S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Scheitern am Gerät

Fahrkartenautomaten, Computer, Kaffeemaschinen - technische Geräte sind immer öfter so komplex, dass man an ihrer Bedienung scheitert. Sascha Lobo kommt sich mitunter vor wie in einem stockfinsteren Riesenlabyrinth.


Es zieht sich durch mein Leben ein roter Faden, und es ist kein schöner. Er taugt so gerade eben noch zum Kokettieren auf Partys, aber nur für ein paar Sekunden. Dann wird die Wirkung des Mitleids wieder vom Schmerz verdrängt. Dieser rote Faden ist das Scheitern am Gerät. Ein gerätebezogenes Lebensmotto von mir könnte sein: "Hier stehe ich, ich kann nicht." Und zwar weder so noch anders, sondern gar nicht.

Vom Handy bis zum Kaffeevollautomaten habe ich schon an fast jedem Apparat die abstrakte Nachrichtenformulierung "menschliches Versagen" mit lebendigem Inhalt gefüllt. In beeindruckender Geschwindigkeit bin ich in der Lage herauszufinden, wie Dinge schon mal nicht funktionieren. Ein Kabinettstückchen gelang mir im Spätherbst 2009, als ich an einer aus zwei Knöpfen bestehenden Sitzheizung nachhaltig scheiterte. Die Autovermietung zeigte sich kulant.

Es ist nicht so, dass ich in technologischen Fragen unbegabt bin, aber mein Wissen und Können kommt mir vor wie die funzelige Beleuchtung in einem ansonsten stockfinsteren Riesenlabyrinth. Schon Zentimeter außerhalb des Lichtkegels stoße ich im besten Fall auf massiven Widerstand. Der schlechteste Fall ist ein Fall ins Nichts: vor einem Apparat zu sitzen, der offensichtlich eingeschaltet ist, aber einfach nicht reagiert. Auf nichts. Gibt es überhaupt eine Steigerung der Verhöhnung, wenn eine unbelebte Maschine einen Menschen ignoriert?

Eine Maschine noch dazu, die zum Schutz vor angeblichem Vandalismus mit Edelstahl gepanzert wurde und die man deshalb zur Bewahrung der seelischen Hygiene nicht einmal kaputtmachen kann. Wurde schon mal berechnet, ob es volkswirtschaftlich wegen ausgeglichenerer Bevölkerung nicht günstiger wäre, öffentliche Geräte mit leicht zerstörbaren und schnell austauschbaren Teilen in Tritthöhe auszurüsten, aus einem Material mit hoher Zerstörungszufriedenheit?

"Der Kampf gegen die Natur ist hoffnungslos"

Inzwischen bin ich recht sicher, dass ich nicht allein bin, sondern dass das Scheitern am Gerät zur prägenden Erfahrung des Informationszeitalters geworden ist. Allein mit der Empörungsenergie, die täglich vor Fahrkartenautomaten freigesetzt wird, könnte man die Polkappen drei Winter lang eisfrei halten. Die Reaktionen reichen von verzweifelter Resignation bis zur welthassenden Mischung aus Amoklauf und Ausdruckstanz. Als würden Fäustehagel oder Fluchen ein widerwilliges Gerät mit der unerbittlichen Kälte eines Gletschers beeindrucken.

Ich muss es für mich als historischen Glücksfall betrachten, dass sich gerade noch rechtzeitig zum beginnenden Siegeszug des Computers eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz für weinende Männer entwickelte. Aber selbst hartgesottene Nerds, die per Bluetooth auf jeder Kaffeemaschine im Vorbeischlurfen Linux installieren könnten, verzweifeln regelmäßig. YouTube ist voll mit Videos, auf denen junge Menschen mit Informationshintergrund ihre Tastaturen wegschleudern, und es wirkt selten wie der Ausdruck souveräner Beherrschung der Technologie.

In den Momenten des größten Ärgers über die Welt lohnt es, auf den Mann zurückzugreifen, der sein Mürrischsein zur Philosophie geformt hat, auf den intellektuellen Urvater von Waldorf und Statler (nur mit geringerer Gagfrequenz), auf den endzeitlich-konservativen Nach- wie Vordenker. In seinem Büchlein "Der Mensch und die Technik" schrieb Oswald Spengler 1931 neben einigem rassistisch anmutenden Zeug, dass der Mensch ein erfinderisches Raubtier sei und die Maschine die listigste aller Waffen gegen die Natur. Allerdings auch: "Der Kampf gegen die Natur ist hoffnungslos, und trotzdem wird er bis zum Ende geführt werden", denn er gehöre zur Philosophie des Lebens.

Ist das Scheitern am Gerät gewollt?

Ein hoffnungsloser Kampf, der trotzdem immer weiter geführt wird - präziser lässt sich mein eingangs erwähnter roter Faden kaum beschreiben. Genau deshalb beginnt sich eine unheimliche Furcht in mir auszubreiten: Könnte es sein, dass das Scheitern am Gerät gewollt ist? Denn in europäischen Städten besteht der Kampf gegen die Natur in der Regel aus einem eingegangenen Ficus Benjamini oder einem Notruf wegen eines vollgelaufenen Kellers und ist deshalb kaum abendfüllend.

Nach dieser Betrachtungsweise muss ich annehmen, dass der verzweifelte Kampf des Menschen gegen die Natur doch gewonnen wurde, immerhin sterben immer mehr Leute an Altersschwäche, weil die Natur sie 90 Jahre lang nicht kleinkriegen konnte. An seine Stelle tritt der verzweifelte Kampf gegen die künstliche Ersatznatur namens Technik, denn so ganz ohne verzweifelten Kampf ist man vielleicht einfach unausgefüllt. Hinweise darauf ergeben sich sowohl aus der Evolution als auch aus der Kulturgeschichte.

Es lässt sich gesichert sagen, dass sämtliche lebenden Menschen über eine unterbrechungslose Reihe von Vorfahren verfügen, die den Kampf gegen die Natur bei aller Aussichtslosigkeit zumindest lange genug überlebt haben, um sich zu vermehren. Das bedeutet, dass sämtliche Vorfahren einigermaßen gut in diesem Kampf gewesen sein müssen. Vielleicht so gut, dass sie den unbedingten Willen, gegen scheinbar Unbesiegbares kämpfen zu müssen, an ihre Nachkommen weitergegeben haben. Das würde erklären, weshalb wir uns mit der Gerätewelt einfach ein neues Konfrontationsobjekt mit Verzweiflungsgarantie suchten, als die Natur mit wasserdichten Schuhen, Pockenimpfungen und Zentralheizungen weitgehend in Schach zu halten war.

Das Gefühl der trotzigen Ohnmacht gegen die Gewalten erhält uns am Leben

Und im zentralen Bezugspunkt der westlichen Kulturgeschichte, der Bibel, findet sich in der Genesis 1, 28 die eindeutige Aufforderung: "Macht euch die Erde untertan." Dieser kulturelle Großauftrag verträgt einfach nicht die Antwort: "Okay, fertig - und was jetzt?" Obwohl das nach meiner Einschätzung zumindest in Deutschland die ehrliche Entgegnung wäre.

Also basteln wir uns den neuen unüberwindbaren Feind einfach selbst und kämpfen im Wissen der Unbesiegbarkeit aller störrischen Technologie immer weiter, weil uns das Gefühl der trotzigen Ohnmacht gegen die Gewalten am Leben erhält wie schon in den letzten 100.000 Jahren unsere Ahnen. Und wie zum Hohn entwickelt sich das Technium immer und immer weiter, um auch nur die Ahnung der Beherrschung schon nach dem nächsten Browserupdate völlig zunichtezumachen.

Immerhin entsteht auch im Rahmen der fortwährenden, demütigungssatten Versagensgeschichte vor der Technik Großes: Ich bin recht sicher, dass mein Wutschrei 2007 wegen eines W-Lan-Routers bis heute das einzige von Menschen hergestellte Geräusch war, das man vom Mond aus hören konnte.

Mein Scheitern am Gerät ist nicht nur der rote Faden meines Lebens, sondern vielleicht der rote Faden des Lebens selbst. In der Sekunde, in der ich sogar in den kritischen Randbereichen der Technologie keinen Widerstand mehr spüre und mir selbst die Einstellung der Fernsehprogramme in der richtigen Reihenfolge gelingt, wird mein Überlebenswillen verlöschen, und ich sinke tot nieder oder springe im Allmachtswahn aus dem Fenster. So schwer es mir fällt - mit meinem peinlichen Versagen beim Versuch der Installation neuer Tastentöne auf einem Allerweltshandy werde ich leben müssen, denn ohne kann ich nicht leben.

Aber es gibt Schlimmeres, vermutlich.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Michael Giertz, 29.06.2011
1. Drei goldene Regeln
Zitat von sysopFahrkartenautomaten, Computer, Kaffeemaschinen - technische Geräte sind immer öfter so komplex, dass man an ihrer Bedienung scheitert. Sascha Lobo kommt sich mitunter vor wie in einem stockfinsteren Riesenlabyrinth. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,771171,00.html
Drei goldene Regeln: 1. Handbuch lesen 2. Handbuch NOCHMAL lesen 3. Den ENGLISCHEN Teil vom Handbuch lesen 1. Weil man da vielleicht rausfindet, wie das Gerät funktioniert 2. Weil man beim ersten Mal Lesen nicht alle Informationen erfasst hat 3. Weil die grottigen Japanisch-über-Englisch-zu-Deutsch-Übersetzungen unverständlich sind, das Englische aber meistens recht fehlerfrei daherkommt ... Und wenn das im Falle des Fahrkartenautomaten nicht funktioniert: einfach mal bei den Leuten beschweren, die mit Waben, Regionen, Quadraten, Abschnitten, Bezirken und anderem Käse in abgesteckten Claims rechnen (Regionalverkehrverbände) oder bei der Bahn, die irgendwann das praktische Kilometertarifsystem abgeschafft hat und einen undurchsichtigen Tarifdschungel anbietet. Der Automat selbst ist nämlich eher leicht zu bedienen, aber wenn die Menüführung aufgrund der o.g. Punkte undurchschaubar ist, kann man nichtmal mit einer Zwei-Knopf-Eingabe irgendwas erreichen ...
Mondaugen 29.06.2011
2. Fehlende Kundenorientierung
Als durchschnittlich technisch interessierter, durchschnittlich alter Mitbürger stelle ich fest, dass die Bedienungsanleitungen immer kundenunfreundlicher werden. Dabei lese ich zu meinem Glück Englisch ebenso fließend wie Deutsch, so dass mir häufig gar nicht auffällt, wieviele unnötige Fremdwörter das Verständnis zusätzlich erschweren, vor allem für Menschen, die sich nicht täglich in Fremdsprachen bewegen.
mbschmid, 29.06.2011
3. Genau!
Zitat von Michael GiertzDrei goldene Regeln: 1. Handbuch lesen 2. Handbuch NOCHMAL lesen 3. Den ENGLISCHEN Teil vom Handbuch lesen 1. Weil man da vielleicht rausfindet, wie das Gerät funktioniert 2. Weil man beim ersten Mal Lesen nicht alle Informationen erfasst hat 3. Weil die grottigen Japanisch-über-Englisch-zu-Deutsch-Übersetzungen unverständlich sind, das Englische aber meistens recht fehlerfrei daherkommt ... Und wenn das im Falle des Fahrkartenautomaten nicht funktioniert: einfach mal bei den Leuten beschweren, die mit Waben, Regionen, Quadraten, Abschnitten, Bezirken und anderem Käse in abgesteckten Claims rechnen (Regionalverkehrverbände) oder bei der Bahn, die irgendwann das praktische Kilometertarifsystem abgeschafft hat und einen undurchsichtigen Tarifdschungel anbietet. Der Automat selbst ist nämlich eher leicht zu bedienen, aber wenn die Menüführung aufgrund der o.g. Punkte undurchschaubar ist, kann man nichtmal mit einer Zwei-Knopf-Eingabe irgendwas erreichen ...
Oder wie ich zu sagen pflege: "Wer lesen kann, hat echte Vorteile auf dieser Welt. Wer es dann auch noch tut ..."
bellisp 29.06.2011
4. Die Inhaltslsoigkeit
des Herrn Lobo ist auf Dauer nicht mehr zu ertragen. Einst ein Meister des Wortes schafft er es nun mit Phrasendrescherei par excellence zu beglü...strafen. Es wird Zeit für eine Pause, Herr Lobo, bevor wir demnächst an dieser Stelle noch etwas über Raststättentoiletten lesen müssen.
markus_wienken 29.06.2011
5. .
Zitat von MondaugenAls durchschnittlich technisch interessierter, durchschnittlich alter Mitbürger stelle ich fest, dass die Bedienungsanleitungen immer kundenunfreundlicher werden. Dabei lese ich zu meinem Glück Englisch ebenso fließend wie Deutsch, so dass mir häufig gar nicht auffällt, wieviele unnötige Fremdwörter das Verständnis zusätzlich erschweren, vor allem für Menschen, die sich nicht täglich in Fremdsprachen bewegen.
Ein weiterer Punkt ist der Preis, ich habe mir vor 10 Jahren einen Panasonic Videorecorder gekauft, soweit ich mich erinnere war er nicht ganz preiswert (Mama: Sohn wie kannst du nur so viel Geld...grins), die Anleitung ist aber gut zu verstehen. Meine Eltern ahben sich 1/2 Jahr Später eine preiswerten Aldi Videorecorder gekauft. Mehr als die Basisprogrammierung war da selbst für mich nicht drin, um Aufnahmen zeitgesteuert zu programmieren ist zum einen von der Menüführung extrem umständlich und auch die Bedienungsanleitung war da sehr kompliziert. Muss nicht bei jedem Gerät so sein aber meiner Erfahrung nach sind die teueren Geräte oftmals bedienerfreundlicher.
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