Protest gegen Liveberichte aus San Bernardino Amerikas Muslime twittern Bilder ihrer Wohnungen

Auf der Jagd nach Bildern stürmen TV-Reporter das Apartment der Attentäter von San Bernardino. Kollegen sind schockiert, Muslime verärgert. Als Protest schicken sie nun Bilder ihrer eigenen Wohnungen an die Sender.

Mittendrin statt nur dabei: Fernsehteams stürmen das Apartment
Twitter/ Victor Blackwell

Mittendrin statt nur dabei: Fernsehteams stürmen das Apartment

Von


Mehrere Fernsehteams haben gestern die Wohnung der mutmaßlichen Attentäter von San Bernardino gestürmt. Vor laufenden Kameras durchwühlten die Reporter den Hausstand von Syed F. und Tashfeen M. Auch der Führerschein von Syed Fs. Mutter wurde vor die Objektive gehalten. Selbst Spielzeug der sechs Monate alten Tochter und muslimische Gebetsketten schienen auf einmal relevant für die Berichterstattung.

Die Live-Durchsuchung des Apartments wurde von zahlreichen Kollegen scharf kritisiert. CNN und MSNBC gefährdeten mit ihrem Verhalten das Leben unschuldiger Menschen, kritisierte beispielsweise Zeynep Tufekci, die unter anderem für die "New York Times" schreibt. "Haben alle den Verstand verloren?", twitterte sie.

Doch nicht nur Journalisten waren geschockt von den Fernsehbildern. Zahlreiche Muslime protestierten bei Twitter gegen das Verhalten und die Sensationsgier der Reporter. Unter dem Hashtag #MuslimApartment verschickten sie Bilder ihrer Wohnungen.

Die Bilder aus der Wohnung waren zuerst bei MSNBC zu sehen. Kerry Sanders, der für den Nachrichtensender vor Ort war, erwähnte in seinem Bericht, ein Reporter habe tausend Dollar für den Eintritt bezahlt. Wenig später folgte ihm Sanders in das Apartment. CNN hatte anfangs nur einen Kollegen via Telefon zugeschaltet, strahlte aber etwa 20 Minuten später ebenfalls Livebilder aus. In einem Statement rechtfertigt MSNBC sein Programm. Es sei allerdings falsch gewesen, Bilder von Ausweisen und persönlichen Dokumenten zu zeigen, heißt es dort. Auch CNN verteidigt seine Berichterstattung und spricht von einer "bewussten redaktionellen Entscheidung".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
r.kon 05.12.2015
1. Neugier,
gepaart mit Sensationslust, also die präzise Fortsetzung des allgemeinen Internetverhaltens,Konsum täglicher "Dokusoaps", genau das wird hier bedient und damit wird verdient. Kann man´s den Medien verübeln.
windpillow 05.12.2015
2. Kurt Tucholsky:
Der Zustand der gesamten menschlichen Moral läßt sich in einem Satz zusammen fassen - "Wir sollten, aber wir tun nicht."
egoneiermann 05.12.2015
3.
Klar kann man solche Excesse nun genüsslich kritisieren. Ich hoffe aber auch, dass beim beim Spiegel nach den Ereignissen in Paris und dem folgenden medialen Durchfall, wo kein Thema zu unsinnig war, dass es nicht einen Beitrag bekam, im Nachhinein eine Überlegung einsetzt, wie man zukünftig journalistischer mit solchen Ereignissen umgehen kann. Klar kann man sagen, der Focus und die Bild waren noch viel schlimmer und natürlich wollen die Leser sowas auch haben, aber irgendwie muss man sich doch - wenn man noch einen gewissen Anspruch auf Qualitäts-Jornalismus hat - auch einer Selbstbeschränkung unterwerfen. Kann natürlich sein, dass man als Leser des Spiegels von SPON da zuviel verlangt, da im Internet eben jeder Klick zählt, egal was für ein Mist auch dahinter steckt.
dgs 05.12.2015
4. Falsche Proteste
Mit Verlaub, hier gibt es deutliche Entgleisungen der Presse - das ist zu kritisieren und wird auch zu Recht kritisiert. Es darf aber nicht vergessen werden, dass hier ein vielfacher Mord, ein Abschlachten von unschuldigen Menschen geschehen ist. Dafür sollte der Aufschrei deutlich stärker erfolgen. Das kann ich leider nicht erkennen...
rkinfo 05.12.2015
5. Massenmörder und Normalbürger
Die Hitler Tagebücher fanden mehr mediales Echo als jene der Anne Frank. Es ist schlimm wenn eine große religiöse Gemeinschaft am Pranger steht wegen einzelnen Extremisten. Aber die Zuschauer interessiert das Monster nicht die Normalität. Die Nichtmuslime der Welt verdächtigen auch nicht muslimische Nachbarn. Aber sie wundern sich dass kein Aktionsplan zur friedlichen Reformation problematischer Teile im Islam entsteht. Ein kommentierter Koran mit Zeitbezügen und somit Entschärfung zum Schutz vor Mißinterpretation ist überfällig. Der Islam hat keine zentrale Führung und letztlich kann jeder unwidersprochen den eigenen Mohammed formulieren. Nicht gerade eine sicher friedensorientierte Struktur.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.