S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wenn Surfer auf der Datenautobahn brausen

Wir surfen im Internet, weil es für diese neue Technik keine besseren Begriffe gibt: Metaphern erschließen uns die digitale Welt - doch die scheinbar harmlosen Formulierungen suggerieren eine Wohlfühlwirklichkeit,  die es gar nicht gibt, warnt Sascha Lobo.


Es fängt damit an - wieder einmal - dass die Welt kompliziert ist. Zu kompliziert. Das war schon immer so, aber die digitale Vernetzung hat sie dazu noch beschleunigt, genauer gesagt: die Veränderung der superkomplizierten Welt beschleunigt. Es ist dem Einzelnen unmöglich, alle relevanten Details der digitalen Sphäre auch nur zu kennen, geschweige denn, deren komplexe, sich wandelnde Zusammenhänge insgesamt zu verstehen. Das Internet bleibt für alle für immer neu, im Netz ist jeder Tag Murmeltiertag.

Um sich das Neue besser erklären zu können, haben sich kluge Leute vor langer Zeit eine Reihe von sprachlichen Instrumenten ausgedacht, allen voran die Metapher. Das gesellschaftliche Verständnis des Internet - und vermutlich aller Technologie - wurde von Anfang an durch Metaphern geprägt. Die Bibliothekarin und Autorin Jean Polly erfand in einem Universitätsjournal im Jahr 1992 die Internet-Metapher surfen.

Spätestens seit dieser Zeit gilt neben dem Weltall die nautische Begriffswelt als Standard der Internet-Erklärung: das Wort Netz selbst, der Browser Netscape Navigator oder die browserähnliche Situation Internet Explorer. Auch eine andere Großmetaphorik der Internet-Erklärung geriet damals ins öffentliche Bewusstsein: die Verkehrsmetapher. Die Datenautobahn und der nerddeutsche Begriff Traffic - ebenso wie das berüchtigte Stoppschild als volksnahe Bezeichnung für Ursula von der Leyens Netzsperren.

Welterklärung für Internet-Anfänger

Selbst wenn aus wissenschaftlicher Sicht letztlich alles Sprechen metaphorisch sein mag: das Beispiel des Stoppschilds im Netz steht mustergültig für die Gefahren der auf Eingängigkeit gebürsteten Metapher für das Internet. Öffentliche Diskussion und Politik sehnen sich nach simplen Erklärungen, dafür werden metaphorische Sprachbilder benutzt - aber Metaphern beweisen nichts. Metaphern funktionieren nur als Welterklärung für Anfänger. Insbesondere für das überkomplexe Internet.

Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg und Autor des famosen Blogs Sprachlog, sieht die Gefahr der Metapher im gedanklichen Transfer: "Wir übertragen mit diesen Wörtern auch die Logik der betreffenden Erfahrungsbereiche auf das Internet." Und das ist um so gefährlicher, je weniger die prägenden Kräfte in Unternehmen, Medien und Politik vom Internet verstehen. Die Einstiegsdroge Metapher verleitet zum simplizistischen Weltbild und dazu, Zusammenhänge zu konstruieren, die nur für die Metapher, aber nicht in der Realität funktionieren. Mit zunehmender Tiefe der Diskussion um das Internet erweist sich die Metapher als immer weniger tauglich.

Die Ambivalenz der Metapher in der Internet-Erklärung wird flankiert von einer anderen Gefahr. Das Publikum neigt dazu, zu glauben, was sich gut anhört. Es zimmert sich selbst eine mediale Wohlfühlwirklichkeit. Die von Werbung und PR durchwirkte Öffentlichkeit ist darauf konditioniert, Wohlformuliertes, Wohlfrisiertes und attraktiv Dargebotenes eher zu beachten. Stefanowitsch vermutet hier ein Äquivalent zur erwiesenen Tatsache, dass "Menschen unter bestimmten Umständen eher sympathischen als unsympathischen Menschen Glauben schenken".

Eine der weltweit erfolgreichsten Werbeagenturen, McCann-Erickson, hat ein Credo, das die Arbeit der Überzeugung und des Glauben Schenkens beschreibt: "Truth well told" - die Wahrheit, aber gut erzählt. Die Agentur verwendet ihn seit 99 Jahren. Zu Recht, dieser Sinnspruch ist aus Werbersicht genial. Er ermöglicht, geschmeidig am Kern einer Wahrheit vorbeizukommunizieren, sich anschließend mit einem Robbenbaby die Stiefel zu polieren und sich dabei wohl zu fühlen. So lässt sich Wodka als fettarm anpreisen oder Atomkraft für den geringen CO2-Ausstoß loben. "Truth well told" ist ein Euphemismus für Euphemismen.

Das Methadon des Nachdenkens

Der Slogan offenbart die Anfälligkeit der Öffentlichkeit für zielgerichtete Schönrednerei, die einen ärgerlich großen Teil der Diskussion um Netz, Gesellschaft und Politik ausmacht. Das grimmeprämierte Blog neusprech.org von Kai Biermann und Martin Haase deckt solche Formulierungen mit eingebauter Ideologie auf. Schon in den beiden Funktionen von Martin Haase - auch er Professor für Sprachwissenschaft und Vorstandsmitglied des Chaos Computer Club - lässt sich die in der Öffentlichkeit dramatisch unterschätzte Macht der Sprache auf die Technologie erkennen. Neusprech.org existiert, weil die Autoren in der gezielten Erschaffung und Verwendung von Euphemismen und Metaphern einen politischen Akt der Verschleierung sehen. Die Verbindung zwischen Metapher und Politik in der digitalen Sphäre ist offensichtlich: Wer wollte im Straßenverkehr die Notwendigkeit eines Stoppschilds anzweifeln? Warum sollte im Internet ein Stoppschild dann etwas Schlechtes sein?

Es gibt Begriffe und Sätze, die sich fantastisch anhören, aber totaler Unsinn sind. Man kann Weltsichten, Bücher und sogar Kolumnen mit solchen Sätzen konstruieren. Schlimmer ist, wenn sie einen verborgenen Sinn mitbringen und per Definition Politik prägen: Sprache ist Macht, die Deutungshoheit ein Machtinstrument. Das mag als banale Erkenntnis erscheinen, aber auf den dahinterstehenden Mechanismus fällt man auch als sachkundige Person herein, wenn man sich nicht ständig selbst sensibilisiert.

Das Netz selbst ist eine Verbreitungsmaschine, die dem Einfachen, Naheliegenden, geschmeidig Funktionierenden den Vorzug gibt. Das gilt im Prinzip für alle Medien, weshalb die Metapher, das Symbol der Einfachheit in der Erklärung, so erfolgreich ist. Nachdem sie aber sinnvollerweise den Zugang zur Materie erleichtert hat, verändert sich die Funktion der Metapher - und überträgt die angenehme, leicht konsumierbare Vereinfachung fatalerweise auch auf das Denken. Metaphern für die Internet-Erklärung taugen nur, wenn sie vorsichtig und im vollen Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeit eingesetzt werden. Denn Metaphern sind das Methadon des Nachdenkens über Technologie. Dieser Vergleich ist zwar völlig verbogen und irreführend, aber genau das ist ja das Problem.

tl;dr

Obwohl Metaphern sinnvoll sind, um Neues greifbarer zu machen, ist es gefährlich und falsch, sie als Denkmodell zu benutzen.

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Bayrischer Atheist 26.10.2011
1. Zustimmung...
Gut erklärt, wenn auch etwas holprig für jemand, der schon länger keinen Deutschunterricht mehr besucht hat auf dem Gymnasium :-) Aber Politik und Wirtschaft sind ja die größten Metaphern-Abonnenten, um Kunden/Wähler zu suggerieren, selbst das beste zu vertreten/verkaufen etc. Der neue Kinderjoghurt mit 40% weniger Fett (aber 40% mehr Zucker); ist eines der vielen Paradebeispiele.
Edelweiß 26.10.2011
2. Gefällt mir
Das wollte ich schon lange mal sagen ;-)
kphilipp 26.10.2011
3. Metaphern und Werte
Neu-Sprech ist kein Phänomen des Internets (Hitler hat es betrieben, Klemperer, Orwell und Huxley in ihren Büchern beschrieben). Gefährlich ist es in allen Bereichen, weil es - wie im Artikel gut beschrieben - Sicherheiten suggeriert, die nicht geboten werden können. Kommt zur gezielten Veränderung der Worte noch eine Verschiebung der Diskussionsbasis von der Fakten- auf die Werteebene dazu (wie ds in den USA ganz massiv der Fall ist und bei uns auch zunehmend betrieben wird http://karinkoller.wordpress.com/2011/09/22/hat-jede-medaille-zwei-seiten/ ), dann wird es richtig gefährlich. Die Leute werden dann beinahe aktiv daran gehindert, sich Gedanken über die Welt zu machen. Es ist gut, wenn jemand auf diese Probleme der Weltbildverzerrung aufmerksam macht.
Leser161 26.10.2011
4. Sehr schön!
Wieder einmal wurde etwas was viele Leute tief drinnen wussten, nämlich das es nicht egal ist, wie man Dinge benennt, kompakt und einleuchtend erklärt. Danke!
rumpel84 26.10.2011
5. titel
Titel: Volker Pispers erklärt das Stoppschild im Internet korrekt: "Anhalten, gucken ob keiner kommt und weiterfahren". Weiteres schönes Beispiel ist der Begriff "sparen", der von der Politik völlig pervertiert wurde. Hieß es früher, überschüssiges Geld an die Seite zu legen, benutzt es die Politik schon, wenn lediglich weniger Schulden gemacht werden. "Kürzen" klingt auch wesentlich schlimmer.
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