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18. Dezember 2012, 11:56 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Warum der Begriff "Gratismentalität" Unsinn ist

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Wer das Internet und seine Nutzer kritisiert, bemüht dafür gern den abschätzigen Begriff "Gratismentalität". Zum Beispiel Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Doch dieses Wort zu benutzen, ist kurzsichtig, kontraproduktiv und kulturgeschichtsvergessen.

Bernd Neumann ist Kulturstaatsminister und pflegt, wenn man seine auf bundesregierung.de dokumentierten Reden näher betrachtet, zwei Hobbys. Zum einen hackt er mit feurigem Furor und famoser Facettenarmut auf Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger herum. Weil sie sich die Unverschämtheit anmaßt, das Internet betreffend nicht alle Gesetze sofort und auf die Art aufzuschreiben, die er, Neumann, für sinnvoll hält.

Sein anderes Hobby ist die Brachialdiagnostik. Speziell im Großraum Internet. Woanders wird diskutiert, ob "Piraterie" für Urheberrechtsvergehen nicht eine etwas überzeichnete Metaphorik ist, weil sie Gewaltverbrechen und illegales Downloaden auf eine Stufe stellt. Neumann dagegen findet, dass sich der Begriff "Internetpiraterie" zur Verharmlosung eignet. Sein Lieblingsbegriff in digitalen Kontexten aber lautet zweifellos "Gratismentalität".

Von den sieben Reden, die er 2011 und 2012 zu Netzthemen gehalten hat, enthalten sieben den Begriff "Gratismentalität", das ergibt grob überschlagen eine Quote von 100 Prozent. Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist gratismental, wenn es um das Netz geht. Sein digitaler Problemhorizont besteht aus der Unterstellung, dem gierigen, ja verschlagenen digitalen Volk sei grundsätzlich misstrauisch zu begegnen. Mentalitätsfrage, kann man nichts machen, die sind so, die Netzleute!

Lange könnte man trauern darüber, dass ausgerechnet ein Kulturstaatsminister das Netz, oder zumindest die Leute darin, als Feinde begreift. Lange könnte man beklagen, dass mit dem neumannschen Netzunverständnis ein ungeheures, digitalkulturelles Potential ungehoben bleibt. Und natürlich könnte man sich darüber empören, wie sehr Neumann das bekloppte, fatale Leistungsschutzrecht nach eigener Aussage als "überzeugter Drängler" vorantreibt. Aber neumannunabhängig ist das große Drama bereits im Begriff "Gratismentalität" selbst verborgen. Und zwar in drei unterschiedlichen, aber höchst problematischen Dimensionen.

Filesharing ist in manchen Kulturbereichen tatsächlich ein Problem, und unfair bleibt der illegale Download auch unabhängig von den beschriebenen, komplexen Gründen. Wer aber eine "Gratismentalität" insgesamt dafür verantwortlich macht, verkennt das derzeit wichtigste Geschäftsprinzip des Internets: den Verkauf von Aufmerksamkeit. Weltkonzerne wie Google, Facebook und SPIEGEL ONLINE verdienen ihr Geld mit Leistungen, die der Nutzer nur indirekt bezahlt.

Die fatale Gleichsetzung von Kultur und Kulturindustrie

Das Traurigste am Begriff "Gratismentalität" aber ist, dass er impliziert, dass nichts wert sei, was nichts koste - also die fatale Gleichsetzung von Kultur und Kulturindustrie. Natürlich braucht Kultur einen Markt, eine Industrie, eine wirtschaftliche Infrastruktur. Aber diese mit dem schöpferischen Prozess gleichzusetzen, kommt genau der Entwertung der Kreativität gleich, die Leute wie Bernd Neumann nach eigenem Verständnis zu bekämpfen glauben.

"Gratismentalität" abschätzig zu sagen, heißt damit, jeden nicht wirtschaftlich arbeitenden Kulturschaffenden herabzuwürdigen. Hinter einem abwertenden Ton des Begriffs "Gratismentalität" versteckt sich ein gruselig marktgesteuertes Verständnis von der gesamten Kultur und der Art, wie sie entsteht. Es entsteht automatisch die schlimme Gleichung: Echte Kulturschaffende seien nur die, die am Markt erfolgreich sind.

Bernd Neumann ahnt offenbar selbst, wie unsinnig der pauschale Schuldbegriff "Gratismentalität" ist. Er hat 2011 und 2012 nur eine einzige Rede gehalten, in der zwar das Wort Internet vorkam, aber nicht gleichzeitig auch "Gratismentalität". Es handelte sich um die Dankesrede, als Neumann von der Gema mit der Richard-Strauss-Medaille ausgezeichnet wurde. Bumm - die Gema existiert, damit Musikschaffende auch dann profitieren, wenn der Nutzer nicht direkt für Musik bezahlt, etwa, weil ein Lied im Radio läuft. Smells like "Gratismentalität".

tl;dr

Den Begriff "Gratismentalität" abschätzig zu verwenden, ist kurzsichtig, kontraproduktiv und kulturgeschichtsvergessen.

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