Von Konrad Lischka und Jörg Breithut
Normalerweise arbeiten Freiberufler so: Sie einigen sich mit ihrem Auftraggeber auf den Umfang ihrer Arbeit und auf einen Preis, dann legen sie los. Der Publizist Jonathan Tasini hat gut fünf Jahre lang nicht über sein Honorar verhandelt, nun fordert er es ein: Tasini verlangt für 216 von ihm bei der "Huffington Post" veröffentlichte Texte in einer Sammelklage Schadensersatz. Die Nachrichtenseite habe zwar nie Bezahlung versprochen, die Blogger aber zugleich über ihre Gewinnabsichten getäuscht.
Sollte das Gericht Tasinis interessanter Argumentation folgen, hätten alle US-Web-Angebote ein Problem, die Nutzer kostenlos mitarbeiten lassen. Der Jurist Ulrich Fülbier von der internationalen Kanzlei Orrick Hölters & Elsing erklärt: "Wenn diese Klage zum Erfolg führte, könnten sich sicher auch andere User ermutigt fühlen, in irgendeiner Weise gegen die wirtschaftlich ungeheuer erfolgreichen Social Media Networks vorzugehen." Doch Fülbier kann sich nicht vorstellen, dass die Klage Erfolg haben wird, zumindest nach deutschem Rechtsverständnis ist die Argumentation sehr dürftig.
Die Klageschrift lässt sich so zusammenfassen: AOL hat im Februar 315 Millionen Dollar für die "Huffington Post" bezahlt. Dieser Preis basiert auch auf der ungeheuren Effizienz der Seite und die resultiert aus der kostenfreien Zulieferung von Beiträgen durch gut 9000 unbezahlte Blogger. Weil beim Verkauf aus ihrer Gratis-Arbeit Profit geschlagen wurde, verdienen sie eine Entschädigung, obgleich ihnen nie eine Bezahlung zugesagt wurde. In der Klageschrift heißt es:
"Es ist betrügerisch, Inhalte mit dem Versprechen einzufordern, ein freies Forum für Ideen bereitzustellen, während in Wahrheit aus den unbezahlten Angeboten ein Produkt mit einem enormen Wert erschaffen wird."
Diese Begründung des Schadensersatzanspruchs erklärt, warum Tasini jetzt erst klagt: Der Unternehmenswert ist beziffert, es gibt einen Anhaltspunkt dafür, was die "Huffington Post" von den unbezahlten Autoren erlangt hat. Und weil sich der Wert nicht so einfach auf einen einzelnen Beitrag herunterrechen lässt, hat Tasini die Sammelklage gewählt - in der Hoffnung, dass zumindest alle Poster in ihrer Gesamtheit den Kaufpreis (oder einen Teil davon) für sich beanspruchen können.
Hat die "Huffington Post" Autoren getäuscht?
Dass er damit durchkommt, bezweifeln einige Juristen. Die größten Schwachstellen in Tasini Argumentation:
Wutrede im Tasini-Blog
Jonathan Tasini argumentiert lieber moralisch. Mit der Sammelklage will er ein Zeichen setzen. "Ehrlich gesagt ist Arianna Huffington schlimmer als jeder Bankmanager", schreibt er in seinem Blog. Die würden Mitarbeiter zumindest für ihre Arbeit bezahlen.
Bei der Klage will es Tasini jedoch nicht belassen. Er ruft alle Autoren zum Boykott gegen die "Huffington Post" auf. Außerdem solle jeder, der einen Link auf die Seite gespeichert hat, diesen löschen. Bei allen Reden solle Arianna Huffington ausgeladen werden, bis "der Gerechtigkeit genüge getan ist".
Allerdings könnte die Klage auch ganz andere Folgen haben. Der auf Urheberrecht spezialisierte US-Jurist Jimmy Nguyen erklärt dem US-Magazin " Forbes", er sehe da geringe Erfolgschancen. Die Argumentation mit der ungerechtfertigten Bereicherung sei ein Zeichen dafür, wie schwach die Klage sei: "Das ist die Art von Theorie, die man nutzt, wenn sich nichts Eindeutiges anbietet." Und wenn Tasini scheitert, könnte er einen Präzedenzfall dafür schaffen, dass es juristisch durchaus korrekt ist, Urheber nicht zu bezahlen - und ihre Werke mitsamt der Plattform zu verkaufen.
"Huffington Post" an unbezahlte Hilfsarbeiter: "Ihr seid die Zukunft"
Derweil ist die "Huffington Post" weiterhin auf der Suche nach Autoren. Für ein Bürgerjournalisten-Projekt hat die Nachrichtenseite jüngst Studenten an Universitäten umworben. Wer sich bewirbt, den erwartet ein Schreibtraining, Crowdsourcing-Projekte und die Aussicht, sich regelmäßig mit Autoren der "Huffington Post" auszutauschen. Geld gibt es nicht für den Job. Die Ausschreibung verspricht den Nachwuchsjournalisten jedoch eine erfolgreiche Karriere: "Die Campus-Reporter werden bald die Reporter von morgen sein. Ihr seid die Zukunft der Nachrichten."
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