultisch: Bauchgefühl statt objektiver Erkenntnis, Aktionismus statt strategischer Handlung.

(In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".)

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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insgesamt 48 Beiträge
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1. Hm
deefens 10.08.2011
Dieser Sascha Lobo hat immer nur ein Thema: Internet. Wenngleich ich seinen Schreibstil sehr schätze, so nervt die Eindimensionalität seines Themas doch mittlerweile ziemlich.
2.
Der Meyer Klaus 10.08.2011
Zitat von deefensDieser Sascha Lobo hat immer nur ein Thema: Internet. Wenngleich ich seinen Schreibstil sehr schätze, so nervt die Eindimensionalität seines Themas doch mittlerweile ziemlich.
Wenn man in seinem Leben nun einmal nur eine Sache hat, ist es halt das einzige was einen beschäftigt.
3. ...
Mardor 10.08.2011
Zitat von deefensDieser Sascha Lobo hat immer nur ein Thema: Internet. Wenngleich ich seinen Schreibstil sehr schätze, so nervt die Eindimensionalität seines Themas doch mittlerweile ziemlich.
Na und? Er schreibt kenntnisreich über sein Spezialgebiet - das ist allemal mehr, als man von vielen anderen SPON-Autoren behaupten kann. Wenn Sie das Thema nervt, lesen Sie halt was anderes.
4. Die Menschmaschine
grosservogel 10.08.2011
---Zitat--- Zitat von Spiegel.de über Sascha Lobo: Autor und Strategieberater, Schwerpunkte Internet und Markenkommunikation. ---Zitatende--- damit sollte wohl klar sein, warum er meiner meinung nach auch recht sinnig, Kolumnen übers internet schreibt.
5. Kaiser
patberlin 10.08.2011
Ja und Joachim Kaiser schreibt über Klassik, das ist halt bei Kritikern so. Chapeau Lobo! Ich bin köstlich unterhalten worden :)
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