S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Verachtung kübelweise

Eine Kolumne von

Sozial, konsumorientiert und folkloreverseucht - das Internet und Weihnachten haben viel gemeinsam. Um aber das Beste aus beidem gleichzeitig herauskitzeln zu können, muss man wissen, wie. Das ist ganz einfach, wenn ein simpler, aber essentieller Fahrplan eingehalten wird.

Vorbereitung

Die allerersten Vorbereitungen für ein gelungenes Fest mit dem Netz beginnen in den sozialen Medien traditionell bereits Anfang September. Beschweren Sie sich im Tonfall einer Klage über die Steinigung Ihres Erstgeborenen darüber, dass in Supermärkten die ersten Weihnachtsdekorationen auftauchen. Spotten Sie mit dem Hochmut des Meckerpioniers über diejenigen, die erst im Oktober über Schoko-Nikoläuse lästern. Dieser Teil der Vorbereitung dient vor allem als Einstimmung auf Ihre Grundhaltung gegenüber dem Weihnachtsfest: Denken Sie immer daran, dass Ihre Einstellung dazu die einzig richtige ist. Und lassen Sie diesen Umstand alle anderen im Netz unbedingt wissen, spüren und lesen, lieber häufig als selten, lieber laut als leise, lieber auftrumpfend als dezent. Der wichtigste soziale Wert in Deutschland heißt Gerechtigkeit, für einen selbst also: Selbstgerechtigkeit.

Das Internet ist praktisch dafür geschaffen, das gesamte Publikum unter dem Vorwand eines digitalen Soziallebens zu belehren. Das heißt für die Vorbereitung des Weihnachtsfests, alle dafür geeigneten Kanäle sachkundig zu bespielen:

  • die Netzvorschule Facebook
  • den soziopathologischen Notdienst Twitter
  • die videofähige Kommentarplattform YouTube
  • die digitale Tupperparty Pinterest
  • das Betamax des Internets, Google Plus
  • die Filterfotoflatulenz Instagram
  • und natürlich Blogs, die Emporkömmlinge des Netzes.

Vorweihnachtszeit

Im Internet hat jeder das Recht, alles wörtlich zu verstehen, die Vorweihnachtszeit beginnt für den geneigten Netznutzer also am 27. Dezember. Innerhalb dieser Zeit gibt es einen festgelegten Moment, ab dem weihnachtliche Kommentare okay sind. Diese Minute legen Sie als Nabel der Weihnachtswelt selbst fest, ahnden Sie zu frühe Beiträge unerbittlich. Als Startschuss Ihrer eigenen Weihnachtskommunikation bieten sich moralinsüße Netzkommentare an: Facebooken Sie Ihre kritische Haltung zur weihnachtlichen Konsumhölle deutlich auf dem börsennotierten Werbenetzwerk. Twittern Sie von Ihrem iPhone aus über die Schlechtigkeit der markenorientierten Geschenkepraxis. Instagramen Sie ein Protestbild (mit Earlybird-Filter) gegen weihnachtliche Oberflächlichkeit.

Ihre Persönlichkeit besteht schließlich aus den Halbsätzen, witzigen Bildchen und kommentierten Links, die Sie ins Netz stellen. Und das bedeutet in der Vorweihnachtszeit, sich noch stärker sozial abzugrenzen als im Restjahr, und zwar egal auf welcher Seite Sie stehen. Kübeln Sie Verachtung aus über die Leute, die aus eigennütziger Gewissenserleichterung zu Weihnachten spenden - oder beschimpfen Sie diejenigen, die selbst zum Fest der Liebe vom Geiz zerfressen bleiben und mit pseudoethischen Ausreden niemandem etwas abgeben. Spotten Sie über das lächerliche Pathosbedürfnis der Weihnachtsfreunde - oder über die verbitterte Herzenskälte der Weihnachtskritiker.

Wahlweise können Sie sich aber auch zwischen die beiden Stühle setzen und quer durch das deutschsprachige Internet erklären, dass Ihnen Weihnachten völlig egal ist. Weil Ihnen dabei aber nicht die Weihnachtsverächter und Weihnachtsadepten egal sind, können Sie damit beiden Gruppen ihre jeweilige Verwirrung ins Gesicht rotzen. Geübte Netzweihnachtler machen aus der gesamten Jahreszeit eine grundsätzlich religiöse Frage in die eine oder andere Richtung: Wer Weihnachten feiert, rechtfertigt nachträglich und persönlich die christliche Hexenverbrennung. Wer Weihnachten nicht feiert, verachtet die Grundlage der westlichen Kultur und damit alle Errungenschaften von Aalräuchereien bis Zylinderstifte.

Was immer Sie jedoch tun oder lassen - ein vorweihnachtliches Ritual gehört zu den eisernen Pflichten der Netznutzerschaft: die offensive, unbedingte, hasserfüllte Distanzierung von "Last Christmas" der Musikgruppe Wham. Dieses eine Lied wird nie zu Ende gehen, zeigen Sie deshalb Ihre Abscheu davor noch ausdrucksstärker und nasenrümpfiger als vor Leuten, die bei Flugzeuglandungen klatschen.

Feiertage

Mit dem herannahenden Heiligabend verschieben sich die auszuwalzenden Themen im Netz in Richtung der drei großen Weihnachts-F: Familie, Fressen, Fernsehen. Am 24. Dezember posten Sie unbedingt ein Bild vom Menschengewühl im Kaufhaus oder Supermarkt. Fügen Sie einen abschätzigen Text hinzu, weil alle ihre Geschenke und Besorgungen erst im letzten Moment erledigen, so dass Sie bei Ihren kleinen Erledigungen gestört werden. Versäumen Sie keinesfalls, über Ihre Familie zu klagen und deren Unzulänglichkeiten, Streitanfälligkeit und allgemeine Unausstehlichkeit. Wählen Sie dabei den neoironischen Tonfall, der Ihr gesamtes Weihnachtsgerede durchzieht, weil Sie niemals Konsequenzen aus den hundert vorangegangenen, ähnlich anstrengend verlaufenen Festen ziehen würden - aus wohliger, selbstmitleidiger Freude daran, etwas zum Beklagen zu haben.

Mischen Sie zu gleichen Teilen nachsichtige Liebe und verächtliches Mitleid, und schnitzen Sie daraus eine Bemerkung über die fehlende Internet-Kenntnis ihrer Familie, weil ihre 104 Jahre alte Urgroßmutter das 32-stellige W-Lan-Passwort nicht auswendig aufsagen kann. Ärgern Sie sich öffentlich vor Ihren Friends über das Weihnachtsprogramm im Fernsehen, solange noch der weihnachtliche Pflichtfernsehparagraf im Grundgesetz verankert ist. Machen Sie ein Foto vom Weihnachtsbaum-Setting, aber veröffentlichen Sie es mit einem spöttischen Kommentar, damit niemand Ihre Rührung bemerkt.

Dokumentieren Sie Ihre Ernährung, und äußern Sie die Befürchtung, in drei Tagen 30 Kilo zuzunehmen. Tun Sie dabei so, als würde man Sie mit vorgehaltener Waffe zum Essen zwingen und als würden Sie die zweieinhalb Kilo, die Sie tatsächlich zunehmen werden, zu einem hässlichen, verachtenswerten Fressmonster machen. Verlieren Sie also kein Wort über den guten Geschmack, die schöne Atmosphäre, die Mühen der Kochenden und Backenden, sondern teilen Sie der Welt nur von den ermesslichen Leiden mit, die Ihnen daraus entstehen. Gerade jetzt am Weihnachtsabend gilt es, die das Jahr über aufgebaute Internet-Coolness nicht mit einer einzigen uncoolen Bemerkung wieder einzureißen.

Abschluss

In der Nachbereitung zeigt sich die wahre Qualität Ihres Umgangs mit Weihnachten im Netz. Zwischen den Jahren müssen Ihre Klagen noch etwas genervter klingen und Ihre Äußerungen in den Netzwerken noch heftiger schwanken zwischen hingebungsvollem Kitsch und hasserfüllter Ablehnung allen Weihnachtsgebarens. Quittieren Sie die Geschenksituation mit der Frage nach den Umtauschrechten auf sperrmüll24.de. Veröffentlichen Sie Fotos Ihrer Familie im Netz, die entgegen Ihres Gejammers über diverse Streits und Debakel die allergrößte Weihnachtsnormalität darstellen. Verteilen Sie großzügig Spott und Unverständnis unter denjenigen, deren Weihnachtsnormalität anders ausgesehen hat, das gelingt zum Beispiel mit verachtungsvollen Äußerungen über "vegane Gänsebraten" oder "Plastiktannenbäume" recht gut. Zur jahresabschließenden Selbstvergewisserung zeigen Sie noch einmal allen Leuten, die Sie im Internet erreichen können, dass Ihr Weihnachten das einzig wahre Weihnachten ist.

tl;dr

Weihnachten!

Anmerkung: Der Autor ist bekennender Fan von "Last Christmas" von Wham und fühlt sich als solcher seit Jahren kulturell schwerstdiskriminiert.

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insgesamt 18 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vor allem ätzen Sie
rbn 25.12.2012
über die verbohrten, rückständigen Christen, die Weihnachten erfunden haben weil sie ansonsten nicht andere Menschen manipulieren können (Ansicht all derjenigen, die nicht wissen, was Weihnachten bedeutet,nämlich die Ankunft des christlichen Prinzips der Nächstenliebe).
2.
miss_moffett 25.12.2012
Zitat von sysopSozial, konsumorientiert und folkloreverseucht - das Internet und Weihnachten haben viel gemeinsam. Um aber das Beste aus beidem gleichzeitig herauskitzeln zu können, muss man wissen wie. Das ist ganz einfach, wenn ein simpler, aber essentieller Fahrplan eingehalten wird. Sascha Lobo: Anleitung für Weihnachten im Internet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-anleitung-fuer-weihnachten-im-internet-a-874642.html)
Im letzten Teil fehlt noch das maßvoll verächtliche Bedauern derjenigen, die während der Weihnachtsfeiertage nichts besseres zu tun hatten als im Internet zu posten/twittern/facebooken. Und "Last Christmas" finde ich wunderbar. Allerdings hasse ich "Driving home for Christmas". Da kann man sich doch nur einen vorweihnachtlichen Autounfall wünschen!
3. Eine Schande
oldsaxon 25.12.2012
zu Weihnachten Kommentare zu posten :). Der Artikel ist gut. Man merkt es vor allem hier bei Spiegel online, dass viele Kommentare negativ angehaucht sind. Trotzdem noch ein schönes Weihnachtsfest.
4. Weihnachtsstress
Dr_EBIL 25.12.2012
Der muss wirklich enorm sein. Erst las ich bei SPON, dass Internethandel stark zugenommen hat, später, dass am letzte Tag angeblich das Weihnachtsgeschäft der Einzelhändler gerettet wurde. In USA tobt dazu seit einigen Jahren Bill O'Reilly's war on Christmas auf Fox News, der totale Wahnsinn. Weihnachten kann wirklich schön sein. Aber man muss sich früh darauf einstellen und sich konsequent aus dem Wahn der Zuspätkommer raushalten. Ich suche mittlerweile für Freunde das ganze Jahr über Geschenke. Ich warte oft nicht auf Weihnachten mit dem Beschenken. Wohingegen, wenn mir zu Weihnachten nichts einfällt, ist das einfach so - und spricht nicht gerade für die Tiefe der Freundschaft. Schnell eine Kleinigkeit, Süssigkeiten oder Alk, kaufen und gut ist. Leider schenken gerade alte Menschen sehr viel Schrott oder der Klassiker, man kriegt ein Geschenk und verschenkt es weiter. Das kann man alles vermeiden.
5.
mixolydisch 25.12.2012
Zitat von rbnüber die verbohrten, rückständigen Christen, die Weihnachten erfunden haben weil sie ansonsten nicht andere Menschen manipulieren können (Ansicht all derjenigen, die nicht wissen, was Weihnachten bedeutet,nämlich die Ankunft des christlichen Prinzips der Nächstenliebe).
Hat nur nie richtig funktioniert, oder? Vor allem weil die (fast dauerhaft regierenden) Parteien mit dem "C", in der Realität, genau das Gegenteil vorleben! Nun ja, Milliarden an Banken und die großen Stromanbieter zu verschenken, kann man natürlich auch als "Nächstenliebe" verstehen.
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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