S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Wem Google+ wirklich Konkurrenz macht

Googles neues Netzwerk ist eigentlich kein soziales, es ist mit einer ganz anderen Intention aufgebaut worden als Facebook. Warum das so ist und wem Google+ wirklich ins Gehege kommen wird, erklärt Sascha Lobo.

Für kompetitiv veranlagte Personen muss er die wandelnde Hölle sein, denn Drehbuchautor Aaron Sorkin ist zwei Genies. Das erste analysiert die gesellschaftliche Realität und gelangt zu bestechend klaren Ergebnissen. Das zweite Genie fabriziert daraus eine Geschichte, die Zuschauern mehr über die Wirklichkeit sagt als die Wirklichkeit. Zwei Folgen von Sorkins grandioser Präsidenten-Serie "West Wing" vermitteln ein besseres Gefühl für amerikanische Politik als hundert Pressekonferenzen und tausend Tweets vom Weißen Haus. 2010 hat Sorkin mit "The Social Network" die Geschichte von Mark Zuckerberg und Facebook erzählt. Folgt man dem Film, dann ist die Urmotivation von Facebook die vermutlich älteste Motivation überhaupt: ein Junge möchte Mädchen kennenlernen. Er programmiert eine Plattform, auf der sie selbst einstellen, was ihn interessiert, Bilder und Informationen von sich. Die DNS von Facebook ist sozialer Kitt.

Ende Juni 2011 startete Google die Plattform Google+. Vordergründig scheint es sich um einen ähnlich gestalteten Konkurrenten für Facebook zu handeln. Google+ hat dieses Label auch aus der Hoffnung bekommen, der weltweite Massenmarkt für Social Networks möge nicht nur aus Facebook bestehen. Aber Google+ ist kein Facebook-Konkurrent. Google+ ist eine Medienrevolution im Pelz eines Facebook-Konkurrenten. Die DNS von Google+ ist nicht aus den sozialen Bedürfnissen eines Jungen erwachsen, sondern intelligent designt. Die Urfrage von Facebook, die jeder Nutzer durch seine Aktivitäten fortwährend beantwortet, lautet: Wer bist Du? Die Urfrage von Google+ lautet: Was interessiert Dich?

Der Planet Social Media

Stellt man sich Social Media als Planeten vor, mit den Hemisphären Social und Media, hat Facebook seinen Ursprung eindeutig am sozialen Pol. Es hat bloß ein paar Jahre lang den medialen Pol mitbeherrscht, vermutlich in Ermangelung eines echten Konkurrenten. Tatsächlich aber ist Facebook zur Verteilung von medialen Nachrichten nur mäßig gut geeignet. Die Ursachen dafür beschreibt Kathrin Passig im Essay "Sümpfe und Salons": Die Beziehung der Nutzer ist auf Facebook zwangsweise gegenseitig und sozial begründet. Aber wirklich nicht alles, was Freunde veröffentlichen, ist als medialer Inhalt interessant. Dazu filtert Facebook den News-Feed nach erratischen Algorithmen. Es passt für soziale Informationen, wenn man nur jedes dritte Babyfoto der befreundeten Ersteltern mitbekommt. Für klassische Nachrichten ist es nicht optimal: eine subjektiv relevante, aktuelle Information - ein Aktienkurssturz oder ein Unfall auf der A5 - wird allenfalls zufällig wahrgenommen, weil sie für die Friends völlig egal ist, aber das vielkommentierte Wurstbrotfoto taucht ständig auf.

Google+ hat das seit Jahren nicht weiterentwickelte Konzept von Twitter als Nachrichtenkanal mit selbstwählbaren Quellen von einer einzelnen Plattform auf das gesamte Netz übertragen. Es könnte Twitter damit auf sehr hohem Niveau in die ewige Nische verbannen. Diese Medienrevolution von Google+ besteht neben sozialem Beischmuck aus zwei Teilen:

  • Sparks - zum Stream weiterentwickelte Google Alerts samt Google News. Die Sparks könnten sich publizistisch gesprochen zu den Ressorts des Internets mausern. Auf einen Klick sind dort thematische Nachrichten abzurufen, für die Einrichtung genügt die Angabe eines Themas oder Suchbegriffs. So erklärt sich die auf den ersten Blick rätselhafte Abwesenheit einer inhaltlichen Suchfunktion durch die Sparks.
  • Circles - Gruppen, in die man seine Kontakte sortiert. Weil die Kontakte anders als bei Facebook nicht gegenseitig sein müssen, hat Google+ weniger mit "Social" zu tun und mehr mit "Media". Auf Google+ sind Kontakte eher Informationsquellen und weniger soziale Verbindungen, auf Facebook ist es umgekehrt. Die Sollbruchstelle ist, ob Google+ aus der Nerd-Ecke in den Mainstream gelangt - Facebook hat die Welt nicht über technische Early Adopters erobert, sondern über soziale.

Google+ ist damit eine geschickte Annäherung an die Zukunft der Medienrezeption, in der Nachrichten aus allen möglichen Quellen zusammengeführt werden, aus der Wirtschaftsredaktion eines kanadischen Webmagazins bis zur malaysischen Foto-Bloggerin. Sortiert und verbreitet werden diese Quellen von einem sozialen Filter aus Multiplikatoren, frei von sozialen Zwängen thematisch geordnet zusammenklickbar. Google+ entspricht der personalisierten, sozialen, interaktiven Redaktion für jedes denkbare Ressort.

Ringe, sie zu binden

Dazu kommt neben der perfekten Integration in Googles mobiles Betriebssystem Android die Einbindung bestehender Dienste, funktional ist Google Mail schon Teil von Google+, wenn man statt eines Circles eine Nachricht nur mit einer einzelnen Person teilt. Zur Verschmelzung bieten sich Blogger und Picasa an, sowie das unterglückte Buzz, Wave und der Google Reader. Das alles hat mit einem Social Network nach dem Zuschnitt von Facebook wenig zu tun, zielt aber auf dieselben Werbebudgets, die undifferenziert dem Buzzword "Social Media" folgen. Diese Budgetverschiebung erklärt den Handlungsdruck von Google und die Nervosität von Facebook.

CNN-Chef Jon Klein glaubte im März 2010, Facebook sei der wichtigste Konkurrent für sein Nachrichten-Netzwerk. Google+ könnte Facebook von diesem vorläufigen Social-News-Thron stoßen. Die meisten Medien scheinen noch nicht realisiert zu haben, dass sie damit Google News auf sozialem Speed vor sich haben - nach ihren eigenen Maßstäben also einen Konkurrenten. Google+ kann als sozialer Frontalangriff auf die Sortierfunktion professioneller Redaktionen verstanden werden. Was wohl passiert, wenn sich das in verlegerischen Gefilden herumspricht? Und wenn Google neben den thematischen Streams Anzeigen schaltet, die auch auf der Seite der ursprünglichen Quelle hätten stehen können?

Der größte Unterschied zwischen Google und Facebook ist nämlich die Fähigkeit, Geld zu verdienen. Google setzt pro Nutzer 24 Dollar im Jahr um, Facebook nur vier - obwohl Facebook 2010 mit einer Billion Anzeigen angeblich ein Viertel der Display-Werbung im US-Netz auslieferte. Mit Google+ wird sich ein Leviathan weniger im sozialen Netz, als in der werbefinanzierten Medienwelt erheben - wenn Google+ nicht durch Fehlentscheidungen vermyspacet.

Es bleibt die Frage der Beziehung zwischen Facebook und Google+ auf mittlere Sicht. Für den Moment hat der Internet-Experte Eric Kubitz eine hübsche Analogie gefunden: Google+ sei Facebook für Erwachsene. Aaron Sorkins Einschätzung wird im Film durch Mark Zuckerberg beschrieben: "Die Leute wollen online ihre Freunde auschecken, warum nicht eine Website bauen, die das anbietet? Ich meine, das komplette soziale Erlebnis […] online zu stellen." Genau das wird auf Facebook auch weiterhin stattfinden, der Planet Social Media ist längst groß genug für zwei Plattformen. Google+ ist darauf angelegt, weniger das soziale als das komplette mediale Erlebnis im Netz zu bieten - selbst zusammengestellt. Denn auf Facebook ist man, Google+ macht man sich.

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Auf den Punkt gebracht
RaoulLübeck 06.07.2011
Vielen Dank für diese Betrachtungsweise, schnörkellos und differenziert. Das verständlichste , was ich bis dato zumThema gelesen habe.
2. Sehr interessant
goeck 06.07.2011
Also ich muss mich als Google Fan outen :-) Bin schon sehr gespannt wie Google+ sich entwickelt. Für mich scheint es von der Funktionsweise auf jeden Fall etwas interessanter als Facebook zu sein... Man wird aber wohl zweigleisig fahren müssen.(Das ist etwas nervig)
3. Na super,
pfzt 06.07.2011
Nachrichten also? Die weltweit ewig gleichen copy&paste dpa/ap Meldungen also nochmal wiedergekäut? Nein danke! Es reicht mir schon das auf jeder deutschen Newsseite zu lesen, dann lieber auf Facebook das Foto vom Wurstbrötchen :-)
4. Mir gefällt...
Mart.n 06.07.2011
... Google+ bisher wesentlich besser als FB, jedoch ist dort einfach kaum was los. Das mag einerseits den Circlen geschuldet sein, die automatisch die gesichtete Aktivität jedes einzelnen eingrenzt. Andererseits ist es halt einfach auch eine Ecke komplizierter als Facebook, wo man nach dem Anmelden einfach direkt losschreiben kann. Bis man zu dem Gedanken gelangt, dass man die Details des Junggesellenabschieds vom Wochenende eben nicht seinen Kollegen offenlegen möchte, vergeht eine Weile. Google+ ist daher hauptsächlich für Leute geeignet, die ihre Privatsphäre schützen möchten (das im Zusammenhang mit Google zu sagen ist schon komisch genug ;) ). Ich wage die Behauptung, dass sich der Großteil der Online-Bevölkerung entgegen dem von Datenschützern & Presse vermittelten Katastrophenszenarien einfach nicht um die eigene Privatsphäre schert. Und die es doch tun, werden sich sicherlich auch nicht extra bei Google registrieren. Zur Zeit ist daher Google+ noch ein Spielzeug für Early Adopters und "Heavy User". Ich bin gespannt, ob es Google gelingt, hier noch etwas mehr Druck aufzubauen. Die Twitter-Funktionalität ist mir auch schon aufgefallen, aber da Twitter in Deutschland schon kaum genutzt wird (außer natürlich im Blogging-, Presse- und Businessbereich), wird dies auch eher im amerikanischen Raum für Google interessant werden.
5. Guter Zusammenschrieb
helmar 06.07.2011
Ich sehe das ähnlich. Mit Facebook ist es nur bedingt vergleichbar. Was mir im Artikel noch fehlt ist das "soziale Skype". In Google+-Termini "Hangout". Die Funktion hat auch einige mögliche Sprengkraft, was Organisation von Kommunikation angeht. Vor allem die Einfachheit ist bestechend.
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