S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Warum soziale Netzwerke sich nicht durchsuchen lassen

Von Sascha Lobo

Wer suchet, der findet - außer bei Facebook, Twitter und Co. Die Suchfunktionen der Social Networks sind jämmerlich schlecht, die Ergebnisse grenzen an digitale Arbeitsverweigerung. Womöglich sind die schwachen Leistungen sogar Absicht.

Auf der Suche nach der beliebtesten Internet-Plattitüde findet man direkt neben einem rechtsfreien Raum eine Bemerkung, die selbst Internetkennern eine Spur zu leicht über die Lippen geht: "Das Internet vergisst nichts." Wie ein Kaugummi hat sich diese Betrachtung im öffentlichen Meinungsteppich festgetreten, das Bundesministerium des Innern hat vermutlich eingedenk dieses Spruchs einen Wettbewerb mit dem Titel "Vergessen im Internet" ausgeschrieben.

Allerdings sieht die Realität des Internets etwas differenzierter aus. Denn immer größere Teile des Netzes bestehen aus sozialen Netzwerken, wo alle denkbaren, undenkbaren und auch sonstige Daten eingestellt werden. Für die These, das Internet vergesse nichts, müssten ja gerade diese Daten ansteuerbar, also durch eine wie auch immer geartete Suchfunktion erreichbar sein, selbst wenn man weder einen Nebenjob als Facebook-Administrator noch einen Staatstrojaner zur Hand hat.

Aber gerade soziale Netzwerke glänzen fast sämtlich durch eine außerordentliche schlechte Suchfunktion. Dass bei Facebook überhaupt "search" im Eingabefeld steht, grenzt an Irreführung der Nutzer. Zum Thema "Angela Merkel" etwa findet sich eine ausgesprochen kleine Hand voll erratischer Ergebnisse, nämlich ganze fünfzehn öffentliche Postings aus den letzten anderthalb Tagen. Nun ließe sich mit einigem schlechten Willen noch argumentieren, 99,9% der Nutzer hätten ihre Privacy-Einstellungen entsprechend gesetzt, damit ihre Merkel-Postings unauffindbar bleiben. Oder die zwanzig Millionen deutschen Facebook-Nutzer seien völlig unpolitisch, wenn es nicht gerade um die Rückkehr von Guttenberg geht.

Aber wie sieht es mit Twitter aus, dem hyperpolitischen Netzwerk auf Speed? Besser, aber auch schlecht. Twitter hat 2011 die früher passabel funktionierende Suche unter der Adresse search.twitter.com abgeschaltet. Geblieben ist die äußerst unzuverlässige, eingebaute Suche in der Seite: Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass die Startseite von SPIEGEL ONLINE in den letzten drei Tagen weltweit genau dreimal auf Twitter verlinkt wurde, und zwar ausschließlich von einem amerikanischen Account mit 77 Followern?

Eine Suche, die man als digitale Arbeitsverweigerung werten muss

Ist vielleicht einfach die Suche technisch wesentlich komplizierter, als es von außen scheint? Mit einem Blick auf Google Plus sollte sich diese These überprüfen lassen. Das aufstrebende soziale Netzwerk wurde schließlich von der digitalen Suchinstanz schlechthin aufgebaut, von der Firma, deren Name zum Verb für die Suche geworden ist. Aber die Suche unter "allen Nutzern" von "überall her" nach dem Begriff "Dschungelcamp" fördert bei Google Plus zwischen dem 10. und 16. Januar 2012 sagenhafte vier Beiträge zutage. Im gleichen Zeitraum, in dem deutschsprachige digitale Medien ziemlich genau 3.000 Beiträge veröffentlicht haben - laut Google News. Wenn also sogar eine Suchmaschinenfirma in ihrem eigenen sozialen Netzwerk eine Suche anbietet, die man als digitale Arbeitsverweigerung werten muss - dann bleibt nur die Schlussfolgerung: Die Suche in den großen, sozialen Netzwerken ist absichtlich so schlecht, dass sie durch einen zufälligen Serverbrand vermutlich verbessert würde.

Besonders bemerkenswert ist das, weil Google Anfang Januar 2012 das wichtigste Produkt des Hauses, die qualitativ noch immer kaum erreichte Internetsuche, mit dem sozialen Netzwerk Google Plus verband. Fortan wird die normale Suche stark durch die Aktivitäten der Kontakte auf dem sozialen Netzwerk beeinflusst. Diese Strategie ist viel diskutiert und riskant - aber zeigt vor allem, dass soziale Netzwerke und die Suchfunktion der Zukunft kaum zu trennen sind. Nichts anderes beschreibt der Trendbegriff "Social Search". Und so lassen sich bizarrerweise von außen, mit der normalen Google-Suche, inzwischen Inhalte auf Google Plus finden, die für die interne Suche unsichtbar sind. Warum also scheint diese Social Search ausschließlich nach außen zu wirken, warum sind soziale Netzwerke kaum durchsuchbare Schwarze Löcher?

Soziale Netzwerke lenken Aufmerksamkeit nach innen auf die eigenen Server

Die vermutlichen Antworten verraten einiges über die Zukunft des Internets, von der kaum jemand bezweifelt, dass sie "social" sein wird. Google ist mit dem Anspruch groß geworden, die Informationen der Welt zugänglich zu machen, und hat damit das freie und offene Netz geprägt. Suchmaschinen lenken Aufmerksamkeit nach außen ins Internet - soziale Netzwerke aber eher nach innen auf die eigenen Server, sie arbeiten an einem möglichst geschlossenen Ökosystem der Aufmerksamkeit.

Das lässt sich deutlich auf Facebook erkennen, wo die Suche nach "Dschungelcamp" per Returntaste gleich ganz ohne Auswahlmöglichkeit direkt auf eine entsprechende (inoffizielle) Facebook-Seite führt. Vielleicht hat deshalb auch Twitter die Suche nach den plattformeigenen Hashtags (Suchstichworten) verbessert, die Restsuche jedoch verschlechtert: Hashtags sind Links auf die eigene Seite und führen niemals weg von Twitter. Und auch Google freut sich, wenn Anzeigen auf der eigenen Plattform neben nutzergenerierten Inhalten geschaltet werden können und deshalb keine Erlöse mit irgendwelchen Medien geteilt werden müssen.

Der wichtigste Unterschied jedoch dürfte sein, dass eine offene Suche die Autonomie des Nutzers stärkt. Die Suche führt weg vom erwünschten linearen Medienkonsum. Ohne Suche muss jeder, der etwa auf Facebook Aufmerksamkeit generieren will, ständig aktiv sein; ohne Suche werden nur Inhalte gefunden, die soeben gepostet wurden. So zwingt das Netzwerk seine Werbekunden zur unaufhörlichen Aktivität, zur andauernden Investition in die eigene Facebook-Seite.

Und schließlich schwächt die Suche das Vorschlagswesen. Vorschläge aber sind die Währung aller sozialen Netzwerke: Sie wachsen durch Vorschläge (von Freunden), sie bleiben in Betrieb durch auffordernde Vorschläge zur Veröffentlichung ("What's on your mind?"), sie verdienen Geld durch Vorschläge (von Produkten). Suchergebnisse degradieren einen Fremdvorschlag zur Nebensache, denn Suchergebnisse sind nichts anderes als Vorschläge nach selbstdefinierten Kriterien. Die Suchlosigkeit der sozialen Netzwerke ist daher eine kalkulierte Entmündigung der Nutzer, sich Informationen nur so zuzuführen, wie das Netzwerk es vorsieht. Und damit ein Schritt, die an sich so sinnvollen sozialen Medien zum dysfunktionalen Nichtschwimmerbecken des Internets zu machen.

tl;dr

Die Suche in sozialen Netzwerken ist absichtlich schlecht gehalten, um das gewünschte Nutzungsschema zu erzwingen.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Social Networks unentbehrlich für demokratische Bewegungen
susaz 17.01.2012
So negativ sollte man die Social Networks nicht bewerten, da genau diese den Protest gegen autokratische Regime, wie beispielsweise in Tunesien, erst ermöglicht haben: Die Revolution ist ausgebrochen – mit Hilfe des Internets | SÜDAFRIKA – Land der Kontraste (http://wp.me/pNjq9-2Q2). Die Durchsuchfunktion ist dann wirklich eine sekundäre Problematik, oder sehe ich nur das so ?
2. Häh?
joey2312 17.01.2012
Also ich weiß ja nicht, was der gute Herr Lobo da anders gemacht hat, aber bei mir ergibt die Suche nach "Dschungelcamp" (warum auch immer man danach suchen sollte) mit den Parametern "Google+-Beiträge" "von allen Nutzern" einen unzählbaren Wust an Beiträgen, wahlweise nach Zeit oder Relevanz sortiert. Somit wäre das angebliche Beispiel für bewusste Arbeitsverweigerung seitens Google also als Unsinn entlarvt, schließlich ist die im Vergleich zu Twitter oder FB exzellente Suchfunktion einer der Hauptvorteile von Google+. Fazit: steile These, aber zumindest bezogen auf Google komplett daneben.
3.
zwiebacksaege 17.01.2012
Zitat von susazSo negativ sollte man die Social Networks nicht bewerten, da genau diese den Protest gegen autokratische Regime, wie beispielsweise in Tunesien, erst ermöglicht haben: Die Revolution ist ausgebrochen – mit Hilfe des Internets | SÜDAFRIKA – Land der Kontraste (http://wp.me/pNjq9-2Q2). Die Durchsuchfunktion ist dann wirklich eine sekundäre Problematik, oder sehe ich nur das so ?
Dass die Proteste ohne soziale Netzwerke nicht stattgefunden hätten ist eine gewagte These oder? Nur weil sie dafür genutzt wurden schliesst nicht aus, dass es auch andere Kanäle gegeben hätte...
4. ...
zwiebacksaege 17.01.2012
Dass die Proteste ohne die sozialen Netzwerke nicht möglich gewesen bzw. stattgefunden hätten ist eine gewagte These. Nur weil sie dafür genutzt wurden, heisst nicht, dass es ohne sie nicht andere Möglichkeiten / Kanäle gegeben hätte...
5. .
Methados 17.01.2012
Zitat von sysopWer suchet, der findet - außer bei Facebook , Twitter und Co. Die Suchfunktionen der Social Networks sind jämmerlich schlecht,*die Ergebnisse*grenzen*an digitale Arbeitsverweigerung.*Womöglich sind die*schwachen Leistungen*sogar Absicht. Facebook, Twitter und Co.: Warum*soziale Netzwerke sich nicht durchsuchen lassen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Netzwelt (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,809520,00.html)
für fatzebuch & co gilt: es ist umsonst da DU das produkt bist mit dem der hersteller geld verdient. nur deswegen. also verhalte dich entsprechend.
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Facebook: Das Weltnetz
Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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