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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Vermeintes Gelände

Im Netz tobt der Meinungsterror: Seit dem Erfolg der sozialen Medien wird von Internetnutzern ständig verlangt, eine Meinung zu haben. Dabei ist das, will man es richtig machen, eine Kunst. Zeit für ein Recht auf Meinungslosigkeit, meint Sascha Lobo.

Regelmäßig diagnostizieren Kritiker das nahende Zivilisationsende durch die Reizüberflutung des Internets. Ihnen kann man mit Clay Shirky begegnen: "Informationsüberlastung bedeutet Filterversagen", wer sich überfordert fühlt, lässt zu viel an sich heran.

Wie bei anderen Medien muss man lernen, die neuen Filter zu bedienen. Wer zitternd vorm Zeitungskiosk steht, weil er glaubt, alles lesen zu müssen, ist ebenso verloren, wie jemand, der beim Fernsehen das Gefühl hat, genau in diesem Moment die 40 anderen Kanäle zu verpassen.

Eine andere Überforderung des Internets aber erfordert aufwendigere Lösungen als die Anpassung der Filter: der Meinungsterror im Netz. Das Internet ist von Beginn an sowieso stark vermeintes Gelände, aber seit dem Erfolg der sozialen Medien wird unablässig gefordert, gefälligst eine Meinung zu haben. Über zwei Millionen Websites haben den Like-Button von Facebook eingebunden und verlangen auf jeder Unterseite (auch über dieser Kolumne) einzeln aktive Gutfinderei: "5 people like this. Be the first of your friends."

Jeder YouTube-Clip bietet den gehobenen und den gesenkten Daumen sowie die Speicherung in den Favoriten. Schon der Begriff Favorit, der sich von Twitter bis YouTube im Netz durchgesetzt hat, belegt den Wandel zur Meinung: Bookmark wäre neutral, Favorit impliziert eine (positive) Meinung. Dieses technisch vorangetriebene Meinungsmelken des Publikums hat auch absurde Folgen - das apokalyptisch anmutende Tsunami-Video: Hurra, Favorit! Die Meldung über soundsoviele Tote im aktuell tickerbeherrschenden Konflikt: Like! Da wirkt die deutsche Variante "Empfehlen" angenehm neutral im Vergleich.

Bewertungsplattformen für wirklich alles von Ärzten bis zum Zeppelinflug meinungsverseuchen den letzten Rest unbemeinter Öffentlichkeit. Wenn je ein Slogan für Social Media gesucht wird, eignet sich das Buddha zugeschriebene Zitat: "Menschen mit Meinungen laufen herum und behelligen sich gegenseitig".

Die eigene Meinung vertreten und Meinungen Dritter provozieren

Fast jedes Medium möchte auf zwei Arten Meinungsmedium sein: die eigene Meinung vertreten und Meinungen Dritter provozieren. Und auch unter diesem Artikel steht neben anderen Aufforderungen: "Sagen Sie Ihre Meinung!" Ausrufezeichen!

Auch hier ließe sich einwenden, dass es sich um ein Filterproblem handele. Aber das blendet den entscheidenden Unterschied zur Informationsflut aus, nämlich das soziale Element. Hinter den Meinungsforderungen der Meinungsmenschen stecken oft Familienangehörige, Freunde, Kollegen - Leute also, von denen man zu abhängig ist, um sie aus dem sozialen Medienleben ungestraft zu verbannen. Der bis eben Katzenfotos betrachtende und deshalb auf das Unbill der Welt unvorbereitete Nutzer wird durch die Einladung in die Facebook-Gruppe "Rettet die niedlichen Robbenbabys vor der Abschlachtung!" unversehens mit einem komplexen Meinungsbildungsprozess konfrontiert. Die soziale Komponente des Internets verstärkt den Druck, sich gefälligst eine Meinung zu bilden und öffentlich zu dokumentieren. Der Informationsflut kann man filternd aus dem Weg gehen. Aber jeder kennt Leute, die irritiert sind, wenn man auf ihr derzeitiges Herzensanliegen auch beim dritten Mal nicht reagiert. Weshalb sie es im Netz zustimmungsheischend und damit meinungsterrorisierend formulieren.

Der soziale Druck zur Meinung im Netz ist im Kern wirtschaftlich begründet. Nutzer von Amazon und Ebay empören sich, wenn man seine Meinung über den Verkaufsvorgang nicht äußern möchte. Denn sie hängen davon ebenso ab wie etwa Gastwirte von Bewertungsplattformen. Meinungen werden im Netz so aggressiv abgefragt, weil sie Geld bringen. Bereits aus oberflächlichem Interesse wird mit technischen Tricks wie dem Like-Button eine Meinung destilliert, die Meinungen werden gebündelt und als Empfehlung verpackt - und die Empfehlung ist eines der stärksten Marketing-Instrumente überhaupt. Das ist nicht erst seit dem Internet so, kein Werbespot ist für den Kauf einer Waschmaschine so wirkungsvoll wie der dahingeworfene Halbsatz der Tante, sie habe mit Miele immer gute Erfahrungen gemacht. Aber das soziale Netz hat die Meinungserhebung aus kommerziellen Gründen perfektioniert und intensiviert - mit der Folge eines Meers von Kollateralmeinungen in allen, auch nichtkommerziellen Bereichen.

Die Kunst der Meinung ist recht zeitaufwendig

Nur leider ist die Kunst der Meinung recht zeitaufwendig, wenn man sie ernsthaft betreiben wollte. Und hauptberuflich Inhaber einer Meinung zu sein, bleibt unbezahlt, wenn man nicht gerade Kolumnist ist. Sogar die erwähnte Tötung niedlicher Robbenbabys ist nicht so eindimensional, wie man es sich angesichts der wirklich sehr niedlichen, in Menschenbabyfrequenzen quiekenden Fellwürstchen wünscht. Welche Robbenbabys wo retten und weshalb nur die niedlichen? Handelt es sich um organisiertes Abschlachten oder um uralte Kulturhandlungen von Eskimos? Wo genau liegt der Unterschied zu den deutlich seltener beklagten Massentötungen von Fischbabys? Und wer von denen, die jetzt "Like!" rufen, hat eigentlich Schuhe aus Kalbsleder? Noch komplizierter wird eine einigermaßen fundierte Meinung in der Weltpolitik, wo die Öffentlichkeit ohnehin auf eine vorgefilterte und propagandaverschmierte Wissensbasis zurückgreifen muss. Auch dieses Problem existierte lange vor dem Netz, nur fehlte da die ständige Aufforderung zur öffentlichen Meinung: Gaddafi kaputtbomben - vier deiner Freunde finden das gut, was meinst du so?

In einer komplexen Welt ist es keine Schande, sich sogar bei moralisch oder faktisch eindeutig erscheinenden Situationen nicht entscheiden zu wollen, wenn es sinnvolle Argumente sowohl dafür als auch dagegen gibt. Was abseits von Rassismus, Sexismus und Rosenkohl fast immer der Fall ist. Und selbst eine Meinung, die den eigenen Ansprüchen vorläufig genügt hat, kann und darf sich relativieren, zum Beispiel wenn direkt Betroffene vor einem stehen oder Vollidioten mit der gleichen Meinung.

Wie die Informationsflut ist die Meinungsflut nichts grundsätzlich Schlechtes. Öffentliche Meinungsbildung ist die Aufgabe aufgeklärter Gesellschaften, politische Meinungen sind die Grundlage der Demokratie. Aber mit zunehmender Zahl und Intensität der Meinungsabfragen wird ein selten verwendetes Instrument wichtiger: die ohne Scham vorgetragene Meinungslosigkeit. Es existiert ein Recht darauf, keine Meinung zu haben. Dabei handelt es sich nicht um zynisches Egalfinden, denn es erfordert Mut und ein Minimum an Kenntnis, qualifiziert keine Meinung zu haben. Diese Fähigkeit ist notwendig in Zeiten, in denen bereits der Kauf eines Brötchens im Supermarkt als Meinungsäußerung interpretiert wird.

Nicht der oft geforderte Dislike-Button auf Facebook fehlt dem sozialen Netz. Stattdessen bräuchten die Nutzer einen Button, der sagt: "Ich habe das zur Kenntnis genommen, aber bin im Moment aus verschiedenen Gründen nicht willens oder in der Lage, mir dazu eine nach meinem Maßstab ausreichend fundierte Meinung zu bilden." Man könnte ihn der Kürze halber Aha-Button nennen. Weil abgefragte Interessen und damit Meinungsäußerungen aber das Kapital der Social Networks darstellen, ist ein solcher Button kaum zu erwarten. Umso wichtiger, dass er in den Köpfen der Nutzer entsteht, benutzt und vor allem von anderen akzeptiert wird.

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1. Ungünstig platziert, aber IMO richtig
Libita 25.05.2011
LIKE! Mal etwas ernster: der Link auf dieses Forum ist mit "Sagen Sie Ihre Meinung!" Ausrufezeichen! untertitelt. Soviel dazu. Abgesehen davon hat er (meiner MEINUNG nach) recht.
2. Danke.
pflanzenfresser 25.05.2011
... oder auch: Aha. Danke.
3. Nur wer Stellung bezieht,
Erich Gengerke, 25.05.2011
Zitat von sysopIm Netz tobt der Meinungsterror: Seit dem Erfolg der sozialen Medien wird von Internet-Usern ständig verlangt, eine Meinung zu haben. Dabei ist das, will man es richtig machen, eine Kunst. Zeit für ein Recht auf Meinungslosigkeit, meint Sascha Lobo. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,764734,00.html
kann auch formulieren, was er möchte. http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1466590/
4. Filter
Meckermann 25.05.2011
---Zitat--- Eine andere Überforderung des Internet aber erfordert aufwendigere Lösungen als die Anpassung der Filter: der Meinungsterror im Netz. ---Zitatende--- Nein, eigentlich erfordert sie das nicht. Ich z.B. lasse sämtliche Like-Buttons von Adblock Plus aus dem Netz filtern.
5. Lateinkenntnisse helfen manchmal...
ottoloewin 25.05.2011
"Schon der Begriff Favorit, der sich von Twitter bis YouTube im Netz durchgesetzt hat, belegt den Wandel zur Meinung: Bookmark wäre neutral, Favorit impliziert eine (positive) Meinung. Dieses technisch vorangetriebene Meinungsmelken des Publikums hat auch absurde Folgen - das apokalyptisch anmutende Tsunami-Video: Hurra, Favorit!" "Favorit" kommt aus dem Lateinischen von favor, favoris m: Gunst, Begünstigung, andächtige Stille, Beifall im Theater. "Andächtige Stille" passt doch wunderbar, was regen Sie sich so auf, Herr Lobo? ;)
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