Sammlung für Schröder: Aktion letztes Hemd

Im Web baut sich eine Flut auf, die in den nächsten Tagen über die Poststelle des Bundeskanzleramtes hereinbrechen könnte: Eine Kettenmail ruft dazu auf, Gerhard Schröder das sprichwörtliche "letzte Hemd" zu schicken. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Initiator der Aktion.

Die erste E-Mail kam am Freitag, wenige Minuten nach Mittag. Sie flatterte aus der Büroetage einer großen Bank in Frankfurt direkt ins Redaktionspostfach, nur um sich dort mit ihren wenige Minuten später eintrudelnden Geschwistern zu treffen. Um 12.03 Uhr, um 12.17 Uhr, um 15.10 Uhr, um 17.28 Uhr, in der Nacht von Freitag auf Samstag auf Sonntag auf Montag tröpfelten sie erst vereinzelt, strömten dann dutzendweise, um sich schließlich in einem gewaltigen Schwall ins Postfach zu ergießen: Die E-Mails der Aktion "Letztes Hemd".

Dahinter steckt eine typische Kettenmail ("Leitet die Mail bitte an möglichst viele Leute weiter"), diesmal aber mit einem politischen Hintergedanken: Seit wenigen Tagen ist zu beobachten, wie im deutschsprachigen Internet eine neue politische Protestform entsteht. Wörtlich heißt es in dieser E-Mail:

    "Hallo erstmal,

    es ist bald wieder Weihnachten, und da wird es langsam Zeit, sich über die Geschenke für unsere Lieben Gedanken zu machen, zum Beispiel für unseren Bundeskanzler Gerhard Schröder. Was mag der sich besonders wünschen?

    überleg
    ...klar...
    ...er will unser letztes Hemd, und das schicken wir ihm jetzt alle!!!"

Es folgt die Postadresse des Kanzleramtes. Dann wird die Mail zum Appell:

    "Macht alle mit!!!
    Jeder wird doch ein altes Hemd haben, welches er nicht mehr braucht.
    Portokosten: bis 500 g - 1,53 EUR, bis 1000 g - 2,25 EUR.


    ...dazu vielleicht ein kurzes Begleitschreiben, z. B.

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Gerhard,

    ich wünsche Dir ein frohes Fest und übersende Dir zur Erfüllung Deines größten Weihnachtswunsches - mein letztes Hemd.

    Gesegnete Weihnachtsgrüße,

    Dein Untertan"

Die Zunahme in der Zahl der "Letztes Hemd"-Mailzusendungen lässt ahnen, dass da was aufs Kanzleramt zukommen könnte. Dort ahnt man noch nichts vom eventuell drohenden Weihnachtsglück. Bisher, so die Pressestelle des Bundeskanzleramtes, habe man von dieser Kampagne noch nichts gehört.

Christian Stein: Geständiger Kettenmailer und Hemdenflut-Verursacher
Christian Stein

Christian Stein: Geständiger Kettenmailer und Hemdenflut-Verursacher

Der Verursacher: "Die kriegen ihre Hemden..."

Das kann sich Christian Stein nun wieder gar nicht erklären, und er hat da schon den Überblick: Schließlich ist er der Verfasser der Kettenmail. "Über 1000 Hemden sind schon unterwegs", sagt Stein, spürbar vom Erfolg der Aktion überwältigt. In jeder Kettenmail steht auch die Bitte, ihm doch Bescheid zu sagen, wenn wieder ein Hemd auf die Reise gehe: Viele tun dies anscheinend.

Das Ganze, versichert er, sei eine "eher spontane Aktion" gewesen, Parteimitglied sei er nirgendwo, "obwohl ich natürlich nicht zu den Schröder-Wählern gehöre".

Entstanden sei die ganze Aktion letztlich "aus einem Gespräch", nachdem er sich gedacht habe, dass alle immer nur meckerten, und niemand etwas tue. Das Web schien ihm ein logischer Ansatz: Stein arbeitet im Internet-Marketing. Jetzt plant er schon die Website zur Aktion: "Ich bekomme total viel Zuspruch. Leute schreiben mir, tolle Idee, hätte ich auch drauf kommen sollen".

Eine Firma kontaktierte ihn und berichtete, man habe noch am Freitag einen Aushang gemacht. Der Besitzer erklärte sich bereit, für 250 Hemden das Porto zu bezahlen. Mittlerweile hat er sämtliche Oppositionsparteien kontaktiert und über seine Aktion informiert. Statt umgekehrt will Bürger Stein die Parteien diesmal offenbar vor seinen Karren spannen.

Stein: "Jetzt muss man abwarten und schauen: Wer erzählt nur, und wer schickt wirklich sein letztes Hemd?"

Dienstag morgen folgt ein erstes Radiointerview, und dann bestehe die Chance, dass all das "auch offline bekannt" werde. Stein: "Es ist doch einfach unglaublich, dass man soviel bewegen kann; einfach, in dem man eine E-Mail an seinen privaten Verteiler verschickt." Jetzt, meint der frisch gebackene Selfmade-Bürgerbeweger, brauche man nur abwarten: "Das ist nicht mehr aufzuhalten, die kriegen ihre Hemden, ob sie wollen oder nicht".

Wie viel, das weiß er auch schon: "10.000 in dieser Woche werden das locker. Aber schön wäre es schon, wenn es mehr werden. So 50.000 würden passen."

Frank Patalong

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