S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Der Mensch muss sein Datensouverän sein

Immer mehr Sensoren zeichnen immer mehr Informationen über uns auf, jederzeit, überall, automatisch. Datenschutz ist deshalb in Zukunft nur möglich, wenn die Datensammler den Anwendern die Hoheit über ihre Daten zurückgeben.

Eine Kolumne von


Es ist nur eine winzige Aufforderung. Vorgetragen wird sie seit Anfang 2014, nach dem Update einer der erfolgreichsten Smartphone-Apps überhaupt: "Verschieb den Schalter… Shazam wird fortlaufend nach populärer Musik in deiner Umgebung suchen." Shazam ist eine grandiose Erfindung, ein paar Songfetzen reichen, um das Musikstück per Smartphone zu identifizieren. Eine gut funktionierende Kombination von Big Data, also Mustererkennung, und intelligenten Algorithmen zur Beschreibung von Musik. Und ein Beispiel, warum nach Snowden ein neues Verständnis von Datenschutz erarbeitet und verbreitet werden muss.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist "Auto-Shazam" einleuchtend. Das Unternehmen bekommt eine Provision für jedes erkannte und danach verkaufte Musikstück. Weil die Zahl der Verkäufe von der Zahl der erkannten Songs abhängt, lohnt sich jede Erhöhung dieses Werts. Für Shazam ist es also folgerichtig, alles immer aufzuzeichnen, es könnte schließlich ein zu erkennender Song dabei sein. Und die Nutzer können ja freiwillig zustimmen. Hurra!

Dieses Shazam-Prinzip wird weiter um sich greifen, ständig alles aufzeichnen, um einen eventuell darin vorhandenen Mehrwert herauszufischen. Am Beispiel des selbstfahrenden Autos lässt sich erahnen, wie weit dieses Prinzip in den digitalen Alltag eingreifen wird: Dafür müssen alle möglichen Umgebungsdaten aufgezeichnet und ausgewertet werden. Zur Navigation, für die Fahrtsicherheit, für den Fehlerabgleich, für die Sicherheit der Umgebung.

Aber dann sind die Daten vorhanden, wie bei Auto-Shazam, mit dem das Handy zur Dauerwanze wird. Schlimm genug, aber auch zu begreifen als Vorbote einer Zukunft, in der potentiell irgendwo irgendwie alles erhoben wird. Wenn nicht von mir, dann vom Smartphone meines Gegenübers oder von einem vorbeifahrenden Auto. Eine Überwachungsautomatisierung steht bevor, und Auto-Shazam zeigt auf, was für ein neues, komplexes Problemfeld daraus erwächst.

Die große Sensorenschwemme

Die Welt wird überschwemmt mit Sensoren, deren Wechselwirkungen für die Datenerhebung noch gar nicht überblickt werden können. Über die Mustererkennung großer Datenmengen lassen sich indirekte, aber um so persönlichere Daten generieren. Das bekannteste Beispiel ist eine Untersuchung von 2009, nach der sich allein über das soziale Umfeld eines Mannes bei Facebook herausfinden lässt, ob er schwul ist - natürlich auch, wenn er das selbst nicht angegeben hat.

Datenschutz muss sich deshalb von der Vorstellung emanzipieren, man könne seine Privatsphäre schon allein dadurch schützen, dass man vermeintlich keine Daten von sich preisgibt. Diese Ansicht verschiebt die Schuld im Fall einer Verletzung von der Überwachungsmaschinerie auf die einzelne Person. Das ist fatal. Konkret lässt sich das in Diskussionen um den fortdauernden Spähskandal beobachten, in Form des Pseudoarguments "Selbst schuld, wenn du soziale Medien benutzt". Solche Sätze sind unklug, weil sie die bereits bestehende, unfassbare Datentiefe verkennen und Überwachung verharmlosen. Mit Auto-Shazam und seinen Geschwistern werden solche Aussagen vollends absurd.

In der Diskussion zur Vorratsdatenspeicherung - die, apropos Absurdität, Obama nun als Lösung des Überwachungsproblems der NSA anpreist - existiert ein Parallelargument: "Die Verbindungsdaten sind doch eh da, warum sollte man sie dann nicht länger speichern und darauf zugreifen!" Hier manifestiert sich das politische Fehlverständnis in einem Satz. Mit Auto-Shazam ist potentiell jedes Gespräch "eh da". Unabhängig von diesem speziellen, zweifelhaften und bedrohlichen Konzept muss der Datenschutz der Zukunft darauf hinarbeiten, dass persönliche Daten möglichst nicht missbraucht werden können. Auch und gerade, wenn diese "eh da" sind.

Datensouveränität braucht neue Sicherheitskonzepte

Das Konzept dafür heißt Datensouveränität und lässt sich direkt aus dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung ableiten, dem Grundrecht für eine digitale Gesellschaft, das das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil 1983 beschrieben hat. Das technische Instrumentarium für die Umsetzung ist vorhanden: Dezentralisierung, Datenverschlüsselung, Datenminimalismus.

Datensouveränität bedeutet, einem Individuum so weit wie technisch möglich die Verfügungsgewalt über die Nutzung der eigenen persönlichen Daten zu überlassen. Datensouveränität braucht zuallererst Transparenz, was wer wie und wo mit persönlichen Daten überhaupt tut, sonst lässt sich naturgemäß nichts sinnvoll entscheiden. Datensouveränität braucht ebenso Usability, weil die schönste Verfügungsgewalt für den Senkel ist, wenn man ein raumfährenhaftes Interface bedienen muss, um sie auszuüben. Und schließlich braucht Datensouveränität neue Sicherheitskonzepte, viele der alten sind durch einen radikalisierten Überwachungsapparat verseucht.

Datensouveränität ist wie so viele gesellschaftlich sinnvolle Ziele nichts, was man je vollständig erreichen könnte, und doch muss unablässig darauf hingearbeitet werden. Auf Anbieterseite bedeutet das, mit den Mitteln der Anonymisierung, Verschlüsselung und auch Löschung jede Gelegenheit zum Datenmissbrauch bereits erhobener Daten zu minimieren. Dafür ist eine für alle Unternehmen geltende gesetzliche Grundlage notwendig. Auf Seiten der Bevölkerung allerdings muss von der verbreiteten Vorstellung, man hätte das Recht auf Schutz vor Datenmissbrauch verwirkt, Abschied genommen werden, wenn man aktiv an der digitalen Gesellschaft teilnimmt. Auto-Shazam erinnert daran, dass die passive Teilnahme ebenso tief greifen kann. Die Gesellschaft ist man eben nicht allein.

tl;dr

In der vernetzten Welt muss Datenschutz weiterentwickelt werden zur Datensouveränität, um dem Ziel informationelle Selbstbestimmung zu genügen.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
gog-magog 01.04.2014
1. Sie haben ja absolut Recht, Herr Lobo
Zitat von sysopImmer mehr Sensoren zeichnen immer mehr Informationen über uns auf, jederzeit, überall, automatisch. Datenschutz ist deshalb in Zukunft nur möglich, wenn die Datensammler den Anwendern die Hoheit über ihre Daten zurückgeben. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-datenschutz-muss-weiterentwickelt-werden-a-961864.html
...aber die Politik, die wir gewählt haben, wird uns niemals Datensouveränität gewähren, weil dieser Politik nur eines wichtig ist: Machterhalt und Fähigkeit zu grenzenlosem Abkassieren. Datensouveränität ist also ein schöner Traum, aber er wird womöglich nur mit Gewalt durchsetzbar sein, z. B. in Anwendung von Art. 20, Abs. 4 GG, wenn die Politik sich weigern sollte und das willfährige politisierte Verfassungsgericht keine Klagen der Bürger darüber annimmt.
Dengar 01.04.2014
2. Lieber Herr Lobo
Ihre Überschrift dürfte getrost: "Der Mensch muss sowohl Datensouverän als auch datensouverän sein" lauten, denn viele persönliche Daten werden von viel zu vielen Menschen immer noch freiwillig preisgegeben, ohne die heute schon vorhandenen Verknüpfungsmöglichkeiten überhaupt in Betracht zu ziehen. Als Beispiele seien hier nur Guckelsuche, Payback und überhaupt das Zahlen mit EC/Kreditkarte angeführt. Ansonsten ist Ihr Artikel wie fast immer ein Glanzlicht, bitte, bitte nicht lockerlassen:-)
Newspeak 01.04.2014
3. ...
Die erwähnten Einzelpunkte sind sicher wichtig, die technischen Lösungen sicher ebenso, es ändert aber alles nichts daran, daß die Frage, ob jemand Daten eines Anderen mißbraucht vor allem eine Frage ist, die man weder gesetzlich noch technisch lösen kann. Es geht einfach (und komplizierterweise) um Anstand! Sieht man auch an historischen Situationen. Das Mädchen vom Amt konnte früher mithören, das Postgeheimnis war immer nur so gut, wie die Moral des Briefträgers und der Staat hat sich immer auf eine neue Technologie draufgesetzt und sie benutzt und eben auch mißbraucht. Nicht umsonst konnten die schlimmsten Menschheitsverbrechen ganz ohne Computer erfolgen. Heute ist vieles einfacher, vieles überhaupt erst möglich, alles im Detail vielleicht anders, aber meiner Meinung bleibt es eine Frage des Anstands und der Wertschätzung der Grundrechte. Nicht weil es technisch garantiert wird, sondern weil es sich so gehört.
tiram 01.04.2014
4. Auch Diebe bedienen sich
In Baden-Württemberg sind die Wohnungseinbrüche dramatisch gestiegen. Wer seine Daten preisgibt,übergibt dem Einbrecher die Schlüssel. http://www.focus.de/immobilien/wohnen/horror-im-trauten-heim-in-diesen-regionen-schlagen-einbrecher-am-haeufigsten-zu_id_3736071.html
fliegender-robert 01.04.2014
5.
Wie können wir uns gegen diese "Smartmeter" wehren? Bitte um konkrete & handfeste Äußerungen Herr Lobo!
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