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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: "Wer nicht meiner Meinung ist, muss dumm sein"

Die deutsche Internetszene überschüttet die "ahnungslosen Offliner" regelmäßig mit Spott, Häme und Verachtung. Das darf nicht sein, findet Sascha Lobo - und beginnt mit der Kritik bei sich selbst.

Genau in diesem Moment läuft etwas auf sehr ungünstige Weise falsch.

Ärgerlicherweise bin ich Teil davon, denn es handelt sich um die Internetszene in Deutschland. Gibt es die überhaupt? Wer dazugehört, würde laut 'nein' schreiben, mit vielen ironischen Ausrufezeichen, durchsetzt von noch ironischeren Einsen. Aber es gibt die Internetszene, das ist leicht an denen zu erkennen, die offensichtlich nicht dazugehören. Von außen betrachtet besteht sie aus vielleicht 50.000 Leuten: diejenigen, die irgendwie zur Diskussion um die digital vernetzte Sphäre beitragen und das Leitbild eines freien und offenen Internets vertreten.

Ein häufiges Argument der Internetszene gegen ihre Existenz oder den Begriff ist, dass die entsprechenden Leute viel zu unterschiedlich seien. Aber das sind sie nicht, im Gegenteil. Wenn die vielen Veranstaltungen, Blogs, politischen Aktivitäten und medialen Diskussionsbeiträge auch nur ansatzweise ihr Bild widerspiegeln, ist die Internetszene mehrheitlich männlich, mitteljung, gebildet und abgeleitet von den Namen erscheint der Anteil derjenigen mit Migrationshintergrund bedrückend gering.

Diese Entwicklung der Internetszene hat viel mit der Entstehung des Netzes zu tun und mit der Art, wie Technologien sich in der Gesellschaft ausbreiten. Damit könnte man umgehen - wenn ebendiese Internetszene die schmerzlich fehlende Diversität überhaupt als Problem erkennen würde. Das ist nicht der Fall. Stattdessen herrschen problemverschärfend Gruppendenken und Abschottung. Nirgendwo drückt sich das deutlicher aus als in der ungeheuren Hybris der Netz-People gegenüber allen anderen. Nicht nur, dass wir viel zu oft vergessen, dass noch immer fast die Hälfte der Bevölkerung mit dem Internet nichts zu tun hat. Wir ignorieren auch unsere Abhängigkeit von den Leuten, die wir mit Spott überschütten und denen wir oft mit Häme und Verachtung begegnen. Wenn wir sie überhaupt beachten, die Ahnungslosen, die Internetausdrucker, die Offliner.

Den meistbeklatschten Vortrag der re:publica, der wichtigsten Konferenz der hiesigen Internetgemeinde, hielt der IBM-Angestellte Günter Dueck. Einer der Kernsätze dieses Vortrags war die rhetorische Frage: "Glauben Sie nicht, wenn jemand eine Krankheit hat, dass er dann zehnmal mehr weiß nach zwei Stunden surfen als sein Arzt?" Ähnlich formuliert Dueck es auch noch für Anwälte und Lehrer. Weniger intellektuelle Berufe in Autowerkstätten oder an Service-Schaltern verspottet er wegen ihres "hilflosen Blicks" auf den Bildschirm und verkündet: "Diese Berufe sind wirklich nicht nötig."

Abgesehen von der asozialen Komponente und der grotesken Verhöhnung von Ausbildung, Professionalität und Wissenschaft kann man Günter Dueck nur bedingt einen Vorwurf machen: Ich halte selbst häufig Vorträge und weiß, wie gut Anbiederung beim Publikum ankommt. Die Zuhörerschaft vor Ort und im Netz aber, die Essenz der deutschsprachigen Internetszene, war in weiten Teilen begeistert. Dieser Vortrag, in dem erklärt wird, wie dumm und überflüssig alle anderen sind und wie man mit ein bisschen googeln alles besser weiß als Profis auf ihrem Gebiet, hat auf YouTube 523 positive Bewertungen und 6 negative: 98,87% Zustimmung. Ein erschütterndes Symbol für die Ekelhaftigkeit unserer Haltung gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung.

Auf einem Medienkongress hat Jürgen Doetz, CDU-Politiker und Vorstand eines Privatsenderverbands, "faschistoide Tendenzen" der re:publica ausgemacht. Das erscheint unfair, wenn man die Intention der Veranstalter und das Programm der Konferenz kennt - sie sind getrieben von exakt gegenteiligen Motiven. Aber dieser flapsig hingeworfene Satz rührt daher, dass wir, die deutsche Internetszene, uns viel zu oft benehmen wie digitale Herrenmenschen.

"Wer nicht meiner Meinung ist, muss dumm sein"

Viel zu oft transportieren wir in Diskussionen: "Wer nicht meiner Meinung ist, hat nicht nur unrecht, sondern muss dumm sein." Wir sind so sehr von der weltverbessernden Wirkung der digitalen Sache überzeugt, für die wir kämpfen, dass uns der Sinn für Diplomatie und Überzeugungskunst nicht nur abgeht, sondern von vielen für überflüssig gehalten wird. Selten würden wir uns mit weniger als der Maximallösung einverstanden erklären. Und das Schlimmste: Es kommt uns eigentlich viel eher darauf an, unsere Überlegenheit zu beweisen als eine Wirkung zu erzielen.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht, aber ich habe eine Vermutung. Hochmut und Häme sind oft Anzeichen von mangelndem Selbstwertgefühl. Denn wir sind schwach. Wir sind medial präsenter und lauter als fünf Dutzend Lobbyverbände zusammen, aber von der Substanz her sind wir schwach. Das liegt unter anderem daran, dass die digitale Gesellschaft keine professionelle Vertretung hat - der gleichnamige Verein ist lobenswert, aber drei Monate alt und scheint nicht gerade überfinanziert. Der Chaos Computer Club füllt die schmerzhafte Lücke in der deutschen Öffentlichkeit mit vollem Recht nur widerwillig, er ist schließlich nach eigenem Empfinden eine Hackervereinigung. Und die Piratenpartei tritt - vermutlich auch wegen ihrer Nichtdiversität - noch immer zu separatistisch und alleinseligmachend auf. Auch wenn hier ein Lob angebracht ist, denn die aggressive Diskurshitze gegenüber Andersgläubigen hat seit 2009 spürbar abgenommen.

Es gibt kaum Digital-Intellektuelle mit öffentlicher Wirkung

Unsere Schwäche hängt auf fatale Art mit unserem Abschottungswillen zusammen, der uns kleiner macht. Und es kommen weitere Punkte hinzu. Zum Beispiel, dass man die deutschen Internetunternehmer von Weltrang an einer Hand abzählen kann, selbst wenn man 30 Jahre lang im Sägewerk gearbeitet hat. Zum Beispiel, dass Deutschland als eines der wenigen Industrieländer die Phase übersprungen hat, in der Blogs zum Diskussionsinstrument einer digitalen Intelligenzija wurden. Dementsprechend gibt es in diesem Land kaum Digital-Intellektuelle mit öffentlicher Wirkung. Im Jahr 2010 betrug die Zahl der diskursrelevanten Bestseller aus Deutschland zur Digitalen Sphäre null. Das ist traurig. Natürlich tragen wir daran nicht allein die Schuld, aber ich halte diesen bitteren Umstand in erster Linie für ein Angebotsproblem.

Die Auswirkungen sind deutlich spürbar: Ich würde jede Wette eingehen, dass ungefähr einhundertmal so viele Durchschnittsbürger die Pendlerpauschale treffend erklären können wie die Netzneutralität. Die politischen Folgen lassen sich in einer Demokratie erahnen: In unseren Augen essentielle Punkte für die Zukunft der digitalen Welt gerinnen zur politischen Verhandlungsmasse.

Bei aller kritisierenswerten Hybris der Netzgemeinde muss man jedoch zumindest erwähnen, dass die gegnerischen Kräfte ab und zu aus eigenen Interessen unsachlich, populistisch oder sogar inhaltlich falsch argumentieren. Das sollte man nicht verharmlosen - es entspricht aber bei Interessengruppen eher dem Normalfall. Unser Diskussionsverhalten sollte deshalb nicht nach der dritten Provokation entnervt in die Hochmut abgleiten, wenn wir tatsächlich etwas erreichen wollen.

Wer populiert, verliert

Ausdrücklich beziehe ich diesen Punkt ebenso wie die gesamte Kritik auch auf mich. Mir fällt es wie vielen diskussionsfreudigen Mitgliedern der Internetszene viel zu schwer, bestimmt, aber eben freundlich die gleichen Argumente wie bei den einhundert Konfrontationen zuvor zu präsentieren und auf eventuellen Populismus gerade nicht populistisch oder lulz-heischend zu reagieren. Ärgerlicherweise gibt es dazu vermutlich keine Alternative: Wer populiert, verliert. Hugo Ball, Dadaist und Autor, schrieb 1919 in "Zur Kritik der Deutschen Intelligenz" über die Reformation - eine der größten gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten 500 Jahre in Deutschland - ein paar Sätze, die er aus dem Erfolg Martin Luthers ableitete: "Als deutscher Prophet muß man laut schreien und deutlich reden. Denn das Volk ist schwerhörig. Unendliche Wiederholungen weniger Gedanken verfehlen schließlich ihre Wirkung nicht. "

Die deutsche Internetszene ist alles andere als ein Prophet. Aber wir sind für die deutsche Öffentlichkeit gleichzeitig Symbol, Überbringer und Vermittler der digital vernetzten Welt. Oder besser: Wir könnten es sein, denn wir machen unseren Job bisher miserabel. Unseren Job? Ja. Die meisten Experten - nicht nur unsere - sind überzeugt, dass wir uns auf dem Weg in die vernetzte, digitale Gesellschaft befinden. Und aus unserem Kreis, aus der Internetszene, müsste sich eigentlich genau die digitale Intelligenz rekrutieren, die öffentlich darüber nachdenkt, wie dieser Weg aussehen kann. Dafür müssten wir unsere trotzige und Gegentrotz erzeugende Impertinenz ablegen und mit der Offenheit, die wir unablässig einfordern, auf die gesamte Gesellschaft ohne Herablassung zugehen.

Und wenigstens damit beginnen, was Hugo Ball so beschrieben hat: "Eine der wichtigsten Aufgaben der Intelligenz ist es, den Blick der Nation dorthin zu lenken, wo die großen Ideen herkommen; Raum zu schaffen für diese Ideen und dem Lauf der Geschichte mit tausend offenen Sinnen knapp auf den Fersen zu folgen."

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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1. Meinungsmonopol
Quagmyre 22.06.2011
Zitat von sysopDie deutsche Internet-Szene überschüttet die "ahnungslosen Offliner" regelmäßig mit Spott, Häme und Verachtung. Das darf nicht sein, findet Sascha Lobo - und beginnt mit der Kritik*bei sich selbst. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,769717,00.html
Das trifft nicht nur für die Internet-Szene zu, sondern für alle Mainstream-Medien. Auch den Spiegel. Wer nicht politisch korrekt ist, z. B. nicht an den menschgemachten Klimawandel und das Gute in der EU glaubt, oder daran, dass Deutschland sowieso Schuld an allem ist, wird ja auch als dumpf abgestempelt.
2. Schöner Text...
maxmovie77 22.06.2011
...finde ich.
3. Danke...
hamkon1 22.06.2011
... Herr Lobo. Ein wahres Wort zur rechten Zeit. Nirgends so viele Klugscheißer wie in Internetforen. Und nirgends so viel ungedecktes Selbstbewusstsein.
4. Höchst Menschlich
Revan 22.06.2011
Das Bedürfnis nach Abgrenzung ist ein höchst menschlicher Mechanismus und hat mit der "Internet-Szene" rein gar nichts zu tun. In dem man sich bzw. seine Gruppe von den "Anderen" abgrenzt, definiert man sich überhaupt erst selbst. So funktioniert nun einmal das soziale Wesen Mensch, egal ob im Fussballverein, einer Clique oder als Mensch einer bestimmten Nation oder Kultur. Auffällig ist dabei auch, dass diese Abgrenzung immer am lautesten von denen vorgenommen wird, die es am meisten nötig haben. Die grösste Aggressivität gegen "Einwanderer" hat zb die Schicht direkt darüber, weil dort die Angst am Grössten ist sozial abzustürzen. Wer selbstbewusst und optimistisch in sich ruht, hat diese Abgrenzung weniger nötig. Das herabwürdigen von Menschen die nicht Online sind, ist daher auch im Internet eher das Zeichen von Menschen die angestrengt hopsen müssen um überhaupt Beachtung zu finden. Auch bei den Hunden kläffen ja vor allem die kleinen Köter, die haben es eben nötig ;-) Auch mir ist das schon öfter negativ aufgestossen, gerade auch im Zusammenhang mit der Diskussion um Google Streetview war das sehr auffällig. Da spielen sich 19 Jährige auf, als ob sie die Weisheit der Welt gefressen hätten und stellen die Generation unser Eltern als Idioten dar, nur weil diese nicht mehr Online ist - dabei hat diese Generation Weltkriege und Währungskrisen mitgemacht und besitzt weit mehr Lebenserfahrung als jeder dieser "Kläffer".
5. Und dies ausgerechnet vom Spiegel!
nitram1 22.06.2011
Dem Mainstreammedium mit dem Über-Gutmenschengewissen, dass zufällig immer das richtige ist und wehe einer ist anderrer Meinung oder beruft sich gar auf die einfache Wahrheit! Primitive Propaganda, wie meist, leider!
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