S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die Welt wird zum Flughafen

Die allgegenwärtige Überwachung führt zu einer so subtilen wie weitreichenden Verhaltensänderung: Immer mehr Menschen versuchen, sich im Netz möglichst unauffällig zu geben. Doch auf das beste Kontrollinstrument der Spione will niemand verzichten.

Eine Kolumne von


Ein zu wenig beachteter Text auf der Blogplattform "Medium.com" erklärt die Wirkung von Überwachung mit einem simplen, aber brillanten Vergleich: "Die Welt ist ein Flughafen geworden." Alle wissen oder ahnen, dass man auf einem Flughafen lieber keine schlechten Scherze über Bomben macht. Auch keine guten.

Auf einem Flughafen gibt man sich so unverdächtig wie möglich, wenn man an schwerbewaffneten Polizisten vorbeikommt. Das eigene Verhalten auf dem Flughafen ist ein guter Indikator dafür, wie sehr man sich in Situationen geschmeidig anpasst, wenn man weiß, dass es drauf ankommt. Und dass im Zweifel eine missverständliche Bemerkung oder das falsche T-Shirt große Schwierigkeiten mit sich bringen. Die ständige Botschaft des Flughafens heißt: sei so normal wie irgend möglich. Sie wird transportiert durch die sicherheitsgeprägte Atmosphäre, das grundsätzliche Misstrauen gegenüber allen Passagieren und ihren tödlichen Flüssigkeiten, durch die Mitreisenden, die Wachleute, das Schalterpersonal, die Beamten.

Diese Verhaltensänderung, diese Anpassung der eigenen, digitalen Kommunikation ist es, die den schlimmsten Schaden des Spähskandals an der Demokratie ausmacht. Es ist der Punkt, an dem Überwachung umschlägt in Kontrolle.

Am 16. Januar 2014 hat Barack Obama eine Rede zum Spähskandal gehalten, die in die Geschichte der politischen Sprache eingehen wird. Das gegenwärtige PR-Ziel der Radikalüberwacher ist Verharmlosung, die herzerwärmende Vermenschlichung des NSA-Spähapparats gehört zu den unverfrorensten und cleversten Subtilitäten dieser Kategorie: "Schließlich sind die Leute bei der NSA und den anderen Nachrichtendiensten unsere Nachbarn. Sie sind unsere Freunde und Familie. ... Sie haben Kinder auf Facebook und Instagram, und sie wissen besser als die meisten von uns um die Verletzbarkeit der Privatsphäre in einer Welt, wo Transaktionen, E-Mails und SMS gespeichert werden und sogar unsere Bewegungen immer besser per Smartphone-GPS verfolgt werden können." Ja, in der Tat, das wissen die NSA-Leute besser als die meisten. Weil sie es selbst tun. Allein diese Passage ist eine Unverschämtheit, mit deren Dreistigkeitsenergie sich der Atlantik bis kurz vor den Siedepunkt bringen ließe.

Die Essenz der Demokratie ist die Begrenzung von Macht

Die strukturell entscheidenden Sätze der Rede aber klingen beinahe nachdenklich: "... die Macht der neuen Technologien bedeutet, dass es weniger und weniger technische Grenzen unserer Fähigkeiten gibt. Das ergibt eine besondere Verpflichtung für uns, um uns harte Fragen zu stellen, was wir tun sollten."

Nein. Die Verpflichtung des mächtigsten Regierungs- und Spähapparates der Welt liegt nicht darin, sich selbst hinter verspiegelten Fassaden harte Fragen zu stellen. Die Antworten, die dabei herauskommen, hat Edward Snowden aufgezeigt. Vielmehr ist die Essenz der Demokratie die Begrenzung von Macht. Gewaltenteilung, freie Wahlen, Kontrolle durch die Presse - fast jedes substantielle Kennzeichen einer Demokratie zielt darauf, Grenzen zu setzen. Politik ist nichts anderes als die Gestaltung der Gesellschaft innerhalb der Grenzen der Macht. Obama aber erklärt implizit, dass es in Wahrheit die Technologie ist, die die Grenzen setzt. Der Rest wird im stillen Kämmerlein im Selbstgespräch verhandelt.

Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, fasste diese katastrophale Quintessenz von Obamas Rede im ZDF so zusammen: "Ich habe eine Kritik: Dürfen Geheimdienste alles, was sie technisch können? Diese Frage hat Obama im Grunde bejaht."

Präziser lässt sich der Wille Obamas nicht zusammenfassen, den tollen Tools den Vorrang zu geben vor demokratischer Kontrolle. Daraus ergibt sich direkt der Hinweis auf den Kern des Spähdebakels: ein ungleicher, völlig asymmetrischer Kampf zwischen der Macht durch Technologie und der Machtbegrenzung durch Demokratie. Dieser Kampf ist an sich nicht neu. Neu und vor allem tiefer, radikaler als je zuvor ist aber die Wirkung dieses Kampfes auf den Alltag der Zivilbevölkerung, denn er ist sehr viel näher an die Menschen herangekommen.

Die Welt ist zum Flughafen geworden

Der Kampf wird in den Jackentaschen ausgetragen. Das Smartphone als famose Premiumwanze, die jederzeit dabei ist, mit der sich das Leben einer Person fast vollständig ausforschen lässt, hat eine besondere Bedeutung. Durch die Snowden-Leaks ist klar: Die IMEI-Nummer, eine eindeutige Kennung jedes Mobiltelefons, dient bei der Überwachung gewissermaßen als persönliches Nummernschild. Damit lassen sich alle anderen Daten zuordnen.

Die Welt ist zum Flughafen geworden, weil inzwischen jeder begriffen hat, dass das Kontrollinstrument im Zweifel zum Akkuladen auf dem Nachttisch liegt und also allgegenwärtig ist. Trotz eines spürbar wachsenden Unbehagens betonen soundso viel Prozent der Bevölkerung noch immer in Umfragen, wie wenig sie sich von der Überwachung gestört fühlen, in den bundesdeutschen Fußgängerzonen scheint bisher das Geräusch millionenfachen Achselzuckens widerzuhallen.

Die Erklärung dafür findet sich auch in der erwähnten, genialen Metapher: Am Flughafen befragt, würde ja im ersten Moment auch niemand zugeben, in der Freiheit eingeschränkt zu sein. Aber für immer auf dem Flughafen wohnen? Nein danke.

tl;dr

Die Wirkung der Dauerüberwachung ist gleichzeitig subtiler und viel schädlicher, als man im ersten Moment wahrhaben möchte.

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insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
pjcomment 21.01.2014
1. Sorgfältige Beschreibung
Herzlichen Glückwunsch Herr Lobo. Sie bringen die Verbindung von Überwachung und Kontrolle und ihre Bedeutung für die Demokratie auf den Punkt. Stringent gedacht und gut formuliert. Wachsamkeit ist gefordert.
pantokrator 21.01.2014
2. eindeutig..
.. e gibt einen Zusammenhang zwischen umfassender Überwachung und diesem subtilen Gefühl das die Zeiten der Meinungs- und Bewegungsfreiheit schleichend sich verabschieden.
townsville 21.01.2014
3. Klug
Einer der besten Beiträge die ich von Lobo seit langem gelesen habe.
Leser161 21.01.2014
4. Und jetzt der Finishing Move!
Wie immer höchst präzise analysiert Herr Lobo. Was mir noch fehlt bei Ihnen ist der Vergleich zur bekannten Welt, um auch dem letzten Leugner und Ewiggestrigem die Problematik klar zu machen. Bzw. in der alten Welt ohne Internet war auch vieles technisch möglich, wurde aber nicht gemacht. So wäre es z.B. auch schon 1990 möglich gewesen einen Papier-Fahrtenschreiber in Privat-PKWs verpflichtend einzubauen. Die Papierrolle wäre dann einfach bei der jährlichen Inspektion getauscht worden. Hätte viel für die Unfallaufklärung gebracht oder für die Aufklärung von Straftaten. Wurde aber nicht gemacht. Obwohl technisch möglich. Denn nicht alle was technisch möglich ist, ist auch in Ordnung. Damals zumindest.
Klaus-Otto 21.01.2014
5. Sehr gut!
Jetzt habe ich (durchaus EDV-affin, beruflich Jahrzehnte lang Computernetzwerke entworfen, gebaut und betreut), auch mal eine Bestätigung dafür, dass ich kein Smartphone habe und auch nie eines benutzen werde. Von vielen Kollegen wurde ich deswegen belächelt, seit Snowden nicht mehr.
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