S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die Burnout-Partei

Eine Kolumne von

Die Erschöpfung ist das Gefühl unserer Zeit. Der digital verstärkte Kapitalismus der Gegenwart macht uns alle fertig - insofern ist die Piratenpartei die modernste, gegenwärtigste aller Parteien: Sie durchlebt stellvertretend für alle anderen, was eine digitale, soziale Daueröffentlichkeit bedeutet.

Jede Zeit hat ihre Empfindungen. Vielleicht ist die typische Empfindung der jetzigen, digital vernetzten Epoche die Erschöpfung. Aber worin besteht der Zusammenhang zwischen Vernetzung und Erschöpfung, oder ist es bloß eine mehr oder weniger zufällige Gleichzeitigkeit? Und lässt sich eine sinnvolle, direkte Verbindung herstellen zwischen der erschöpftesten Partei des Landes, den Piraten, und dem Internet? Zwischen den Debatten um Sprachnostalgie, Antisemitismus und Sexismus ist Ende 2012 einer der wichtigsten Texte des Jahres beinahe untergegangen: "Die große, große Müdigkeit" von Nils Minkmar. Der Autor zieht darin einen elektrisierenden Vergleich: "Das späte neunzehnte Jahrhundert war das Zeitalter der Neurasthenie, und wir leben in Zeiten des Burnout." Mit den typischen Empfindungen liefert eine Zeit auch spezifische "Modekrankheiten".

Neurasthenie oder Nervenschwäche war damals wie Burnout heute keine medizinisch eindeutige Diagnose, sondern ein Symbol für wiederkehrende Probleme des Einzelnen mit der Gesellschaft. Der Historiker Joachim Radkau hat das Werk "Das Zeitalter der Nervosität" verfasst, in dem er die "von Nervosität geprägte Grundhaltung" dieser Zeit untersuchte. Als einen der Hintergründe identifizierte er die technologische Entwicklung der Moderne, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dramatischen Fortschritten geprägt: Die Eisenbahn setzte sich durch und bewegte Menschenmassen in Zuggeschwindigkeit.

Lichtgeschwindigkeit macht müde

Die Telegrafie setzte sich durch und bewegte Informationen in Lichtgeschwindigkeit. Aus den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stammen Berichte über die Telegrafen-Krankheit, eine nervöse Anspannung, die unter Telegrafisten beobachtet wurde. Die Aufmerksamkeit sei schwer gestört. Es entstehe eine große Aufregung - völlig unabhängig vom Inhalt der Nachrichten. Radkau unternimmt eine "Archäologie des Gefühls" und erkennt in der Nervosität gleichzeitig Krankheit und Kulturzustand, befördert durch die Beschleunigung in der Technik, in der Politik und in der Gesellschaft. William E. Dodge, ein Geschäftsmann aus New York, beklagte sich 1868 öffentlich, wie aufreibend die Telegrafie in seinem Alltag sei. Marktberichte würden inzwischen weltweit täglich veröffentlicht, die Kunden müssten ständig per Telegramm informiert werden. Früher habe es wenige große Warenlieferungen im Jahr gegeben, nun müsse man ständig aktiv sein und mit Geschäftspartnern korrespondieren. Früher habe der Kaufmann monatelang seine Ruhe gehabt, heute müsse er schon nach wenigen Wochen über die Liefervorgänge Bescheid wissen: "So wird er in ständiger Aufregung gehalten, ohne Zeit für Ruhe und Erholung."

Es besteht eine direkte Verbindung zwischen der Arbeitswelt, der taktgebenden Technologie und einer gesellschaftlichen Deformation. Inzwischen befindet sich die Welt in der "Ära des Informationskapitalismus", wie Frank Schirrmacher in seinem Buch "Ego" ausführt. Er zeichnet dort die großen Bögen nach, eine aus dem Kalten Krieg geronnene Ideologie zwischen Eigennutz und Marktwerdung des sozialen Lebens. Die kleineren Bögen kennt man aus eigener Erfahrung: Da ist ein Zusammenhang zwischen dem ständig zu beruhigenden Marktmonster-Kapitalismus und seinen Folgen für die Arbeit, einem digitalen Effizienzdiktat in ständiger Aufregung, ohne ab Werk mitgelieferte Rückzugsräume. Daraus ergebe sich auch die Verbindung zwischen der Vernetzung und dem Burnout.

Auf der Suche nach dem Anteil des Internets an dieser Verbindung gelangt man schnell zu den Vorreitern der digitalen Gesellschaft, denjenigen, die schon fast alles digital Vernetzbare digital vernetzt haben: zur Piratenpartei, der Partei der Erschöpften. Das klinische Wörterbuch Pschyrembel (via Wikipedia) erklärt, dass Burnout "als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden kann, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität" führt. Es gibt keine treffendere Analyse der öffentlich sichtbaren Entwicklung der Piraten. Die Piratenpartei ist eine Partei im Burnout. Im digital getriebenen Burnout.

Kirremachende Ironie des Schicksals

Das notwendige und begrüßenswerte Experiment, das diese Partei (anders als sie es selbst empfindet) nicht durchführt, sondern ist, weist über die Politik weit hinaus. Die teilweise absurden Vorgänge, die große Erschöpfung so vieler Führungsfiguren, das scheinbar dauerempörte Toben des Schwarms - es wäre zu einfach, das auf die politische Unerfahrenheit oder die Nerdigkeit der Akteure zu schieben. Es könnte viel schlimmer sein: Die Piraten zeigen, was mit gesellschaftlichen Strukturen geschehen kann, wenn man sie ins kalte Wasser des Netzes wirft. Die Piratenpartei durchlebt stellvertretend für alle anderen, was eine digitale, soziale Daueröffentlichkeit bedeutet, wenn es wirklich um etwas geht und nicht bloß um Fotos vom Frikassee im Siebziger-Jahre-Look oder die korrekte Konfiguration von Linux-Servern. Vielleicht mangelt es den Piraten an nichttechnischer Onlinekompetenz. Demnach wäre die Volksstörung Burnout nur der erste Ausläufer von den Folgen einer digitalen Gesellschaft, in denen sich die sozialen Mechanismen des Internets ungünstig kreuzen mit dem Krisenkrakenkapitalismus.

Minkmar schreibt, dass Ausgebranntsein eben keine private Empfindung sei: "Diese Müdigkeit ist ein politisches Gefühl." Er bezieht das auf die bizarrokapitalistische Ideologie, und wahrscheinlich steht diese tatsächlich im Hintergrund. Im Vordergrund, als Avantgarde der sozialdigitalen Arbeitserschöpfung, plagen sich ein paar Piraten mit der Entscheidung herum, ob die Berliner Abgeordneten so ganz ohne Parteitagsbeschluss einen Wasserkühler auf Fraktionskosten betreiben dürfen, ohne ein in Echtzeit aktualisiertes Verwendungsprotokoll ins Netz zu stellen. Dahinter steht eine kirremachende Ironie des Schicksals. Was im Kleinen lächerlich wirkt und großen Anteil am Piraten-Burnout hat - die Mühen der ständigen Transparenz und die intensive Einbeziehung der Öffentlichkeit - wäre im Großen das beste Mittel gegen die Merkelsche "marktkonforme Demokratie", die der Treiber des gesellschaftlichen Burnouts ist. Eine politische Lösung für das politische Problem Burnout wird gefunden werden müssen. Die Belastungen des Marktberuhigungskapitalismus kann man wegwählen (hoffentlich). Die Belastungen einer zehrenden, weil sozialen, digitalen, dauernden Öffentlichkeit muss man ausblenden: ganz neu, ganz radikal ignorieren lernen.

tl;dr

Burnout ist ein politisches und technosoziales Problem. Die langfristige, gesellschaftliche Lösung heißt wählen, die kurzfristige, persönliche ignorieren lernen.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Gefühl
kdshp 12.02.2013
Zitat von sysopDie Erschöpfung ist das Gefühl unserer Zeit. Der digital verstärkte Kapitalismus der Gegenwart macht uns alle fertig - insofern ist die Piratenpartei die modernste, gegenwärtigste aller Parteien: Sie durchlebt stellvertretend für alle anderen, was eine digitale, soziale Daueröffentlichkeit bedeutet. Sascha Lobo: Burnout ist ein politisches und technosoziales Problem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-burnout-ist-ein-politisches-und-technosoziales-problem-a-882781.html)
Seh ich anders! Die Die Piraten erleben jetzt real politik und nicht virtuelle wo man alles sagen kann und mit einem klick abstimmt. Wie sagt man im internet dazu 0100011011000111011
2. Burnout
Progressor 12.02.2013
Die Meinungsbildung in einer Partei kann nur von oben nach unten erfolgen, das ist zwar traurig aber wahr und hat seine Gründe: Das normale Mitglied kann und will sich nicht so in Sachthemen einarbeiten, dass eine basisdemokratische Mitabstimmung sinnvoll ist. Damit ist das zentrale Thema der Piraten entfallen. Selbstverständlich kommen noch weitere Punkte dazu: - Das Parteienrecht erlaubt eine Abstimmung über Parteirichtlinien nur über Parteitage. Internet-Abstimmung geht nicht. Und kann von den Piraten auch technisch nicht so ausgestattet werden, dass dies unanfechtbar wäre. Deshalb kann basisdemokratisch auf Parteitagen nur der abstimmen, der gerade Zeit, Lust und Geld hat zu kommen. Undemokratischer gehts nicht mehr. - Die Vorstellung der Piraten war, im Web alle Werke und alles Wissen der Menschheit kostenlos für jeden abrufbar zu machen. Das hat sich als Illusion herausgestellt. Eigene Vorschläge zum Leistungsschutzrecht stecken fest (seit Jahren). - Neue makroökonomische Vorstellungen sind von den Piraten nicht zu erwarten, da sind sie von Neoliberalen unterwandert. RIP kann man da nur sagen.
3. Wir wissen nicht,
Leberwurstpizza 12.02.2013
was der freundliche Tankwart empfiehlt. Die Piratenpartei empfiehlt gegen Burnout ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wirkt garantiert!
4. Digital-Kapitalismus
mwinter 12.02.2013
Digital-Kapitalismus ist ein schönes Wort, das den ganzen Wahnsinn der Verquickung der (von uns so gewählten) Unbarmherzigkeit eines allein auf Profitmaximierung ausgerichteten Systems mit der (naturgemäßen) Unbarmherzigkeit von Maschinenalgorithmen und Automatisierung durch Roboter und intelligente Software aufzeigt. Im Internet kommt es zur Götterdämmerung dieses Systems, aber die Frage ist nach wie unbeantwortet, ob wir die immer schneller fortschreitende Degradierung der Mehrheit der Menschen zum willenlosen Zahnrädchen im Getriebe aufhalten wollen, aufhalten können oder nicht?
5. Totgesagte leben länger! - Piraten wählen.
hoppla_h 12.02.2013
Für die Bundestagswahl müssen die Piraten in jedem Wahlkreis einen Kandidaten aufstellen und eine Zweitstimmen-Kampagne bei Protest- und Nichtwählern fahren: "Wählen gehen!" Hier in der Landtagswahl in Niedersachsen haben die Piraten viele Stimmen liegen lassen: "Rundfunk ist Ländersache!" - Die GEZ-Schnüffelei und der unsägliche Wechsel zur Haushaltsabgabe wurde nicht thematisiert. Zur BTW müssen Knallerthemen wie GEMA-Abzocke und Fehlentwicklungen beim Urheberrecht in die Diskussion. Zu Hauptthemen der Politik müssen die Piraten auch Stellung nehmen: "Arbeitsmarkt, Finanzen, Gesundheit&Familie, Aussen- und Verteidigungspolitik: In DIE Richtung denken wir!" - Z. B. "Die Verantwortung für Bildung muss weg von den Bundesländern hin zum Bund. Bessere Grobabstimmung mit EU-Ländern!"
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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