S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Warum der Begriff "Gratismentalität" Unsinn ist

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Wer das Internet und seine Nutzer kritisiert, bemüht dafür gern den abschätzigen Begriff "Gratismentalität". Zum Beispiel Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Doch dieses Wort zu benutzen, ist kurzsichtig, kontraproduktiv und kulturgeschichtsvergessen.

Bernd Neumann ist Kulturstaatsminister und pflegt, wenn man seine auf bundesregierung.de dokumentierten Reden näher betrachtet, zwei Hobbys. Zum einen hackt er mit feurigem Furor und famoser Facettenarmut auf Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger herum. Weil sie sich die Unverschämtheit anmaßt, das Internet betreffend nicht alle Gesetze sofort und auf die Art aufzuschreiben, die er, Neumann, für sinnvoll hält.

Sein anderes Hobby ist die Brachialdiagnostik. Speziell im Großraum Internet. Woanders wird diskutiert, ob "Piraterie" für Urheberrechtsvergehen nicht eine etwas überzeichnete Metaphorik ist, weil sie Gewaltverbrechen und illegales Downloaden auf eine Stufe stellt. Neumann dagegen findet, dass sich der Begriff "Internetpiraterie" zur Verharmlosung eignet. Sein Lieblingsbegriff in digitalen Kontexten aber lautet zweifellos "Gratismentalität".

Von den sieben Reden, die er 2011 und 2012 zu Netzthemen gehalten hat, enthalten sieben den Begriff "Gratismentalität", das ergibt grob überschlagen eine Quote von 100 Prozent. Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist gratismental, wenn es um das Netz geht. Sein digitaler Problemhorizont besteht aus der Unterstellung, dem gierigen, ja verschlagenen digitalen Volk sei grundsätzlich misstrauisch zu begegnen. Mentalitätsfrage, kann man nichts machen, die sind so, die Netzleute!

Lange könnte man trauern darüber, dass ausgerechnet ein Kulturstaatsminister das Netz, oder zumindest die Leute darin, als Feinde begreift. Lange könnte man beklagen, dass mit dem neumannschen Netzunverständnis ein ungeheures, digitalkulturelles Potential ungehoben bleibt. Und natürlich könnte man sich darüber empören, wie sehr Neumann das bekloppte, fatale Leistungsschutzrecht nach eigener Aussage als "überzeugter Drängler" vorantreibt. Aber neumannunabhängig ist das große Drama bereits im Begriff "Gratismentalität" selbst verborgen. Und zwar in drei unterschiedlichen, aber höchst problematischen Dimensionen.

  • "Gratismentalität" ist keine Mentalität
    In diesem Jahrtausend wurden jedes einzelne Jahr Rekorde geschrieben, was den Verkauf digitaler Güter angeht. Sehr, sehr viele Leute bezahlen im Netz. Sogar dann, wenn sie in einem Graubereich zwei Klicks entfernt oder ganz illegal ähnlich sortierte Nullen und Einsen bekämen. Natürlich gibt es Nutzer im Netz, die das nicht tun - die Gründe dafür sind aber sehr vielschichtig. Seit Jahren deutet eine Reihe unterschiedlicher Studien darauf hin, dass Filesharer - der entneumannte Begriff für Internetpiraten - vermutlich mehr Geld für Kulturprodukte ausgeben als Nicht-Filesharer. Huch? Piraten, die bezahlen? Ja, und damit die Erkenntnis, dass die komplexe und zum Teil industrieverschuldete Begründung für illegales Downloaden eben keine Mentalitätsfrage ist.
  • Kostenloser Kulturkonsum ist ein sehr altes Phänomen
    Mit der Erfindung von Büchereien ließen sich Bücher kostenlos lesen. Das Privatradio spielt für Nutzer kostenlos Musik, so wie das Privatfernsehen ohne jede Nutzergebühr zu empfangen ist. In anderen Ländern sind gedruckte Gratiszeitungen selbstverständlich. Es scheint, als wäre es ein wiederkehrendes Phänomen des Kulturmarkts: Jede erfolgreiche Produktgattung entwickelt wirtschaftlich betriebene, kostenlose, legale Varianten. Bei der Beschreibung der vorhandenen Probleme der Kulturindustrie stimmt beim Begriff "Gratismentalität" also weder "Mentalität" noch "Gratis".
  • Der Begriff "Gratismentalität" verschleiert das Problem
    Ein funktionierender Markt für digitale Kulturgüter wird dringend benötigt, zum Teil ist er schon vorhanden, zu einem anderen Teil holpert er seiner Entstehung entgegen. Nur funktioniert dieser - wie ungefähr alle neu entstandenen Märkte zuvor - nach anderen Regeln. Die offensive Häufigkeit, mit der der Begriff "Gratismentalität" wiederholt wird, hat etwas von Autosuggestion: Das Problem möge doch bitteschön bei den ungezogenen Kunden liegen und damit nicht im eigenen Angebot. Dabei ist der Kauf digitaler Güter auch zweihundert Jahre nach Erfindung des Internets noch eine bizarre Zumutung. Musik lässt sich für den Käufer nicht ohne weiteres auf allen Geräten abspielen, populäre Filme und TV-Serien sind oft gar nicht legal zu kaufen und die E-Book-Industrie spielt zehn Jahre später jeden einzelnen Fehler der Musikindustrie nach. Allein schon für die Existenz von hartverdrahtetem DRM - das nicht ein einziges Filesharing verhindert und jedem kaufenden Kunden die Wutglut in den Kopf treibt - müssten die Inhalteindustrien jeden Tag beschimpft werden.

Filesharing ist in manchen Kulturbereichen tatsächlich ein Problem, und unfair bleibt der illegale Download auch unabhängig von den beschriebenen, komplexen Gründen. Wer aber eine "Gratismentalität" insgesamt dafür verantwortlich macht, verkennt das derzeit wichtigste Geschäftsprinzip des Internets: den Verkauf von Aufmerksamkeit. Weltkonzerne wie Google, Facebook und SPIEGEL ONLINE verdienen ihr Geld mit Leistungen, die der Nutzer nur indirekt bezahlt.

Die fatale Gleichsetzung von Kultur und Kulturindustrie

Das Traurigste am Begriff "Gratismentalität" aber ist, dass er impliziert, dass nichts wert sei, was nichts koste - also die fatale Gleichsetzung von Kultur und Kulturindustrie. Natürlich braucht Kultur einen Markt, eine Industrie, eine wirtschaftliche Infrastruktur. Aber diese mit dem schöpferischen Prozess gleichzusetzen, kommt genau der Entwertung der Kreativität gleich, die Leute wie Bernd Neumann nach eigenem Verständnis zu bekämpfen glauben.

"Gratismentalität" abschätzig zu sagen, heißt damit, jeden nicht wirtschaftlich arbeitenden Kulturschaffenden herabzuwürdigen. Hinter einem abwertenden Ton des Begriffs "Gratismentalität" versteckt sich ein gruselig marktgesteuertes Verständnis von der gesamten Kultur und der Art, wie sie entsteht. Es entsteht automatisch die schlimme Gleichung: Echte Kulturschaffende seien nur die, die am Markt erfolgreich sind.

Bernd Neumann ahnt offenbar selbst, wie unsinnig der pauschale Schuldbegriff "Gratismentalität" ist. Er hat 2011 und 2012 nur eine einzige Rede gehalten, in der zwar das Wort Internet vorkam, aber nicht gleichzeitig auch "Gratismentalität". Es handelte sich um die Dankesrede, als Neumann von der Gema mit der Richard-Strauss-Medaille ausgezeichnet wurde. Bumm - die Gema existiert, damit Musikschaffende auch dann profitieren, wenn der Nutzer nicht direkt für Musik bezahlt, etwa, weil ein Lied im Radio läuft. Smells like "Gratismentalität".

tl;dr

Den Begriff "Gratismentalität" abschätzig zu verwenden, ist kurzsichtig, kontraproduktiv und kulturgeschichtsvergessen.

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insgesamt 137 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lobo mal wieder
neu_ab 18.12.2012
Zitat von sysopSpeziell im Großraum Internet. Woanders wird diskutiert, ob "Piraterie" für Urheberrechtsvergehen nicht eine etwas überzeichnete Metaphorik ist, weil sie Gewaltverbrechen und illegales Downloaden auf eine Stufe stellt.
Wie alt ist dieses Juwel hochgeistiger Erkenntnis in etwa? 10 Jahre?
2. schön
thseeling 18.12.2012
sogar sehr schön geschrieben!
3.
freekmason 18.12.2012
Zitat von neu_abWie alt ist dieses Juwel hochgeistiger Erkenntnis in etwa? 10 Jahre?
in der politik und industrie etwa -10 jahre.
4.
thomas_gk 18.12.2012
Lobo und Neumann vertreten zwei unterschiedliche Denkansätze zum Thema Internet und dessen Inhalten und haben, wahrscheinlich auch, da sie unterschiedlichen Generationen entstammen, unterschiedliche Blickwinkel. In Lobos Artikel lese ich einen Vorwurf, dass der Herr Neumann nicht seine (Lobos) Sichtweise teilt. Kann ich nicht nachvollziehen.
5. Keine Mentalitätsfrage?
nikoniac 18.12.2012
Was ist es dann, wenn Apps, die offiziell weniger als einen Euro kosten, einen Piraterieanteil von über 95% erreichen? Werden solch aufwändig programmierte Apps für diesen Preis etwa unfair von der bösen Industrie angeboten? Es wird dringend Zeit, Kindern und Jugendlichen dafür zu sensibilisieren. In Schülerkreisen gilt: was man so leicht kopieren kann, darf man auch kopieren. Dass das mit einem ganz normalen Diebstahl gleichzusetzen ist, ist bei vielen einfach noch nicht angekommen.
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In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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